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Wie es denen geht, die dir dein Essen nach Hause liefern

Systemrelevant und prekär beschäftigt: FahrradbotInnen in der Krise

In den letzten Wochen hat sich gezeigt, dass manche Jobs trotz hoher Gesundheitsrisiken weiter funktionieren müssen. Neben offensichtlichen Berufsfeldern wie dem Sicherheitsapparat, dem Gesundheitswesen und den Dienstleistungen des täglichen Bedarfs, die zurecht als systemrelevant definiert wurden, zählen dazu aber auch weniger offenkundige – zum Beispiel Zustelldienste. Aber wie geht es eigentlich den Botinnen und Boten in ihrem Job? Robert Walasinski blickt für oegb.at hinter die Kulissen.

Stress und Gefahr für wenig Geld

Der Aufruf, die eigenen vier Wände nicht zu verlassen, die Schließung von Gastronomie und Geschäftslokalen, die Verlagerung ins Home Office und die generelle Furcht vor Ansteckung haben die Hauszustellung für viele Menschen in Österreich unverzichtbar gemacht. Nach den Arbeitsbedingungen der BotInnen hat allerdings kaum jemand gefragt. Schon vor der Corona-Krise waren diese geprägt von Zeitstress, körperlicher Belastung, Verletzungsgefahr im Verkehr und niedriger Entlohnung. Mit Covid-19 kam dann auch noch die Gefahr einer Ansteckung hinzu. FahrradbotInnen der großen Essenszustellplattformen Mjam und Lieferando sind in der Krise von Restaurant zu Restaurant, von KundInnen zu KundInnen gefahren, haben tausende Türgriffe und Glocken berührt, sind KollegInnen und Angestellten begegnet und haben damit einen bedeutenden Teil dazu beigetragen, die Gesellschaft am Laufen und versorgt zu halten.

Das System dahinter

Neben den anstrengenden und gefährlichen Arbeitsbedingungen sind die meisten BotInnen prekär beschäftigt. Viele der BotInnen wissen gar nicht, ob in ihrem konkreten Fall ein Normalarbeitsverhältnis oder ein freier Dienstvertrag vorliegt. Diese Situation machen sich die Arbeitgeber der Branche zu Nutzen – allen voran die beiden Platzhirsche in Österreich: die milliardenschweren Konzerne Takeaway.com (Lieferando) und Delivery Hero (vormals Foodora, jetzt Mjam). Die Unternehmen sprechen selbst nur von ihren „eigenen“, direkt unter Vertrag stehenden BotInnen. Diese sind bei Lieferando ausschließlich angestellt und mit dem FahrradbotInnen-Kollektivvertrag gegen Lohndumping und Prekariat geschützt. Beim Konkurrenten Mjam gibt es ein Mischsystem mit geschätzten zehn Prozent fix angestellten BotInnen, der Rest sind freie DienstnehmerInnen.

Unsicherheit regiert

Im Hintergrund haben diese Plattformen zusätzlich SubunternehmerInnen unter Vertrag genommen, die ihrerseits „Selbstständige“ engagieren, die pro Bestellung bezahlt werden. Je nach Auftragslage können zwischen 6 und 10 Euro brutto in der Stunde verdient werden. Dabei bleiben allerdings Wartezeiten unbezahlt und krankheitsbedingte Ausfälle werden zum eigenen unternehmerischen Risiko. Auch bei 50 bis 60 Stunden in der Woche bleibt das Einkommen oft unter dem durch den Kollektivvertrag geregelten Mindestlohn von 1.500 Euro. Erschwerend kommt hinzu, dass diese äußerst prekären Jobs häufig von Personen im Asylverfahren angenommen werden und für diese oftmals die einzige Einkommensmöglichkeit darstellen, da ihnen als Asylwerbende der Zugang zum normalen Arbeitsmarkt verwehrt wird. Doch auch für Beschäftigte aus Österreich gilt: Die BotInnen sind nur sehr schlecht bis gar nicht sozial abgesichert, Ausfälle wegen Krankheit oder – wie in der Corona-Krise – auf Grund von Vorsichtsmaßnahmen bei Verdachtsfällen, sind finanziell nicht verkraftbar.

Mark ist Fahrradbote bei Mjam. Dass er als freier Dienstnehmer beschäftigt ist, bringt viele Nachteile mit sich.

