CC BY-SA 2.0 Christoph Scholz, https://www.flickr.com/photos/140988606@N08/
Neue Studie

Amazon-PaketzustellerInnen: Ausgeliefert und alleingelassen

Kein anderer Konzern macht so viel Geld wie Amazon und beutet gleichzeitig seine PaketzustellerInnen so massiv aus

Es ist bekannt, dass Amazon mit seinen eigenen ArbeitnehmerInnen weltweit nicht zimperlich umgeht. Doch wie geht es den PaketzustellerInnen in Österreich? Die Arbeiterkammer (AK) und die Wirtschaftsuniversität (WU) Wien haben unter dem Titel „Systemrelevant, aber unsichtbar” eine Studie auf die Beine gestellt, die die Arbeitsbedingungen migrantischer und geflüchteter Amazon-ZustellerInnen während der COVID-19-Pandemie genauer unter die Lupe nimmt. 

10-Stunden-Tag ist üblich

Für die meisten ist der Job als ZustellerIn ihre einzige Einkommensquelle. Sie stammen aus Ungarn, Kroatien, Syrien, Iran und Afghanistan – fast alle von ihnen sind in den letzten zehn Jahren nach Österreich gekommen. Ein Befragter berichtet über die Arbeitslast seit der Pandemie: „Früher war es nur um die Weihnachtszeit so, jetzt ist es durchgehend so. Früher hat es immer geheißen, ein bis zwei Monate durchhalten und dann war es vorbei. Aber jetzt ist es immer so“. Sehr häufig wird auch von massivem Arbeitsdruck berichtet: „Die Arbeitsstunden sind vorgegeben: acht Stunden pro Tag. Aber wir arbeiten jeden Tag zehn Stunden und manchmal auch bis zu elf Stunden.“

Subunternehmer-Konstruktionen verschleiern Amazon-Verantwortung

Die prekären Arbeitsbedingungen können nicht direkt auf Amazon zurückgeführt werden, da Subunternehmer-Konstruktionen davorstehen und viele als Scheinselbstständige tätig sind. So schafft sich der Milliarden-Konzern Spielraum und schiebt Verantwortung ab. Ein Befragter schildert: „Amazon hat sich so der Mitarbeiter entledigt und uns stattdessen an die Zusteller ausgelagert. Amazon aber gibt weiterhin den Ton an und ist der ‚Chef’, ist aber gesetzlich nicht direkt für uns verantwortlich, da wir dort nicht angestellt sind.” 

MigrantInnen stark betroffen

Das ausbeuterische System funktioniert auch deshalb, weil es die Schwächsten in der Gesellschaft trifft: MigrantInnen. Studienautorin Judith Kohlenberger von der WU Wien: „Alle Zusteller, die wir im Rahmen der Studie befragen konnten, waren entweder selbst zugewandert oder hatten Flucht- und Migrationshintergrund.” Dieser Umstand sei in vielen Fällen schuld an der Ausbeutung, da durch unsicheren Aufenthaltsstatus, fehlende soziale Netze im Zielland, langwierige Anerkennung von im Ausland erworbenen Abschlüssen und Diskriminierungserfahrungen am heimischen Arbeitsmarkt zusätzlicher Druck entstehe, um prekäre ZustellerInnenjobs anzunehmen.

Keine Krankschreibung bei Knie- und Fußverletzungen

Viele Befragte verletzen sich auch regelmäßig während der Arbeit, beispielsweise am Knie oder am Fuß. Gleichzeitig gaben viele Befragte an, sich nicht krankschreiben zu lassen, weil sie Angst haben, den Arbeitsplatz zu verlieren oder keinen Lohn zu bekommen. Die Arbeitsrechtsverletzungen bei Amazon-ZustellerInnen stellen aber nicht nur ein individuelles, sondern auch ein gesamtgesellschaftliches Problem dar: Kranke ZustellerInnen gefährden (nicht nur während einer Pandemie) KollegInnen sowie KundInnen und stellen im Straßenverkehr ein Sicherheitsrisiko dar. Bei der Zustellung herrscht so hoher Zeitdruck, dass die vereinbarten Pausen nicht eingehalten werden können. Den ZustellerInnen bleibt oftmals nicht einmal genug Zeit, um auf die Toilette zu gehen.

Gewerkschaft fordert Gesetzesinitiative

Die Gewerkschaft vida nimmt seit Jahren dieselben Probleme in der Paketzustellung im Kleintransportgewerbe wahr, sagt Karl Delfs, Bundessekretär des Fachbereichs Straße in der Gewerkschaft vida. „Damit sich endlich etwas ändern kann, muss – wie von uns seit Jahren gefordert – an erster Stelle per Gesetz Transparenz in die nebulösen Strukturen der eigentlichen Auftraggeber und ihrer Subunternehmer gebracht werden“, fordert der vida-Gewerkschafter eine Haftung für die Versender von Paketen wie etwa Amazon. „Ohne eine gesetzliche Versenderhaftung können Dumpingpreise im Hintergrund und ohne Verantwortung weiter von Konzernen diktiert werden und das Ausbeuterkarussell kann sich weiterdrehen“. Daher nimmt Delfs die Bundesregierung in die Pflicht, hier endlich mit einer Gesetzesinitiative einen Riegel vorzuschieben.