Antonio Diaz - Adobe Stock
Arbeit & Psyche

“Es gibt immer noch zu wenig Psychotherapieplätze auf Kassenkosten”

Immer mehr ArbeitnehmerInnen leiden unter psychischen Beschwerden - und das nicht zuletzt aufgrund der Pandemie. Karin Gutiérrez-Lobos ist Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie an der MedUni Wien und hat mit oegb.at gesprochen

Die wenigsten ArbeitnehmerInnen sprechen offen über ihre psychischen Erkrankungen - zu groß ist die Gefahr eine Vorverurteilung im Job. Im schlimmsten Fall kann es für Betroffene dazu führen, dass Verträge nicht mehr verlängert oder Praktika beendet werden. Dabei leiden nicht wenige Arbeitnehmerinnen unter psychischen Beschwerden: Psychische Erkrankungen sind der dritthäufigste Grund für Arbeitsunfähigkeit in Deutschland – das stellte etwa der Dachverband der Betriebskrankenkassen in seinem Gesundheitsreport 2019 fest. In Österreich wird erst seit 2013 erhoben, welche Auswirkungen psychische und psychosoziale Belastungen am Arbeitsplatz haben. “Viel zu spät”, kritisiert Karin Gutiérrez-Lobos, Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie an der MedUni Wien, oegb.at hat mit ihr über die neue Arbeitswelt gesprochen. 

MedUni Wien/Matern

In einem Gastkommentar warnen Sie vor einem Teufelskreis aus psychischen Erkrankungen und Arbeitslosigkeit. Was können wir uns darunter vorstellen?

Psychische Krankheit und Arbeitslosigkeit hängen eng zusammen. Arbeitslosigkeit (und Armut) sind wesentliche Risikofaktoren für psychische Störungen. Diese treten Studien zufolge bei den Betroffenen doppelt so häufig wie bei Erwerbstätigen auf. Psychische Erkrankungen wiederum können negativen Folgen für das Arbeitsleben haben. Dies hängt mit den unterschiedlichen Verlaufsformen und Ausprägung der Krankheit, der Arbeitsplatzorganisation und der Stigmatisierung zusammen. Viele psychischen Erkrankungen beginnen zudem in jüngeren Jahren, gerade dann, wenn es um Ausbildung und den Berufsstart geht. 

Laut OECD weist Österreich im internationalen Vergleich eine ungewöhnlich niedrige Beschäftigungsquote für Menschen mit psychischer Erkrankung auf. Woran liegt das? 

Der Rechnungshof bemängelt in diesem Zusammenhang eine nicht ausreichende Priorisierung von psychischer Gesundheit in den zentralen Planungsinstrumenten und stellt fest, dass es keine gemeinsame Berücksichtigung sozialer und gesundheitlicher Aspekte gibt.   
In den letzten Jahren kam es in vielen Ländern zu einem Strategiewechsel: Von „first train than place“, also Training im geschützten Rahmen, um bei ausreichenden Trainingseffekten eine Arbeitsstelle zu suchen zu „first place than train“, also erst Arbeit dann Arbeitstherapie. Wenn wir auf die Forschung blicken, dann zeichnet sich das “place and train”-Modell aus. Dieses wird derzeit häufig praktiziert. 

Die Krankenstandsdauer wegen psychischer Erkrankung hat von 2007 bis 2016 um alarmierende 94 Prozent zugenommen, warnen Sie. Was können wir daraus ableiten?

Aus diesem auch international vergleichbaren Befund lässt sich nicht zwingend ableiten, dass psychische Störungen an sich zugenommen haben - es könnte aber durch ein erhöhtes Bewusstsein die Anzahl der Behandlungen zugenommen haben. Gleichzeitig aber verändert sich auch die Arbeitswelt kontinuierlich. Ich spreche von Überlastung, Mangel an Autonomie, fehlender Zusammenhalt oder mangelnde Fairness, die zu psychischen Belastungen führen können.  
 
