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"Von großer Unsicherheit geprägt"

Frauenberatungsstellen unterstützen Betroffene dabei, ihre individuelle Situation zu verbessern.

Die Gewalt an Frauen nimmt nicht ab. Jede fünfte Frau in Österreich ist täglich sexueller oder/und körperlicher Gewalt ausgesetzt. Gerade betroffene Frauen brauchen geeignete Anlaufstellen und Beratungsmöglichkeiten und jemanden, der ihnen den Rücken stärkt. Und genau in diesem Bereich kürzt die Bundesregierung. oegb.at hat bei Elisabeth Cinatl, Vorstandsvorsitzende des Netzwerks österreichischer Frauen- und Mädchenberatungsstellen, nachfragt, mit welchen Problemen Frauen am häufigsten konfrontiert sind, was sich ändern muss und welche Auswirkungen die geplanten Kürzungen haben.  

Warum sind Frauenberatungsstellen notwendig?
Elisabeth Cinatl: Frauen- und Mädchenberatungsstellen unterstützen Frauen und Mädchen dabei, ihre individuelle Situation zu verbessern, und sie sind im Bereich Aufklärungs- und Bildungsarbeit sowie in der Gewaltprävention tätig. Neben diesen individuellen Unterstützungsangeboten sehen Frauen- und Mädchenberatungsstellen ihre Rolle auch darin, auf struktureller Ebene daran mitzuarbeiten, dass Frauen die gleichen Lebensbedingungen erreichen wie Männer. Denn trotz vieler frauenpolitischer Errungenschaften besteht nach wie vor Chancenungleichheit zwischen Frauen und Männern – ungleich verteilte unbezahlte Versorgungsarbeit, ungleicher Lohn, Gewalt gegen Frauen und Mädchen. 

Wer kann das Angebot in Anspruch nehmen?
Cinatl: Jedes Mädchen / jede Frau kann die Angebote der Frauen- und Mädchenberatungsstellen in Anspruch nehmen – ungeachtet ihres Alters, ihrer Herkunft, ihrer sexuellen Orientierung, Behinderung/Beeinträchtigung.

Mit welchen Problemen wenden sich Betroffene am häufigsten an Sie?
Cinatl: Jede Frau und jedes Mädchen kann sich mit jeder Frage- und Problemstellung an die Frauen- und Mädchenberatungsstellen wenden. Dennoch gibt es drei Themen, die am häufigsten thematisiert werden, wobei zu bedenken ist, dass diese Themen oftmals miteinander verwoben sind: Gewalt in allen Formen, Doppel- und Mehrfachbelastungen von Beruf und Versorgungsarbeit von Kindern und/oder älteren Menschen und Beziehungsprobleme bis hin zur Trennung und Scheidung.

Wie viele Anfragen haben sie durchschnittlich pro Jahr?
Cinatl: Es wenden sich rund 1.000 Frauen pro Jahr an eine Frauenberatungsstelle – telefonisch, per E-Mail oder persönlich.

Das Förderbudget des Frauenministeriums wurde für 2018 gekürzt. Inwiefern sind Frauen- und Familienberatungsstellen davon betroffen?
Cinatl: Das Jahr 2018 war für die Frauen- und Familienberatungsstellen in finanzieller Hinsicht von großer Unsicherheit geprägt. Die Förderzusagen - in derselben Höhe wie 2017 - für anerkannte Frauenservicestellen wurden erst im Sommer zugestellt und überwiesen, viele Frauenprojekte wurden im Laufe des Jahres gekürzt bzw. die Subventionen zur Gänze gestrichen.
Die Förderungen für die Familienberatungsstellen, die quartalsweise überwiesen werden, wurden ohne vorherige Information im 2. Quartal verringert ausbezahlt. Die konkrete gekürzte Fördersumme wurde den Familienberatungsstellen ebenfalls erst im Laufe/Ende des ersten Halbjahres übermittelt. Dadurch wurde eine finanzielle Planung erschwert – ja sogar verunmöglicht.
Aufgrund der nichtexistierenden Indexanpassungen der Förderungen haben die Frauen- und Mädchenberatungsstellen jedes Mal die Differenz zwischen indexangepassten Personalkosten und gleichbleibenden Förderungen auszugleichen. Dass dieses Defizit jedes Jahr größer wird, liegt auf der Hand. Kommen nun noch Förderkürzungen dazu, bleibt den Beratungsstellen trotz steigender Nachfrage als einzige Möglichkeit, Personalstunden zu kürzen und damit weniger Beratung anzubieten.

Woran müsste die Gesellschaft arbeiten und was müssten gerade auch Männer, besonders im Hinblick ihres Umgangs mit Frauen, ändern?
Cinatl: Die Leistungen von Frauen wie etwa Versorgungsarbeit, Haushalt und Beruf, die das Fundament einer Gesellschaft bilden, müssen anerkannt werden und dürfen nicht mehr zu (finanziellen) Nachteilen führen. Es braucht eine klare Haltung gegen Gewalt an Frauen. Diese kann nur erreicht werden, wenn einengende und abwertende Geschlechtsrollenerwartungen angesprochen und somit enttabuisiert werden. Eine Auseinandersetzung mit diesen seit Jahrhunderten existierenden Diskriminierungen sollte im Bildungsbereich Eingang finden. Ziel ist es, dass Frauen auf allen Ebenen auf Augenhöhe begegnet wird und dass Männer Frauen als gleichwertig anerkennen. Denn nur dadurch ist es Frauen und Mädchen möglich, ihr Leben selbstbestimmt zu gestalten.

Mehr Informationen:
Netzwerk österreichischer Frauen- und Mädchenberatungsstellen
Frauenberatung Kassandra
Verein Wendepunkt

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