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Was Corona mit unserer Seele macht

Psychologe Roland Bugram schildert im oegb.at-Gespräch, wie die menschliche Seele auf die Corona-Pandemie reagiert

Die Corona-Krise hat viele Menschen seelisch verwundet. Die Einschränkung sozialer Kontakte, beruflicher Druck und finanzielle Sorgen, sowie Spannungen innerhalb der Familie wirkten sich stark auf die Psyche aus.

In Zeiten hoher psychischer Belastungen brauchen die Betroffenen beste Versorgung. Die Österreichische Gesundheitskasse (ÖGK) reagiert auf den gestiegenen Bedarf und kündigt an, dass ab Jänner 2021 das Angebot für Psychotherapie auf Kassenkosten massiv erhöht wird. Für rund 20.000 Versicherte wird es zusätzlich rund 300.000 Therapiestunden geben. Die ÖGK pumpt 15 Millionen Euro in diesen Ausbau. 

Zusätzliche Hilfe, die dringend nötig ist. Der Psychologe Roland Bugram schildert im Gespräch mit oegb.at was Corona mit der Seele macht, was wir von Kindern in der Krise lernen können und wie sich die Psyche auf das künftige Arbeiten auswirkt. 

„Es wäre notwendig, über psychische Anliegen offen zu sprechen", sagt Psychologe Roland Bugram.

oegb.at: Was macht Corona mit unserer Seele?  

Bugram: Den größten Stressfaktor im Bewusstsein des Menschen löst das Unbekannte aus. Es ist nicht die Angst vorm Sterben und es sind auch keine Versagensängste, sondern die Angst des Unerwarteten. Also wir wissen nicht, wie es weitergehen wird, das macht uns Angst. Diese nehmen Menschen mit verschiedener Intensität auf. Manche gehen sicher durch das Leben, andere sind vorsichtiger und ängstlicher. Junge Menschen beispielsweise gehen unbedarft durch das Leben. Erwachsene sind da schon vorbelastet, haben Erfahrungen mit Verlust und Tod, reagieren dann auch anders.  

"Den größten Stressfaktor im Bewusstsein des Menschen löst das Unbekannte aus. Wir wissen nicht, wie es weitergehen wird, das macht uns Angst." 

oegb.at: Kann man als Erwachsener etwas von Kindern lernen? 

Bugram: Ja, ihre Unvoreingenommenheit. Kinder gehen grundsätzlich unbekümmert in den Tag hinein. Wenn die Schule beginnt, freuen sie sich darauf ihre Schulkameraden zu sehen – alles andere blenden sie erstmal aus. Es ärgert sie zwar ein wenig, dass sie die Masken tragen müssen, aber sie sind nicht so belastet, wie wir es als Erwachsene es sind.

Wir ärgern uns über die Corona-Ampel und manche über die Maske und so weiter. Jene Menschen, die schon vor der Pandemie aus einem instabilen Umfeld kommen, sind jetzt doppelt gefährdet. Sie erleiden einen umso größeren seelischen Schaden. Dann haben sie Panikattacken, sie leben in ständiger Angst. Das schlimme dabei ist, wenn sich die Psyche verändert, dann kann man sie nicht mehr zurück zum Ursprung bringen. Die Seele ist dann belastet.  

"Menschen, die schon vor der Pandemie aus einem instabilen Umfeld kommen, sind jetzt doppelt gefährdet. Sie erleiden einen umso größeren seelischen Schaden."

oegb.at: Kann man diese Schäden an der Seele ausheilen lassen?  

Bugram: Diese Menschen brauchen Hilfe. Eigentlich müsste man diese Menschen wieder vorsichtig in die Gesellschaft führen. Die Angst und die Unsicherheit ist so manifestiert, dass es nur mit viel Aufwand möglich ist, diese zu beseitigen. Das gilt für alle Altersklassen, also alle sind gleichermaßen davon betroffen.

Dieses Phänomen kann man auch beim Homeoffice beobachten. Viele, die nun monatelang im Homeoffice waren, sind empfindlich geworden und machen sich Sorgen oder haben sich an die Situation gewöhnt. Wieder in die Arbeit zu gehen, stellt einen Bruch dar. Da gibt es Menschen zwischen 40 und 50, die sagen es geht für sie nicht mehr.

Die Haut ist dünner geworden, man reagiert gereizter. Das man aus dem Homeoffice gestärkt wieder in die Arbeit geht ist nur bei den wenigsten so. Homeoffice wird hier ein Modell für die Zukunft sein. Die Pandemie führt auch zu mehr Frust, Stimmungsschwankungen, Antriebslosigkeit – vor allem trifft es die Mittelschicht.  

"Es ist immer noch nicht salonfähig geworden über psychische Anliegen offen zu sprechen. Dies wäre aber notwendig."

oegb.at: Nun sind viele Menschen vom seelischen Schmerz gezeichnet. Sprechen wir in Zeiten von Corona offener darüber?  

Bugram: Leider nein. Also es ist immer noch nicht salonfähig geworden über psychische Anliegen offen zu sprechen. Dies wäre aber notwendig. Denn die Suizidraten haben nicht abgenommen, die Erkrankungen sind nicht weniger geworden und die stationären Einrichtungen sind völlig überfüllt. Eine Dame, die ich kenne, musste nach zehn Tagen wieder heimgeschickt werden, weil kein Platz mehr für sie war. Obwohl ihr es noch lange nicht gut ging. Das Thema wird in den Medien leider selten behandelt, obwohl es sehr wichtig wäre. Es braucht in diesem Bereich mehr von allem.  

oegb.at: Können Sie sich an eine Zeit in ihrer Vergangenheit erinnern, die ähnlich war?  

Bugram: Es gab einige Ereignisse, die aber weiter weg waren: Ich rede vom 11. September oder vom Tsunami, das hat viele Menschen betroffen gemacht. Aber eher für eine kurze Zeit. Jetzt ist es anders. Jeder kennt wen, der irgendwie mit dieser Sache zu tun hatte. Das macht es unvergesslich und sehr spürbar. Solch eine Situation habe ich noch nicht erlebt.   

oegb.at: Was könnte man bei einer erneuten Situation wie diese künftig machen? 

Bugram: Zurzeit wird viel geforscht. Das Thema wird aus verschiedenen Blickwinkeln durchleuchtet, somit bekommen wir ein Gefühl, wie wir damit künftig umgehen können. Grundsätzlich kann es aber auch einen Schritt zurückgehen, nämlich dann, wenn man sich nicht mehr viel Gedanken macht darüber und es vielleicht nicht mehr ernst nimmt. Man wird abgestumpfter.

Ich glaube aber auch, dass wir alle durch diese Krise grundsätzlich einiges gelernt haben. Die Mobilität hat sich drastisch verändert. Fahrrad fahren ist wieder groß. Zug vor Flugzeug und so weiter. Wir gehen auch öfter in die Natur, wir essen gesünder, wir machen Sport, wir nehmen das Klimaproblem ernster und vieles mehr.  


Zur PersonDer Grazer Roland Bugram arbeitet in der klinischen Psychologie und in der Gesundheitspsychologie. 
 

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