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Burgenland

Homeoffice: Die völlige Entgrenzung?

Wenn Job und Privatleben verschwimmen, leiden die ArbeitnehmerInnen. Der ÖGB zeigt den richtigen Weg.

„Eine totale Entgrenzung”, warnt Silvia Hruska-Frank, stellvertretende Leiterin der Abteilung Sozialpolitik der Arbeiterkammer Wien. „Die Frage von langfristigen Auswirkungen muss man sich noch stellen”, gibt Katharina Mader, Wissenschaftlerin der Wirtschaftsuniversität Wien, zu Bedenken. „Ungeregeltes Homeoffice ist sicher eine Katastrophe”, weiß Johannes Gärtner, Arbeitszeitexperte und Ximes-Geschäftsführer. Sie alle haben anlässlich des ÖGB-Sommerdialogs über ein großes Zukunftsthema gesprochen: Homeoffice.  

Druck auf ArbeitnehmerInnen wächst

Einig sind sich die ExpertInnen nicht nur über Chancen, sondern auch über die Gefahren der neuen Arbeitswelt: Die Grenze zwischen Privatleben und Beruf droht immer schwammiger zu werden. Bettina Kubicek, Forscherin der Karl-Franzens-Universität Graz, konkretisiert einen Teil des Problems: „Es droht die Gefahr, dass von den Beschäftigten Druck erlebt wird, länger erreichbar sein zu müssen, als das im Büro der Fall wäre – auch wenn das von der Führung nicht so kommuniziert wurde”, warnt sie.

Das Recht auf Nicht-Erreichbarkeit

In der Corona-Krise wurde Homeoffice zum Massenphänomen, der Austausch mit ExpertInnen ist für den ÖGB daher nur logisch. Das grundsätzliche Problem hat man aber schon viel länger erkannt und auch im zuletzt 2018 beschlossenen Grundsatzprogramm verankert.

Das Recht auf Nichterreichbarkeit in der Freizeit muss durch wirksame Maßnahmen, etwa Musterverfahren und erzwingbare Betriebsvereinbarungen durchgesetzt und gesichert werden.

Die digitalisierte Arbeitswelt verschärft Risiken, dass Beschäftigte gezwungen sind oder sich gezwungen fühlen, jederzeit erreichbar zu sein. Diese „Arbeit ohne Grenzen” führt zu Stress und Burnout. Daher braucht es in Zeiten allgegenwärtiger digitaler mobiler Kommunikation gesetzgeberische Maßnahmen auf nationaler und europäischer Ebene zur Begrenzung der allumfassenden Verfügbarkeit bzw. Erreichbarkeit.
ÖGB-Grundsatzprogramm 2018-2023

Flexibilität auf Kosten der ArbeitnehmerInnen

Ein häufiges Problem der sich verändernden Arbeitswelt ist auch, dass Flexibilisierung oft ausschließlich auf Kosten der ArbeitnehmerInnen passiert. „Homeoffice kann nur freiwillig sein", legt sich Barbara Teiber, Vorsitzende der GPA-djp, daher fest. Auch das Grundsatzprogramm des ÖGB greift das Problem auf:

Die Debatte um Flexibilität dreht sich in erster Linie um den grenzenlosen Einsatz vor Arbeitskräften und lässt außer Acht, dass es sich hierbei um Menschen handelt, die für ihr Wohlergehen auch Erholungsphasen, Privat- und Familienleben und Möglichkeiten autonomer Arbeitszeitgestaltung brauchen.

Die ArbeitnehmerInnen arbeiten dann, wenn Arbeit anfällt. Sie bekommen aber oft ihre Freizeit nicht dann, wenn sie sie brauchen.
ÖGB-Grundsatzprogramm 2018-2023

Mehrleistung muss bezahlt werden

In Ausnahmefällen kann es nötig sein, andere Lösungen zu finden. Dann ist für den ÖGB aber klar: 

Arbeitszeiten müssen sich an den Bedürfnissen der Menschen orientieren, ungesunde, familienschädigende und belastende Arbeitsmodelle müssen vermieden werden. Wo sie gesellschaftlich notwendig sind, müssen sie so gestaltet werden, dass diese Belastungen so weit wie möglich reduzieren und für die ArbeitnehmerInnen langfristig akzeptabel sind. Die Mehrbelastungen sind durch entsprechende Bezahlung abzugelten. 
ÖGB-Grundsatzprogramm 2018-2023

Wer betroffen ist, muss mitreden dürfen

Wesentlich ist bei allen Überlegungen, dass die ArbeitnehmerInnen und ihre BetriebsrätInnen eingebunden werden – das garantiert nämlich den Erfolg der Maßnahmen.  

Dabei müssen die Wünsche der ArbeitnehmerInnen im Vordergrund stehen.
ÖGB-Grundsatzprogramm 2018-2023

Das bestätigt auch die Grazer Wissenschaftlerin Bettina Kubicek: „Es zeigt sich bei allen Veränderungsprozessen, dass es immer positiver ist, wenn MitarbeiterInnen und deren Bedürfnisse einbezogen und ernst genommen werden. Es ist ja nicht so, dass Beschäftigte unrealistische Forderungen stellen, aber sie müssen integriert werden”, berichtet sie aus ihrer Forschung.

„Es braucht verpflichtende Vereinbarungen und Regelungen." ÖGB-Vizepräsidentin Korinna Schumann

Klappen kann das nur mit einem klaren Plan. „Es ist gekommen, um zu bleiben, aber es braucht verpflichtende Vereinbarungen und Regelungen, damit arbeiten im Homeoffice für die ArbeitnehmerInnen nicht zur Einbahnstraße wird”, fordert daher ÖGB-Vizepräsidentin Korinna Schumann.

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