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Ungeimpfte

Warum Ungeimpfte keine Selbstbehalte zahlen sollen

In der Debatte rund um Selbstbehalte für Ungeimpfte wird vergessen, dass wir immer noch ein solidarisches und rücksichtsvolles Land sind und bleiben müssen

Sollen Ungeimpfte ihr erhöhtes Risiko einer schweren Erkrankung mit COVID-19 mitzahlen? Das wird dieser Tage heiß diskutiert. Dabei geht es aber um mehr: Es geht darum, wie man in unserem Gesundheitssystem künftig über ähnliche Fragen entscheidet. Ingrid Reischl, Leitende Sekretärin im ÖGB und Vorsitzende im Verband der Sozialversicherungsträger, sagt klar Nein zu Selbstbehalten. Oegb.at hat mit ihr über die Gründe gesprochen. 
 

oegb.at: Warum sollen Ungeimpfte nicht für ihre Behandlung im Spital bezahlen?

Ingrid Reischl: Wir müssen als Land weiterhin rücksichtsvoll und solidarisch bleiben. Eine Gesellschaft, in der der Schutz oder die Wiederherstellung der Gesundheit vom Geldbörserl oder vom individuellen Lebensstil abhängt, sollte niemand zum Ziel haben. Deshalb machen auch Selbstbehalte als Sanktion für gewisse Verhaltensweisen aus unserer Sicht keinen Sinn – das gilt auch für Ungeimpfte.

Warum ist das Thema Selbstbehalte so heikel?

Weil es ein fatales Zeichen setzt. Denkt man über die Ablehnung der Impfung gegen COVID-19 hinaus, müsste man beispielsweise auch Personen, die Extremsportarten ausüben, rauchen, übermäßig Alkohol konsumieren oder sich regelmäßig ungesund ernähren, Selbstbehalte für ihre Behandlungen zahlen lassen. Vor diesem Hintergrund wäre ein Selbstbehalt in dieser Sache ein Präzedenzfall für weitere Kostenabwälzungen an PatientInnen, die sich in einer Notlage befinden. Zudem würde eine derartige Maßnahme am falschen Zeitpunkt ansetzen, denn die PatientInnen sind dann bereits so schwer erkrankt, dass sie intensivmedizinische Behandlung brauchen. Genau das gilt es ja zu verhindern.

Was wäre deine Lösung?

In Anbetracht der aktuellen Situation, der Gefahr einer Überlastung der Spitalskapazitäten und der gesundheitlichen Gefährdung der nicht-impfbaren Bevölkerung braucht es jetzt Maßnahmen, um den Anteil an geimpften Personen stark zu erhöhen. Das bringt die erforderliche Entlastung und schützt Geimpfte ebenso wie Menschen, die sich nicht impfen lassen können.  

Die Impfbereitschaft lässt nach. Was müsste man tun, um die noch nicht geimpften Menschen zu erreichen?

Bei manchen jungen Frauen lässt sich eine Unentschlossenheit in puncto Impfung feststellen. Hier brauchen wir noch bessere, zielgerichtete und einfache Informationsangebote, speziell was die Sicherheit in der Schwangerschaft und die Fruchtbarkeit anbelangt. Auch Eltern von Kindern ab 12, für die es bereits einen zugelassenen Impfstoff gibt, dürften noch viele Sorgen haben, die man ihnen durch gute Informationsangebote nehmen kann. Wenn wir hier den Hebel ansetzen und ernsthaft und mit Nachdruck arbeiten, können wir die Zahl der Geimpften schon bald auf ein Niveau heben, das uns auf allen Seiten viel Frust und Leid erspart.

Eine Gesellschaft, in der der Schutz oder die Wiederherstellung der Gesundheit vom Geldbörserl oder vom individuellen Lebensstil abhängt, sollte niemand zum Ziel haben.

Ingrid Reischl, Leitende Sekretärin im ÖGB
Richard Tanzer

Gesundheit, darf nicht vom Geldbörsel abhängen, sagt Ingrid Reischl, Leitende Sekräterin im ÖGB.