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"Für Mangel an Arbeitskräften sorgen"

Kürzere Arbeitszeiten verbessern die Qualität der Arbeit, sagt Universitätsprofessor Dr. Jörg Flecker im Interview.

Solidarität: Können kürzere Arbeitszeiten Jobs schaffen?

Flecker: Der Zusammenhang zwischen der Länge der Arbeitszeit und der Anzahl von Arbeitsplätzen hat sich sehr deutlich bei der Einführung der Kurzarbeit zur Bewältigung der Krise ab 2008 gezeigt. In Österreich, Deutschland und anderen Ländern konnten auf diese Weise viele Arbeitsplätze erhalten werden. Auch die Schritte der Arbeitszeitverkürzung in der Vergangenheit haben Beschäftigung gesichert und die Arbeit auf mehr Menschen aufgeteilt. Der Beschäftigungseffekt hängt aber von den Bedingungen der Arbeitszeitverkürzung ab. Wird im Tausch die Arbeitszeit stark flexibilisiert, werden weniger Arbeitsplätze geschaffen. Sinken die Löhne durch eine Verkürzung der Arbeitszeit, geht Kaufkraft verloren, was wiederum nachteilig für die Beschäftigung ist. Heute wird ja die Arbeitszeit tendenziell immer länger. Wenn viele Beschäftigte lange arbeiten und später in Pension gehen, bedeutet das weniger Chancen auf einen Arbeitsplatz für andere.

Sind heimische ArbeitnehmerInnen flexibel?
 
Viele ArbeitnehmerInnen sind flexibler und mobiler als ihnen gut tut. Oft bleibt ihnen nichts anderes übrig, als weite Strecken zu pendeln, Überstunden zu leisten, ob diese nun bezahlt werden oder nicht, und sich im Hinblick auf ihre Arbeitszeit nach den betrieblichen Bedürfnissen zu richten. Wir haben aber keinen einheitlichen, sondern einen gespaltenen Arbeitsmarkt mit sehr unterschiedlichen Bedingungen: Während es einzelne Bereiche gibt, in denen die ArbeiterInnen und Angestellten die Arbeitszeit nach ihren Bedürfnissen gestalten können, gibt es große flexible Bereiche der Arbeitswelt, in denen sich die ArbeitnehmerInnen an teils unzumutbare Bedingungen anpassen müssen. So wurden die Zumutbarkeitsbedingungen für Arbeitslose verschärft, wodurch man nun sehr lange Arbeitswege in Kauf nehmen muss. Durch Auslagerungen und durch den Einsatz von Leiharbeitskräften, freien DienstnehmerInnen oder befristet Beschäftigten steigen die Flexibilitätsanforderungen weiter.

Das Arbeitszeitgesetz ist ein Schutzgesetz, aus der Sicht der Wirtschaft aber zu restriktiv …

Das Arbeitszeitgesetz ist zweifellos ein wichtiger Schutz für die ArbeitnehmerInnen. Es wird aber immer schwieriger, die gesetzlichen Bestimmungen durchzusetzen angesichts flexibler Arbeitszeiten, größerer Selbständigkeit in der Arbeit und der Tatsache, dass die Beschäftigten immer direkter mit den Zwängen des Marktes konfrontiert werden. Und oft wünschen sich die ArbeitnehmerInnen selbst lange tägliche Arbeitszeiten, dafür eine kürzere Woche oder längeren Zeitausgleich. Das ist aber auf Dauer für die Gesundheit nicht das Beste. Generelle Regeln für die Länge der Arbeitszeit, für Ruhezeiten etc. schützen dann die ArbeiterInnen und Angestellten auch vor sich selbst.

Welche Möglichkeiten sehen Sie noch um Druck und Stress zu verringern?

Sehr wichtig ist, dass in der Abteilung oder im Betrieb so viele Personen wie für den Umfang der Arbeit nötig beschäftigt werden – auch unter Berücksichtigung von Krankenständen, Urlauben und phasenweise höherem Arbeitsanfall. Eine zu knappe Personalbemessung setzt nicht nur alle unter stärkeren Druck, sie gefährdet auch die Ruhezeiten, weil man vielfach für andere einspringen muss, wenn keine personellen Reserven da sind. Die steigende Unsicherheit des Arbeitsplatzes ist für viele eine Belastung und zwingt die Arbeitenden häufig zu besonders intensiver Arbeit – in der Hoffnung, sich dadurch absichern zu können. Letztlich hängt die Qualität der Arbeit von den Machtverhältnissen auf dem Arbeitsmarkt ab: Suchen viele Arbeit, müssen die Unternehmen die Arbeit weniger attraktiv gestalten als bei einem Arbeitskräftemangel. Will man die Qualität der Arbeit nachhaltig verbessern, muss man für einen Mangel an Arbeitskräften sorgen. Und das wäre mit einer radikalen Arbeitszeitverkürzung, zum Beispiel auf 30 Stunden für Männer und Frauen, erreichbar.

Dr. Jörg Flecker, geb. 1959 in Graz, ist Universitätsprofessor am Institut für Soziologie der Universität Wien und Obmann der Forschungs- und Beratungsstelle Arbeitswelt (FORBA).

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