Oberösterreich

ÖGB OÖ warnt: Pflegekräfte am Limit

Rasche Unterstützung für Personal in Spitälern und Heimen dringend notwendig

Das Pflegepersonal in Oberösterreich arbeitet am Limit. Dass jahrelange Forderungen der Gewerkschaft nach mehr Personal von der Landespolitik ungehört blieben, fällt nun Beschäftigten und PatientInnen auf den Kopf.

Damit das Personal durchhält, ist rasch eine Reihe von Verbesserungen notwendig. Dazu gehören kleinere Maßnahmen, die rasch wirken. Gleichzeitig führt der personelle Engpass in den Spitälern und Heimen deutlich vor Augen, dass es rasch eine Ausbildungsoffensive im Pflegebereich braucht.

Pflegekräfte am Limit

Die angespannte Lage in den oberösterreichischen Spitälern ist in aller Munde. Die Beschäftigten in Spitälern und Heimen fühlen sich alleingelassen, sie brauchen dringend Unterstützung.

„Wir machen bereits seit Jahren immer wieder darauf aufmerksam, dass in Oberösterreichs Krankenhäusern Personal fehlt. Eine Studie der Arbeiterkammer aus dem Jahr 2019, die zu dem Ergebnis kommt, dass 2.500 Beschäftigte in Oberösterreichs Spitälern fehlen, untermauert unsere Forderungen nach mehr Personal. Diese massive Unterbesetzung wurde von der Landesregierung zwar nicht bestritten, aber ignoriert. So sind wir mit – sogar für den Regelbetrieb - 20 Prozent Personal zu wenig in eine Pandemie gegangen“, beschreibt Branko Novakovic, Vorsitzender der ÖGB-Fachgruppe Gesundheits- und Sozialberufe, die Lage.

Personalmangel setzt Spitalsbeschäftigten zu

„Nun ist der Personalmangel dramatisch und für alle sichtbar. Unsere KollegInnen arbeiten tagtäglich auf Hochtouren, ohne Pause. Sie brauchen dringend Unterstützung!“, fordert Novakovic.

In den Spitälern werden aktuell zusätzlich zu den Stationen der Abteilungen für Lungenheilkunde noch weitere Stationen in Covid-Stationen umgewandelt. Den Beschäftigten wird hohe Flexibilität, sowohl fachlich als auch zeitlich, abverlangt. Kolleginnen und Kollegen zum Beispiel einer Station für Augenheilkunde pflegen nun bestätigte Covid-PatientInnen. Zur Betreuung einer Covid-Abteilung braucht es 50 Prozent mehr Personal als zur Betreuung einer Normalstation. Dienstpläne werden laufend geändert: einerseits, weil die Stationen umgewandelt und abteilungsfremdes Personal eingebunden werden muss, andererseits, weil regelmäßig positiv getestete KollegInnen ausfallen oder als Kontaktpersonen behördlich abgesondert werden.

Diesen Personalengpass bestätigt auch der Betriebsratsvorsitzende des Linzer MedCampus, Helmut Freudenthaler: „Schon vor der Corona-Pandemie hat der Mangel an Personal zu ständiger Überlastung geführt. Jetzt aber gehen Pflegerinnen und Pfleger ständig über ihre Grenzen, um das Leben und die Gesundheit der Covid-19-PatientInnen zu sichern. Ihre Anliegen zu hören und zügig umzusetzen, ist die Pflicht der DienstgeberInnen.“

Engpässe durch zusätzliche Arbeiten in Heimen

Auch in den Alten- und Pflegeheimen steigt der Arbeitsaufwand. Covid-positive BewohnerInnen müssen ohne ständige Anwesenheit von ÄrztInnen betreut werden, dazu kommen neue Tätigkeiten, wie etwa die Eingangskontrolle.

„Bei meinen Besuchen in verschiedenen Heimen stellte ich fest, dass teilweise Fachpersonal am Eingang gesessen ist und die Kontrollen durchgeführt hat. Diese Fachkräfte fehlen dann auf den Stationen“, erzählt Stefan Bauer, Zentralbetriebsratsvorsitzender des Sozialhilfeverbandes Linz-Land.

Erschwerend kommt in Heimen der herausfordernde Umgang mit dementen PatientInnen dazu, die beim Einhalten von Hygienemaßnahmen, beim Abstandhalten und beim Tragen des Mund-Nasen-Schutzes wenig kooperativ sind.

Prekäre Lage für mobile PflegerInnen

„Die Heldinnen und Helden der Krise werden beklatscht, aber selten wird in diesem Zusammenhang von den mobilen Diensten geredet. Die KollegInnen sind täglich in mehreren Privathaushalten unterwegs. Sie wissen nicht wer dort ein und ausgeht, wer gesund oder infiziert ist. Auf welche gesetzlichen Bestimmungen können sie sich berufen? Wie oder womit sollen sie feststellen ob sie gerade gefährdet sind?“, bringt es Leyla Özkan, Betriebsratsvorsitzende in der Volkshilfe Oberösterreich auf den Punkt. Die Beschäftigten sind dort ohne ärztliche oder weitere Unterstützung durch Kolleginnen und Kollegen auf sich allein gestellt. Es gibt anders als in Einrichtungen, in denen Besuche durch Externe eingeschränkt werden können, die Gefahr einer Ansteckung nicht nur durch die Klientinnen und Klienten selbst sondern auch durch deren Angehörige und BesucherInnen.

