„Mein Körper packt das nicht mehr“

Der ÖGB wollte wissen, wie es den arbeitenden Menschen geht - am Ende waren es mehr als 1.500 spannende Telefonate
RED

Es sind vor allem existenzielle Sorgen und Ängste, die die Menschen derzeit am meisten plagen. Die damit einhergehenden psychischen Auswirkungen gefährden immer mehr die Gesundheit vieler. Das kam bei einer groß angelegten ÖGB-Telefonaktion zum Vorschein.   

 
Der ÖGB wollte bei einer bundesweiten Telefonaktion wissen, wie es den arbeitenden Menschen aktuell in ihrem Arbeitsleben geht. 340 MitarbeiterInnen des ÖGB kontaktierten Ende November 2020 telefonisch Bekannte, Verwandte und FreundInnen. Die Telefone liefen dabei heiß. Neben einem offenen Gespräch wurden auch zwei Fragen gestellt:  

Was ist aktuell deine größte Sorge bezogen auf dein Arbeitsleben?

Was braucht es deiner Ansicht nach in deiner Arbeit für Veränderungen, damit du ein gutes Leben führen kannst?


 
Aus insgesamt 1.527 telefonischen Gesprächen ließen sich daraus aufschlussreiche Erkenntnisse ableiten.
 

Sorge um die eigene Gesundheit und die des Umfeldes
 

Es sind existenzielle Sorgen und Ängste, die die Menschen derzeit plagen. An vorderster Stelle steht die Sorge um die eigene Gesundheit und die des Umfeldes. Es geht dabei nicht nur um die körperliche, sondern auch ganz stark um die psychische Gesundheit. „Ich kann nicht schlafen vor lauter Angst“, sagte eine Person. Eine andere: „Ich habe noch zehn Jahre zu arbeiten. Ich möchte nicht mehr bis spätabends arbeiten. Ich brauche meine Pause, mein Körper packt das nicht mehr.“
 

Angst vor der Zukunft und vor Perspektivenlosigkeit
 

Die Angst vor dem Jobverlust steht an zweiter Stelle. Gefolgt von dem Wunsch nach mehr Sicherheit für den eigenen Arbeitsplatz. Eine Person äußerte sich besonders besorgt: „Falls ich in meinem Alter arbeitslos werde, ich bin 50, fürchte ich mich davor, ob ich künftig am Arbeitsmarkt noch Fuß fassen kann.“ Eine derartige Angst vor der Zukunft und vor einer gewissen Perspektivenlosigkeit wirken sich auch auf das Privat- und Familienleben aus: „Was wird nur aus meinen Kindern“, fragt sich eine Person und sorgt sich neben seiner eigenen Zukunft auch um die Zukunft seiner Kinder und Familienangehörigen. Damit steigt der psychische Druck einmal mehr an. Die befragten Menschen wünschen nichts sehnlicher, als dass wieder Normalität in ihr Leben einkehrt.
 

Am Limit: Zeit- und Arbeitsdruck enorm gestiegen
 

Die Coronavirus-Pandemie führt auch dazu, dass der Anstieg von Zeit- und Arbeitsdruck noch zusätzlich beschleunigt wurde. Die Menschen spüren die enorme Belastung und stoßen an ihre Grenzen. Eine hohe Arbeitsauslastung schlägt sich besonders bei vielen Menschen in den sogenannten „systemrelevanten Berufen“ nieder. „Ich bin momentan so ausgelastet, ich habe gar keine Zeit darüber nachzudenken“, erzählt eine Person am Telefon. Die Menschen fordern vor allem in den systemrelevanten Branchen mehr Personal, um den Arbeits- und Zeitdruck auf ein verträgliches Maß zu reduzieren.  

 
Die Menschen vermissen zunehmend die Wertschätzung ihrer Leistungen. Sie wünschen sich mehr Wertschätzung insbesondere von ihren Vorgesetzten und ChefInnen, aber auch einen besseren Umgang miteinander und in der Kommunikation. Eine diplomierte Krankenschwester meint dazu: „Ich weiß nicht, wie die oberste Führungsebene hinter mir, hinter uns steht. Keine Wertschätzung und kein Rückhalt.“
 

Angst vor hohen Lebenshaltungskosten
 

Große Sorgen um ihr Einkommen machen sich vor allem jene, die derzeit in Kurzarbeit sind, ihren Job verloren haben oder wenig verdienen. Sie fürchten hohe Lebenshaltungskosten und haben Angst vor einer weiteren oder anhaltenden Reduktion ihrer Einkommen. Ein Tiroler erzählt: „Die hohen Lebenskosten sind in Tirol immer ein Thema und es wird immer schwieriger, mit dem Einkommen auszukommen.“ Der Wunsch nach mehr Gehalt bzw. mehr Lohn ist stark ausgeprägt. Die arbeitenden Menschen müssen mit ihrem Einkommen auch auskommen, um ein gutes Leben führen zu können.
 

Mehr Mitbestimmung gewünscht
 

Die ArbeitnehmerInnen wünschen sich mehr Mitbestimmung im Betrieb, sie wollen gehört werden: Ihre Erfahrung und ihr Feedback soll in Maßnahmen und Strukturen der Unternehmen miteinfließen. Die Menschen wollen regelmäßige Information, transparente Strukturen und klare Richtlinien, an denen sie sich orientieren können. Eine Mitarbeiterin des öffentlichen Dienstes fordert: „Nicht einfach herabentscheiden im öffentlichen Dienst, sondern sich erkundigen, wie es wirklich läuft. Mehr Mitbestimmung!“

 
Den Wert von ÖGB und Gewerkschaften in Sachen Mitbestimmung wissen die Befragten zu schätzen: „Ohne ÖGB würde gar nichts gehen.“ Oder: „Gewerkschaften sind wichtiger denn je.“ Gewerkschaftsmitglieder fühlen sich „gerade in dieser Zeit gut aufgehoben“ und „vom ÖGB gut vertreten“: „Danke für eure Arbeit!“  

 
Einige befragte Personen hatten auch Wünsche an ÖGB und Gewerkschaften parat: „Die Gewerkschaft muss wieder mutig werden.“ Oder die Gewerkschaft „muss mehr mit der Basis direkt kommunizieren“ und „der ÖGB sollte noch kämpferischer auftreten“.
 

Bedeutung von Betriebsräten hat zugenommen
 

Gerade in Krisenzeiten wird vielen klar, wie wichtig es ist, eine betriebliche ArbeitnehmerInnen-Vertretung zu haben: „Mir war ein Betriebsrat nie so wichtig. Ich habe mir meine Sachen immer selbst geregelt. Aber in Krisenzeiten habe ich bemerkt, dass wir unbedingt einen Betriebsrat brauchen.“ Eine andere Person macht sich um die Zukunft des Unternehmens Sorgen: „Das Unternehmen hat in dieser Zeit viele Kunden verloren – wir wissen nicht, wie es weitergehen wird. Ein erster Schritt in die richtige Richtung wäre, einen Betriebsrat zu gründen.“ GesprächspartnerInnen mit Betriebsrat betonten die Wichtigkeit eines von der Geschäftsleitung unabhängigen Betriebsrates, der sich aktiv für die Interessen der MitarbeiterInnen einsetzt.  

 
Herzlichen Dank an alle, die bei der ÖGB-Telefonaktion teilgenommen haben!