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ÖGB - Österreichischer Gewerkschaftsbund

„Ich kann meist erst dann arbeiten, wenn die Kinder schlafen."

Wie Österreichs Eltern versuchen, Arbeit und Kinderbetreuung während der Corona-Krise unter einen Hut zu bringen

Schulen und Kindergärten in Österreich sind aufgrund des Coronavirus aktuell entweder geschlossen oder sehr eingeschränkt geöffnet. Die Bundesregierung hat daher aufgerufen, alle Kinder bis auf Weiteres zuhause zu betreuen, wenn es irgendwie möglich ist. Das stellt alle Eltern und vor allem Alleinerziehende, 91 Prozent davon sind Frauen, vor massive Herausforderungen. Vom Staat gibt es wenig Unterstützung. oegb.at hat sich umgehört, wie Mütter aktuell die Doppelbelastung von Arbeit und Kinderbetreuung versuchen zu meistern.

Doppelbelastung Arbeit und Kinderbetreuung

Der Großteil der Eltern muss einerseits weiter ihrer Arbeit nachgehen und gleichzeitig zuhause Kinder betreuen und Bildungsarbeit leisten - manche von ihnen im Homeoffice, viele auch in besonders gefährdeten Branchen wie der Pflege. Die Notbetreuungsangebote in Schulen und Kindergärten wollen die meisten Eltern aufgrund der gesundheitlichen Risiken nicht nutzen. Gleichzeitig haben viele Angst, ihren Job zu verlieren.

Korinna Schumann

Extremsituation für Eltern – besonders für Frauen 

Carmen B. ist Redakteurin in Linz und arbeitet momentan im Homeoffice. Dazu muss sie ihre 1 ½- jährige Tochter betreuen, denn der Vater ist Journalist und aktuell berufsbedingt kaum zu Hause.  Nach drei Wochen Doppelbelastung ist Carmen mit ihren Nerven am Ende: „Am Anfang dachte ich noch, das geht schon irgendwie. Aber ich kann immer nur dann schnell arbeiten, wenn die Kleine isst oder schläft. Alles andere ist unmöglich. Zum Glück habe ich einen verständnisvollen Arbeitgeber. Home-Office mit Kleinkind ist ein Nervenkrieg.”

„Home-Office mit Kleinkind ist ein Nervenkrieg".Carmen B., Redakteurin

Sandra H. hingegen arbeitet nach wie vor als Krankenschwester im AKH in Wien, im Teilzeit-Dienst inklusive Nachtschichten, Wochenend- und Feiertagsdienst. Die Kinderbetreuung der zweijährigen Tochter übernimmt der Vater, der sich aufgrund einer schweren Vorerkrankung aktuell im Krankenstand zu Hause befindet. „Die Situation ist natürlich alles andere als ideal für meine Familie. Aber es muss ja irgendwie weitergehen. Ich versuche in dieser Zeit noch mehr als sonst, auf Hygiene- und Schutzmaßnahmen zu achten, um meine Familie zu schützen – zu Hause und in der Arbeit”, berichtet Sandra.

„Ich versuche in dieser Zeit noch mehr als sonst, auf Hygiene- und Schutzmaßnahmen zu achten, um meine Familie zu schützen."Sandra H., Krankenschwester

Volksschullehrerin Carina Z. aus dem Salzkammergut muss aktuell nicht nur ihre SchülerInnen von zu Hause aus betreuen, sondern auch ihre beiden eigenen Kinder, die ebenfalls im Volksschulalter sind. Der Vater arbeitet nach wie vor als Angstellter in einem Chemiebetrieb und nimmt sich zwischendurch Urlaub, um Carina bei der Kinderbetreuung zu entlasten. „Wir versuchen so gut es geht, unseren Tag zu strukturieren", erzählt Carina. „Meine Kinder brauchen mehr Aufmerksamkeit und Betreuung als in der Schule, zum Arbeiten komme ich meist erst am Abend." 

„Der Unterricht mit den SchülerInnen daheim ist schwierig - täglich neue Bestimmungen und viele Familien haben keine technische Ausrüstung." Carina Z., Volksschullehrerin

Dazu bekomme sie von der Direktorin jeden Tag neue Bestimmungen gibt, die für die Lehrerin relevant sind oder die an die Eltern weitergeben werden müssen. „Auch für die SchülerInnen daheim ist es schwierig, jede Schule arbeitet anders, manche arbeiten mit Computer andere nicht. Viele Familien haben aber die technische Ausrüstung gar nicht", so Carina.

Ulrike G. versucht sich die Kinderbetreuung ihrer beiden Kindergartenkinder (3 und 5 Jahre) so gut wie möglich mit dem Vater aufzuteilen, der im Schichtdienst bei der ÖBB arbeitet. „Die Kinder vermissen ihre Kindergartenfreunde und haben unendlich viel Energie, die raus muss – sie brauchen Beschäftigung. Manchmal kann die Arbeit erst dann erledigt werden, wenn die Kinder abends schlafen. Es geht sonst einfach nicht”, erzählt sie.

Die Kinder vermissen ihre Freunde und haben unendlich viel Energie, die irgendwie raus muss – sie brauchen Beschäftigung".
Ulrike G., Finanzwirtin

Die alleinerziehende Stephanie G. ist Mutter eines 12-jährigen Sohnes in Wien. Sie arbeitet als Grafikerin und hat von ihrem Arbeitgeber die Möglichkeit bekommen, die Sonderbetreuungszeit zu nutzen. Die drei Wochen sind allerdings jetzt aufgebraucht. „Wie geht es jetzt weiter?“, fragt sich Stephanie. „Nach einem schwierigen Start haben wir jetzt halbwegs Routine beim Home-Schooling. Aber keiner weiß, wann die Schulen wieder aufmachen werden. Es gibt keine Informationen.“

„Meine Sonderbetreuungszeit ist vorbei Wie geht es jetzt weiter? Wann werden die Schulen wieder aufgemacht? Es gibt keine Informationen."Stephanie G., Grafikerin

Frauen werden im Stich gelassen

Mittlerweile haben die Schulen bereits seit drei Wochen geschlossen, eine Lösung für die Doppelbelastung von Arbeit und Kinderbetreuung bzw. einen Ausbau der Sonderbetreuungszeit gibt es bisher nicht. Die einzige Möglichkeit für Eltern ist momentan, dass Mutter und Vater nacheinander je drei Wochen Sonderbetreuungszeit nutzen. Das müsste allerdings von beiden Arbeitgebern genehmigt werden.

Die Krise darf nicht auf dem Rücken der Frauen ausgetragen werden“, fordert ÖGB-Frauenvorsitzende und –Vizepräsidentin Korinna Schumann. Die Mehrfachbelastung von Haushalt, Kinderbetreuung und Arbeit auf oft engstem Raum unter einen Hut zu bekommen, führe zu Überforderung, Stress und schwierigen Belastungssituationen und bringe die Eltern an ihre Grenzen: „Es ist schlicht und einfach nicht möglich, beispielsweise im Home Office die volle Arbeitsleistung zu erbringen und nebenbei auch noch die Kinder zu betreuen und sie bei den Schularbeiten zu unterstützen.”

Der ÖGB fordert daher

  • Verlängerung der Sonderbetreuungszeit bis zur Wiederaufnahme des Regelbetriebs an Schulen und Kindergärten
  • Rechtsanspruch für alle Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer
  • Komplette Kostenübernahme durch den Bund
 

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