Pflege

Pfleger berichtet: „Ich habe jeden Tag Angst”

Ein Betroffener über die dramatische Situation in der Pflege: Was die HeldInnen brauchen und wie sie in der Pandemie weiter kämpfen

Während der Corona-Pandemie sind es vor allem die PensionistInnen- und Pflegeheime, die besonders geschützt werden müssen. Trotzdem sind diese Einrichtungen auch von Corona-Fällen betroffen. Der Regierung hat in den letzten Monaten wenig dagegen getan, einheitliche Strategie zur Virus-Bekämpfung wurde keine präsentiert, dann kam auf einmal die Notbremse mit dem Lock-Down.

Ein aktueller Fall eines Seniorenpflegeheimes im steirischen Mürztal zeigt, wohin das führen kann: 90 Prozent der HeimbewohnerInnen und mehr als zwei Drittel des Pflegepersonals sind dort positiv getestet worden. Doch wie geht es den Betroffenen selbst in dieser schwierigen Lage? Während sie darauf Acht geben müssen, sich selbst und auch sonst niemanden anzustecken, muss die Betreuung natürlich weitergehen. Einer, der die diese schwierige Situation aus nächster Nähe erlebt, ist Jürgen Schamberger. Er ist Pflegehelfer und arbeitet im Kolpinghaus in Favoriten, im oegb.at-Interview gibt er Einblicke in seine Arbeit.

„Ich habe jeden Tag ein bisschen Angst, wenn ich in die Arbeit gehe. Ich frage mich, ob ich einen Bewohner oder eine Bewohnerin infiziert habe (...) oder ob ich vielleicht eine Infektion mit nach Hause genommen habe."

Jürgen Schamberger, Pflegeassistent

Wie geht es dir in deiner Arbeit in Zeiten der Corona-Pandemie?

In Zeiten wie diesen in der Pflege tätig zu sein, ist eine besondere Herausforderung. Ich habe jeden Tag ein bisschen Angst, wenn ich in die Arbeit gehe. Ich frage mich, ob ich einen Bewohner oder eine Bewohnerin infiziert habe, vielleicht auch eine Kollegin oder einen Kollegen, oder ob ich vielleicht eine Infektion mit nach Hause genommen und meine Liebsten damit angesteckt habe.

„Ich habe jeden Tag ein bisschen Angst, wenn ich in die Arbeit gehe. Ich frage mich, ob ich einen Bewohner oder eine Bewohnerin infiziert habe (...) oder ob ich vielleicht eine Infektion mit nach Hause genommen habe."Jürgen Schamberger, Pflegeassistent

Was sind da die größten Herausforderungen für dich?

Leider gibt es zu der ohnehin schon angespannten Personalsituation in der Pflege noch zusätzlich viele Ausfälle, weil sich KollegInnen in Quarantäne befinden. Ich selbst arbeite in einem Pflegeheim mit zirka 200 Pflegeplätzen und 220 MitarbeiterInnen. Ich bin freigestellter Betriebsrat und helfe, wie schon beim ersten Lockdown, jetzt wieder mit und führe bei den KollegInnen Antigentests durch. Natürlich gäbe es schönere Dinge, als bei KollegInnen Nasenabstriche vorzunehmen. Aber ich bin froh, meine KollegInnen in der Pflege so unterstützen und entlasten zu können. Wenn es erforderlich ist, arbeite ich auch in der Pflege mit.

Hattet ihr schon Fälle in eurer Einrichtung?

Wir sind zum Glück, was die BewohnerInnen betrifft, seit Anfang der Pandemie noch coronafrei, aber jeder Tag ist ein Spießrutenlauf für uns. Ich habe im September die Ausbildung zum Covid-19-Beauftragten gemacht und habe für unser Haus ein Covid-19-Präventionskonzept erarbeitet. Für mich als Betriebsrat ist es wichtig, immer für meine KollegInnen da zu sein, ihnen die Angst vor dem Virus zu nehmen. Das gelingt uns, wenn wir darüber reden. Die größte Herausforderung ist es, die KollegInnen auf dem Laufenden zu halten. Die Verordnungen ändern sich ja gefühlt fast täglich.

Wie ist es für dich, täglich eine Schutzkleidung anzulegen?

