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Interview

Intensivstationen: Beschäftigte sind am Limit

Stationsleiterin im Interview: „Die Leute gehen psychisch und körperlich kaputt!"

Die Pflegenden auf der Intensivstation sind am absoluten Limit. Doch die Beschäftigten fühlen sich im Stich gelassen. Vor allem von der Politik, aber auch von einem Teil der Bevölkerung, berichtet Stationsleiterin Elke Stadlmayr im Interview mit dem ÖGB Oberösterreich.

Dort, wo ganz schwer an Covid erkrankte Menschen an der Herz-Lungen-Maschine oft wochenlang um ihr Leben kämpfen und viele den Kampf verlieren, arbeitet Elke Stadlmayr als Stationsleiterin. Es herrscht permanenter Ausnahmezustand. „Meine Leute arbeiten seit Beginn der Pandemie am Limit. Ihre Belastbarkeit hat deutlich nachgelassen. Manche können in der Nacht nicht mehr schlafen, aus Angst, was einen am nächsten Tag im Dienst erwartet. Was ich tun werde, wenn es zu längeren Krankenständen kommt, weiß ich jetzt noch nicht.“

Meine Leute arbeiten seit Beginn der Pandemie am Limit. Ihre Belastbarkeit hat deutlich nachgelassen. Manche können in der Nacht nicht mehr schlafen, aus Angst, was einen am nächsten Tag im Dienst erwartet.

Elke Stadlmayr, Stationsleiterin auf der Intensivstation im Kepler-Universitätsklinikum

Kaum verebbe eine Corona-Welle, müssten aufgeschobene Operationen nachgeholt werden. Zeit zum Durchschnaufen, Normalbetrieb, das gibt es seit eineinhalb Jahren nicht mehr auf der Intensivstation im Kepler Universitätsklinikum. Nun droht das System zu kollabieren. Denn Intensivbetten ohne Personal gibt’s nicht.

Hilferufe verhallen ungehört

„Covid-PatientInnen liegen oft viele Wochen bei uns – leider zu oft ohne Erfolg. Die Pflegekräfte bemühen sich, dass der Körper gut gepflegt und widerstandsfähig bleibt. Sämtliche Katheter, Sonden und Drainagen für die Behandlung müssen regelmäßig desinfiziert, verbunden und überwacht werden, wie auch die angeschlossenen Überwachungs- und Therapiegeräte. Die Erkrankung bringt viele akute Notfälle mit sich, die nicht fragen, wie müde und erschöpft man ist.

„Und das alles mit zwei Paar Handschuhen, Schutzkleidung und Gesichtsvisier über der Maske und Schutzbrille. Dass man da ins Schwitzen kommt, wird niemanden wundern“, sagt Stadlmayr. Ist die Station übervoll, sind die Pflegekräfte statt für einen Patienten zu zweit für drei Patienten zuständig. „Es belastet die KollegInnen, dass sie ihre Arbeit nicht mehr in der gewohnten Qualität leisten können, sie haben Stress und fürchten, dass Fehler passieren. Beschäftigte in der Pflege sind leidensfähig und aufopferungsbereit. Doch sie sind frustriert, weil ihre Hilferufe ungehört verhallen!“

Beschäftigte in der Pflege sind leidensfähig und aufopferungsbereit. Doch sie sind frustriert, weil ihre Hilferufe ungehört verhallen!

Elke Stadlmayr, Stationsleiterin auf der Intensivstation im Kepler-Universitätsklinikum

Seit Jahren warnt die Gewerkschaft vor Unterbesetzung in oberösterreichischen Krankenhäusern. „Wir haben im Normalbetrieb 20 Prozent zu wenig Personal. Das hat die Landespolitik jahrelang negiert. Ja, wir haben eine Pandemie. Aber wir hatten auch vor der Pandemie null Personalreserven. Das Problem, das das Ganze noch schlimmer macht, ist die Ignoranz“, stellt Branko Novaković, Zentralbetriebsratsvorsitzender im Kepler Universitätsklinikum Linz und Vorsitzender der ÖGB-Fachgruppe Gesundheitsberufe in Oberösterreich, klar.

Aufruf an die Bevölkerung

Unterstützung wünschen sich Stadlmayr und ihre KollegInnen auch von der Bevölkerung. „Wertschätzung unserer Arbeit bedeutet auch, dass man sich an Corona-Maßnahmen hält und den Lockdown einhält. Schließlich kann niemand wollen, dass die Gesundheitsversorgung zusammenbricht“, appelliert Stadlmayr an die Solidarität aller. „Unsere Beschäftigten sehen, dass etwa dringende Herz- oder Krebs-OPs verschoben werden müssen.

Wir fragen uns, ob diese Leute auch bereit wären, auf eine Behandlung zu verzichten, wenn sie keine Luft mehr bekommen.

Elke Stadlmayr, Stationsleiterin auf der Intensivstation im Kepler-Universitätsklinikum

Da ist es schwer, noch Verständnis für Ungeimpfte aufzubringen, die so viele Ressourcen in der Pflege binden, die andere dringend brauchen würden.“ Demos von Corona-Leugnern und Impfgegnern vor Krankenhäusern, während drinnen ausgelaugte Pflegekräfte um das Leben überwiegend Ungeimpfter kämpfen, lassen einen fassungslos zurück. „Wir fragen uns, ob diese Leute auch bereit wären, auf eine Behandlung zu verzichten, wenn sie keine Luft mehr bekommen.“

Die politischen Versäumnisse lasten schwer auf Elke Stadlmayr und ihrem Team. „Wir müssen nehmen, nehmen, nehmen, bis zum Limit und die Politik wartet zu!“ Nun ist es fünf nach zwölf. „Es wäre schon viel geschehen, wenn die Politik die Not der Pflege tatsächlich sehen und mit der Basis zusammenarbeiten würde. Helfen würde uns zusätzliches Unterstützungspersonal, aber auch finanzielle Anerkennung. Unsere Leute müssen endlich spüren, dass die Politik tatsächlich daran arbeitet, ihre Lage zu verbessern.“

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