Plötzlich brach das Trinkgeld weg

Mark (Name von der Redaktion geändert) arbeitet seit über einem Jahr hauptberuflich als Fahrradbote für den Essenszustelldienst Mjam in Wien. Er ist, wie 500 seiner KollegInnen, als freier Dienstnehmer unter Vertrag. Die Entlohnung setzt sich aus einem Grundtarif von acht Euro pro Stunde und – ab einer gewissen Anzahl von Bestellungen – Überzahlungen pro geleisteter Arbeitsstunde zusammen. Bezahlten Urlaub, Krankenstand oder Sonderzahlungen gibt es nicht. Er beschreibt die ersten Wochen des Lockdowns als chaotisch und schwierig, in organisatorischer, aber vor allem auch finanzieller Hinsicht: „Es war nicht klar, welche Restaurants offen haben, oft gab es Leerfahrten, die Wartezeiten waren um einiges länger als üblich. Auch das Prozedere der „kontaktlosen Übergabe“, welches von der Plattform eingeführt wurde, erschwerte den Ablauf. Vor allem aber verringerte die kontaktlose Übergabe einen essenziellen Teil des Einkommens: das Trinkgeld.“ Nach Bestellung bezahlt, ist Mark davon abhängig, dass die Abläufe gut getaktet sind und auch der Kundenkontakt ist ein fixer Bestandteil der Arbeit. Somit muss er als freier Dienstnehmer aufgrund des Verlusts des Trinkgeldes, längerer Wartezeiten und längerer Strecken mehr Stunden in der Woche arbeiten, um auf dasselbe Gehalt zu kommen.

Unternehmen bot keine Unterstützung

Marks Angaben zufolge gab es in der Krise bis auf wöchentliche Emails, die zur Vorsicht mahnen, keine Unterstützung von Seiten des Unternehmens. Schutzausrüstung wie Masken und Desinfektionsmittel wurden von den FahrerInnen selbst organisiert, die versprochenen Maßnahmen in den Restaurants, die eine (vom Unternehmen geforderte) Desinfektion der Hände und der Arbeitsmittel während der Arbeit erlauben würden, wurden nicht flächendeckend umgesetzt. Immer öfter kam es vor, dass den BotInnen selbst die Verwendung der WC-Anlagen verboten wurde und somit Händewaschen bzw. Notdurft verrichten verunmöglicht wurde; im Verweis auf öffentliche WC-Anlagen erkennt Mark „in Zeiten einer Pandemie einen gewissen Zynismus“. Er verlangt mehr Engagement vom Arbeitgeber. Unter anderem hätten Masken seiner Meinung nach von Beginn an zur Verfügung gestellt werden müssen, statt nur auf die Eigeninitiative der BotInnen zu setzen. Auch Hinweise von BotInnen, dass sich bestimmte Restaurants nicht an die COVID-Verordnung halten und damit die Gesundheit der BotInnen und Restaurant-Bediensteten gefährden, blieben ohne Konsequenz. Eine Zulage für die erhöhte Gefahr und die entfallenen Bestellungen wären laut Mark mehr als angebracht gewesen.

Prekäre Beschäftigung zurückdrängen

Die Sorge um die eigene Gesundheit und die der Mitmenschen fuhr in der Corona-Zeit bei Mark jedenfalls ständig mit. Und im Vergleich mit fix angestellten BotInnen wiegt Marks Sorge doppelt schwer: Neben der Gefährdung der Gesundheit geht es für ihn auch darum, dass er sich als freier Dienstnehmer einen krankheitsbedingten Ausfall finanziell schlichtweg nicht erlauben kann. All diese Umstände lassen aus gewerkschaftlicher Sicht nur einen richtigen Schluss zu: Prekäre Beschäftigung, die weder Mindestlöhne, bezahlte Krankenstände, Maximalarbeitszeit oder Urlaub kennt, muss zurückgedrängt werden. Und das kann nur gemeinsam erreicht werden – in einer starken Gewerkschaft.

Mitglied werdenSpezielle Angebote für atypisch Beschäftigte: https://aufdeinerseite.at/

Über den Autor: Robert Walasinski arbeitet im internationalen Referat des ÖGB und beschäftigt sich mit den Arbeitsverhältnissen bei Plattformen, insbesondere App-basierten Lieferdiensten, in einem internationalen Kontext. Zuvor war er selbst jahrelang Fahrradbote und Betriebsratsmitgründer bei Foodora (jetzt Mjam).

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