Das Tragen einer FFP2-Maske ist nicht gerade angenehm, die Gummibänder schneiden bei den Ohren ein und es fängt an zu schmerzen. Vor allem, wenn man sie lange tragen muss. Auch beim Gesicht schneidet die Maske ein und hinterlässt Abdrücke. Zusätzlich tragen wir eine Brille, die nach einiger Zeit anläuft. Unangenehm wird es, wenn die Maske verrutscht. Man darf sie ja nicht mit den Handschuhen angreifen. Am schlimmsten ist es für die KollegInnen, wenn sie BewohnerInnen duschen. Da ist es heiß und es dampft, da bekommt man kaum Luft durch die FFP2-Maske. Aber mittlerweile gehört auch die Schutzbekleidung zu unserem Arbeitsalttag und man hat sich schon irgendwie daran gewöhnt. Sie schützt uns und die uns anvertrauten Menschen.

Gibt es eine Erfahrung, die dir besonders in Erinnerung geblieben ist?

 „Das Wir-Gefühl vom Frühjahr bleibt aus - es gibt auch keinen Applaus mehr. Viele Menschen halten sich auch nicht mehr an die Regelungen zur Eindämmung des Virus, was für alle, die dagegen ankämpfen, wie ein Schlag ins Gesicht ist." 

Jürgen Schamberger, Pflegeassistent

Ja, es war am Anfang der Pandemie, wo noch niemand wusste, wie man das Virus bekommt. Wir hatten damals einige Verdachtsfälle und kaum Schutzbekleidung, maximal einen normalen Mundschutz und davon nicht viele. Die Verunsicherung bei den KollegInnen war groß. Ich bin damals in die Pflege gegangen, um meine KollegInnen zu unterstützen und ihnen zu zeigen, dass ich bei ihnen bin. Das war ein gutes Gefühl, gemeinsam gegen die Pandemie zu kämpfen. Da haben wir jeden Tag um 18 Uhr von Menschen in ihren Balkonen und auch sonst im Bekanntenkreis Applaus bekommen. Wir standen nach all der schweren Arbeit über die Jahre nun im Mittelpunkt. Daraus entwickelte sich ein Wir-Gefühl in der Gesellschaft.

Wie ist die Stimmung beim Personal jetzt, welche Wünsche und Sorgen gibt es?

Zwar hat sich die Situation, was Schutzkleidung betrifft, im Vergleich zum ersten Lockdown wesentlich verbessert und wir werden regelmäßig getestet. Aber diese Situation trifft bei Weitem nicht auf alle KollegInnen zu. Was auch auffällt, ist: Das Wir-Gefühl vom Frühjahr bleibt aus - es gibt auch keinen Applaus mehr. Viele Menschen halten sich auch nicht mehr an die Regelungen zur Eindämmung des Virus, was für alle, die dagegen ankämpfen, wie ein Schlag ins Gesicht ist.

„Das Wir-Gefühl vom Frühjahr bleibt aus - es gibt auch keinen Applaus mehr. Viele Menschen halten sich auch nicht mehr an die Regelungen zur Eindämmung des Virus, was für alle, die dagegen ankämpfen, wie ein Schlag ins Gesicht ist." Jürgen Schamberger, Pflegeassistent

Viele KollegInnen fragen sich, wie es nur so weit kommen konnte und was die Politik über die letzten Monate getan hat, um diese Katastrophe abzuwenden. Das ermüdet viele KollegInnen. Wir brauchen dringend mehr Pflegepersonal, eine bessere Bezahlung, kürzere Arbeitszeiten und bessere Arbeitsbedingungen. Auch der Zugang zur Pflegeausbildung muss erleichtert werden. Die Diplomausbildung war früher ohne Studienberechtigung möglich und man hat ein Taschengeld erhalten. Für die nahe Zukunft wünschen wir uns, dass diese Achterbahnfahrt bald zu Ende ist. Hoffentlich gibt es bald einen guten Impfstoff und ich hoffe auch, dass sich viele impfen lassen, damit dieser Alptraum auch ein Ende hat.

„Positiv denken und negativ bleiben", lautet das Credo von Jürgen Schamberger, Pflegeassistent im Wiener Kolpinghaus

Zur Person: Jürgen Schamberger, 37 Jahre, Pflegeassistent, seit 2004 im Kolpinghaus für betreutes Wohnen in 1100 Wien, seit 2006 Betriebsratsvorsitzender. Sein Motto: Positiv denken und negativ bleiben.

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