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Gesundheit

Fehlzeitenreport: Immer weniger Krankenstände

Die Krankenstände sind pandemiebedingt gesunken, die psychische Belastung ist aber stark angestiegen

Die Pandemie mag vieles verändert haben, eines ist jedoch gleichgeblieben: Viele ArbeitnehmerInnen, die krank werden, arbeiten trotzdem erstmal weiter. Auf diesen Missstand hat der ÖGB immer wieder hingewiesen. Das hat sich durch die besonders im Lockdown oft schwierige Abgrenzung zwischen Arbeitszeit und Freizeit noch einmal verschärft, wie aus dem aktuellen Fehlzeitenreport hervorgeht. Die Krankenstandsstatistik verzeichnet 2020 gegenüber dem Vorjahr einen Rückgang der krankheitsbedingten Fehlzeiten. Die unselbständig Beschäftigten verbrachten im Jahresverlauf durchschnittlich 12,7 Tage im Krankenstand, also um 4,2 Prozent weniger als noch im Jahr 2019 (13,3 Tage).

Unklare Abgrenzung zwischen Arbeit und Privat

„Der drastische Rückgang bei den Krankenständen ist darauf zurückzuführen, dass sich viele ArbeitnehmerInnen im Homeoffice schlicht nicht krankmelden, obwohl sie krank sind”, erklärt Ingrid Reischl, Vorsitzende im Dachverband der Sozialversicherungsträger und Leitende Sekretärin des ÖGB. Hier zeigen sich die Schwierigkeiten, die sich durch eine mitunter unklare Abgrenzung zwischen dem „privaten“ Daheimsein und dem Zuhause als Arbeitsort ergeben. Reischl weiter: „Dazu kommt wohl auch die Angst vor beruflichen Konsequenzen, die durch Arbeitgeber drohen, und in einem äußerst angespannten Arbeitsmarkt eine längere Arbeitslosigkeit bedeuten könnten.”

Handlungsbedarf bei psychischen Erkrankungen

Stark angestiegen ist aber die Zahl der psychischen Erkrankungen: Blieben psychische Erkrankungen zwischen 2016 bis 2018 annähernd konstant, so stiegen diese von 2019 auf 2020 um 8,5 Prozent. Hier herrscht Handlungsbedarf: „Zur Gestaltung von sowohl physisch wie auch psychisch gesunden Arbeitsplätzen brauchen wir verstärkt Maßnahmen in den Bereichen „Early Intervention” und der (betrieblichen) Gesundheitsförderung”, fordert Reischl daher. Mit dem Begriff „early intervention" werden Handlungen verstanden, die auf die positive Beeinflussung der gesundheitlichen Verfasstheit der Erwerbstätigen zielen. Auch Wolfgang Panhölzl, Leiter der Abteilung Sozialversicherung in der AK-Wien, fordert ein Paket an Maßnahmen: „Wiedereingliederung nach langen Krankenständen, rechtzeitige Rehabilitation, betriebliche Gesundheitsförderung, Qualifizierung für leichtere Tätigkeiten – kurzum, wir müssen alle Register ziehen, um krankheitsbedingten Jobverlust und lange Arbeitslosigkeit erst gar nicht entstehen zu lassen.“

Wie sieht es aktuell bei der Psychotherapie aus?

Aktuell nehmen in Österreich jährlich rund 90.000 Personen eine von der Krankenversicherung (voll) finanzierte Psychotherapie in Anspruch, ca. 80.000 erhalten einen Kostenzuschuss.

Die Österreichische Gesundheitskasse beabsichtigt, die vollfinanzierten Plätze bis 2023 um weitere 20.000 Plätze auszubauen. Die Pandemie führt insbesondere für bestimmte Berufsgruppen (z. B. Gesundheitsberufe) zu enormen zusätzlichen Belastungen. 

ÖGK: Versicherte müssen ernst genommen werden

Die ÖGK, die rasch auf die Lücken in der psychischen Versorgung reagiert hat, sieht weiterhin Potential nach oben. ÖGK-Obmann Andreas Huss unterstreicht: „Die Versicherten haben es sich verdient, dass ihr gestiegener Bedarf an psychosozialer Versorgung von der Politik ernst genommen wird, dass diese Erkrankungen und Belastungen endlich als ganz normale Krankheiten angesehen werden und die Stigmatisierung der Betroffenen beendet wird.“

 Kein Missbrauch erkennbar

Dass Krankenstände über die telefonische Krankmeldung einen Missbrauch erfahren, wie Wirtschaftstreibende immer wieder kritisieren, konnte auch dieses Jahr nicht festgestellt werden. Auf diesen Umstand hat der ÖGB immer wieder hingewiesen. „Entgegen mancher Befürchtungen ist im Fehlzeitenreport kein Missbrauch der telefonischen Krankmeldung erkennbar. Die Menschen haben hier sehr verantwortungsvoll agiert“, stellt ÖGK-Obmann Andreas Huss klar.

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