Bezüglich körperlicher Belastungen wurde im Sinne des ArbeitnehmerInnenschutzes ja schon vieles erreicht und das ist ein recht etabliertes Verfahren. Die Erhebung der psychischen bzw. psychosozialen Belastungen am Arbeitsplatz haben aber erst 2013 begonnen. Möglichweise kommen viele Interventionen wie Behandlung und Rehabilitation da schon zu spät.

Warum verdienen Menschen mit schwerer psychischer Störung im Zusammenhang mit Fragen der Erwerbstätigkeit besondere Beachtung? 

Arbeit ist ja ein wichtiger Faktor für unsere Lebenszufriedenheit, Identität, unseren Selbstwert und natürlich eine finanzielle Ressource. Teilhabe am Arbeitsleben und soziale Inklusion sind für uns alle wichtige Parameter für ein gutes Leben und sind daher schon immer auch wichtige Rehabilitationsziele für Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen.  

Was müsste sich ändern damit diese Menschen am Arbeitsmarkt Halt finden?

Frühe Aufklärung über psychische Gesundheit und Präventionsmaßnehmen und Interventionsmöglichkeiten. Zugang zum Arbeitsmarkt als oberstes Ziel, neue Ansätze der Wiedereingliederung und „place and train“ statt „train and place“, wie vorhin erwähnt. Auch eine engere Zusammenarbeit der vielen Player, die daran beteiligt sind. 

Es ist wichtig vor allem Gesundheit, Arbeitsmarkt und Soziales zu koppeln.  Und es ist sehr wichtig, die ArbeitgeberInnen zu unterstützen: Die am 1. 7. 2017 in Kraft gesetzte Wiedereingliederungsteilzeitregelung ist an sich ein richtiger Schritt, weil eindeutig eine Rehabilitation vor einer Pension angestrebt wird. Ein Rechtsanspruch sollte damit aber eindeutig verbunden sein und auch die Sperrfrist von 18 Monaten sollte wegfallen und die Abwicklungsverfahren vereinfachen.

Wie beurteilen Sie den Ist-Zustand, wenn es um Psychotherapieplätze auf Kassenkosten geht?

Es gibt zu wenige Psychotherapieplätze auf Kassenkosten und vor allem Menschen mit psychischen Erkrankungen werden dabei benachteiligt. Seit Langem wird hinsichtlich Psychotherapie eine Gleichstellung mit Gesundheitsleistungen für körperliche Erkrankungen gefordert und die Pandemie hat dieses Problem der Unterfinanzierung von Psychotherapie noch verstärkt.

Wie können wir vor allem junge Menschen vor psychischen Erkrankungen schützen und wie können wir sie behandeln?

Wir müssen in den Schulen beginnen. Es braucht Aufklärung über psychische Gesundheit: Dazu gehört auch Gewaltprävention, der Umgang mit sozialen Medien, ebenso “Awareness” in Betrieben zu schaffen. Zusätzlich braucht es auch Unterstützung und Weiterbildung hinsichtlich psychischer Gesundheit für Lehrer*innen und eine Supervision, die das beobachtet. Generell braucht es auch Beratungs- und Behandlungsangebote für Jüngere, die ausgebaut werden müssen. 

Wie können wir in Zukunft arbeiten, um Pandemien und andere Katastrophen vor allem im Hinblick auf Arbeit und Psyche besser in den Griff zu bekommen? 

Die Auswirkungen der Pandemie müssen anhand robuster Daten analysiert werden. Und wenn wir Pandemiepläne auf Basis dieser Daten erstellen, dann müssen wir auch die Einschätzung von ExpertInnen aus dem Bereich Psychotherapie und Psychologie einfließen lassen. 

Was der ÖGB will

- Rasches Handeln und mehr finanzielle Mittel

- Mehr psychotherapieplätze auf Kassenkosten

- Mehr KassenvertragsärztInnen im niedergelassenen Bereich

- Besonderer Fokus auf Kinder- und Jugendpsychatrie