Versäumnisse der Vergangenheit rächen sich in der Pandemie

Die fehlenden Steuerungseffekte und fehlende Anreize für die Ausbildung in einem Sozial- oder Gesundheitsberuf wirken sich nun umso fataler aus. Auch Hilfspersonal, das ausgebildete Beschäftigte im Gesundheits- und Sozialbereich unterstützen könnte, damit diese ihren eigentlichen Aufgaben nachgehen können, wurde nicht aufgenommen. So passiert es nun, dass Pflegekräfte putzen und hauswirtschaftliche Tätigkeiten verrichten müssen, anstatt sich auf die tatsächliche Pflege von PatientInnen konzentrieren zu können.

Rasch Hilfspersonal für Spitäler und Heime aufnehmen

„Damit unsere Kolleginnen und Kollegen in den Spitälern durchhalten, braucht es rasche Hilfe. Es muss schnell Hilfspersonal aufgenommen werden, das die Beschäftigten entlastet und sie von Reinigungs- und Hauswirtschaftsarbeiten freispielt“, fordert Novakovic.

„Für Heime des Sozialhilfeverbands und Gemeinden wurde beschlossen, dass zusätzlich zum Pflegepersonal Hilfspersonal eingestellt werden kann. Diese Regelung soll auf alle Heime, auch auf die der anderen Träger, ausgeweitet werden“, ergänzt Bauer. Schon allein bei der Eingangskontrolle - Messung der Körpertemperatur, Registrierung der BesucherInnen und Kontrolle der Händehygiene und des Mund-Nasen-Schutzes – fallen genug zusätzliche Tätigkeiten an.

Parkmöglichkeiten, Essen und Kinderbetreuung für die Beschäftigten

Auch Maßnahmen, die auf den ersten Blick vielleicht wie Kleinigkeiten erscheinen, würden den Beschäftigten helfen, in dieser Ausnahmesituation durchzuhalten. „Wir brauchen Parkmöglichkeiten direkt bei den Spitälern für die Beschäftigten. Es muss wirklich nicht sein, dass wir von den Beschäftigten einer Covid-Station verlangen, zusätzliche Dienste zu machen um Personalmangel zu kompensieren und ihnen gleichzeitig überlassen, wie sie ihren Arbeitsalltag mit dieser Zusatzbelastung meistern“, schlägt der Krankenhausbetriebsrat vor. Er weiß aus der täglichen Praxis im Krankenhaus, dass die Beschäftigten oft keine Zeit haben, sich um ihre Verpflegung zu kümmern. „Es wäre unendlich hilfreich und sicher machbar, dass den KollegInnen das Mittagessen mit den Patientenessen auf die Abteilungen gebracht wird, dort wo sie es brauchen“, meint Novakovic.

Sofort, und nicht dann, wenn es zu eventuellen Schulschließungen kommt, muss die Kinderbetreuung für MitarbeiterInnen im Gesundheits- und Sozialbereich sichergestellt werden. Wie sollen sie sonst den Spagat zwischen Betreuungspflichten und Systemerhalt schaffen?

„Es braucht keinen Applaus, sondern oft nur kleine Verbesserungen“, ergänzt Özkan. „Das ist möglich durch ausreichend Schutzausrüstung auch für die Kolleginnen und Kollegen in der mobilen Pflege. Es wäre unheimlich wichtig, dass gerade die MitarbeiterInnen an der Basis mit mehr Personal und mehr Lohn, unterstützt werden, statt sie als die HeldInnen der Nation zu bezeichnen. Das waren sie auch schon vor Corona.“

Was muss man langfristig tun?

Langfristig braucht es in den Gesundheits- und Sozialberufen, vor allem in der Pflege und den Sozialbetreuungsberufen, deutlich mehr Personal. Ein Anreiz dazu könnten Stipendien sein, von denen man auch leben kann. „Damit sich jemand für einen Gesundheits- oder Sozialberuf entscheidet, braucht es aber auch ordentliche Bedingungen“, erneuert Novakovic seit Jahren getrommelte gewerkschaftliche Forderungen. Schon für das Jahr 2021 sind als erster Schritt zusätzliche Dienstposten zu schaffen, sowohl in den Spitälern und Langzeitpflegeeinrichtungen als auch in den mobilen Diensten: Nicht nur in den Gesundheits- und Sozialbetreuungsberufen sondern auch in der gesamten unterstützenden Struktur. Erst wenn diese Posten in den Stellenplänen erscheinen, werden wir wissen, dass die Politik es mit der Verbesserung der Arbeitsbedingungen tatsächlich ernst meint.

Um auch die Möglichkeiten zu schaffen, in die Gesundheits- und Pflegeberufe einzusteigen und ausreichend AbsolventInnen zu haben, ist es erforderlich, rasch – noch für das kommende Ausbildungsjahr – die Ausbildungskapazitäten aufzustocken.

Die Möglichkeit, Vollzeit zu arbeiten gehört genauso zu einer Attraktivierung des  Pflegeberufs wie etwa geregelte Arbeitszeiten. Ein weiterer Anreiz könnten attraktive Rahmenbedingungen sein, wie etwa betriebliche Kinderbetreuungseinrichtungen, gute Verkehrsinfrastruktur (von Zuschüssen zu öffentlichen Verkehrsmitteln bis zu Parkplatzangeboten) oder auch lebensphasenabhängige Arbeitszeitgestaltung.

„Brauchen rasche Hilfe in dieser Ausnahmesituation“

„Unser Gesundheitssystem gehört nach wie vor zu den besten der Welt. Wir wollen es ausbauen statt kaputtsparen. Wir wollen aber auch beste Arbeitsbedingungen für unsere Kolleginnen und Kollegen. Wir können zwar das Personal nicht klonen, aber wir können einen Pfad, eine Perspektive anbieten. Heute fordern wir aber vor allem rasche und effektive Unterstützung in dieser Ausnahmesituation, damit die Beschäftigten durchhalten“, so Novakovic.

 

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