Pflegenotstand

WKO-Geheimplan: Pflegekräfte sollen von den Philippinen kommen

Gewerkschaft vida deckt auf: Geheimes Dossier fordert billige Pflegekräfte von den Philippinen statt Ausbildung in Österreich

Ein Papier wurde der Gewerkschaft vida zugespielt, das vor allem eine dramatische Folge hätte: Die Arbeitsbedingungen in der heimischen Pflege würden noch schlechter. Konkret handelt es sich um einen geheimen Projektvorschlag der österreichischen Wirtschaftskammer (WKO), welcher der Gewerkschaft vida zugespielt wurde: Darin geht es um philippinische KrankenpflegerInnen, die nach Österreich geholt werden sollen. Diese sollen zwei Jahre unter fachlicher Aufsicht tätig sein, danach könnten sie selbst arbeiten. Dies war der Stand vom 11.5.2021. Nun haben Profil-Recherchen ergeben, dass es der WKO nicht schnell genug gehen kann: Deshalb sollen Pflegekräfte aus Indien und Kolumbien vorgezogen werden. Dazu schreibt das Nachrichtenmagazin Profil: Laut profil-Informationen wird ein steirischer Personalentwickler noch im Juli die ersten 25 kolumbianischen Pflegekräfte nach Österreich holen, die mehrere Heimbetreiber zuvor bestellt hatten. Auf seiner Website verspricht der Headhunter ein Rundum-Sorglos-Paket: "Vom Recruiting vor Ort über die Sprachausbildung im Herkunftsland bis hin zur Integration in Österreich." 

Fokus auf arbeitslose Menschen in Österreich legen

„Die Deutschkenntnisse sollen nicht dem Standard entsprechen, der jetzt gefordert ist, die Kosten für die Rekrutierung sollen bei 8.000 bis 12.000 Euro pro Person liegen”, berichtet Gerald Mjka von der Gewerkschaft vida, der das WKO-Dokument analysiert hat. „Ich denke, dass dieses Geld viel besser hier in der Pflegeausbildung aufgehoben wäre”, so der vida-Experte. Mit dem WKO-Projekt würde man den heimischen Arbeitsmarkt außer Acht lassen und zusätzlich Menschen schlechte Arbeitsbedingungen anbieten. Dabei würde es bei zirka 400.000 Menschen in Arbeitslosigkeit einen Gutteil geben, die sich gerne in der Pflege engagieren würden, unterstreicht Mjka, der selbst im Wiener Krankenhaus Göttlicher Heiland tätig ist.

„Wir sollten diesen Menschen die Chance geben, eine Pflegeausbildung zu machen, die finanziert werden kann - so kommen wir Schritt für Schritt auch zu einer Verbesserung der Arbeitsbedingungen”, sagt Mjka. Es solle nicht der erste Weg sein, in die Philippen zu schauen. Dies wäre auch den Menschen auf den Philippinen gegenüber nicht fair, weil es überall auf der Welt einen Pflegekräftemangel gebe. Die WKO arbeite mit Konzepten aus der Vergangenheit, mit denen man die Probleme nicht lösen könne, so Mjka weiter: „Es braucht bessere Arbeitsbedingungen, bessere Gehälter, bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf.”

„Der österreichische Pflegesektor braucht rasch bessere Arbeitsbedingungen, um attraktiver für neues Personal zu werden und bestehendes zu halten. Dazu zählen eine bessere Entlohnung ebenso wie attraktivere Arbeitszeiten“, erklärt auch GPA-Vorsitzende Barbara Teiber. Nach der Kritik von den Gewerkschaften wurde der Plan nun vorsorglich von der WKO-Website entfernt, meldet das Nachrichtenmagazin Profil. 

ÖGB mit klarer Haltung 

Der Österreichische Gewerkschaftsbund macht seit Jahren auf die schwierigen Arbeitsbedingungen im Bereich der Pflege und Betreuung aufmerksam. Vor diesem Hintergrund fordert der ÖGB seit Langem wesentliche Verbesserungen der Arbeitsbedingungen sowie der Entlohnung des Pflege- und Betreuungspersonals und den Abbau von finanziellen Hürden für die entsprechenden Ausbildungen.

Auf die nötigen Verbesserungen in der Ausbildung verweist auch ÖGB-Pflegeexpertin Martina Lackner: „Die Ausbildungsqualität und auch die sprachliche Qualifikation der in Österreich tätigen Pflege- und Betreuungskräfte sollten bestimmten festgelegten Standards entsprechen. Denn gerade in der Pflege können Sprachbarrieren zu fatalen Situationen und groben Fehleinschätzungen führen.” Die Strategie, ausländische Pflegekräfte auf diese Art zu gewinnen, sei nicht zielführend, so die ÖGB-Expertin. Ihr Lösungsvorschlag: „Statt eine solche Strategie zu verfolgen, wäre es wesentlich sinnvoller, die Rahmenbedingungen für die Ausübung dieser Berufe deutlich zu verbessern.”

Der ÖGB will die Schaffung einer bundesweiten Pflegestiftung

Der ÖGB hat schon vor Monaten ein Arbeitsmarktprogramm vorgelegt, mit dem innerhalb eines Jahres 150.000 Jobs geschaffen werden können. Einer der Schwerpunkte des Programms ist die Umschulung und Weiterqualifizierung von MitarbeiterInnen. 

Genau für diesen Bereich können Arbeitslose jetzt umgeschult und qualifiziert werden – und zwar finanziell abgesichert. Arbeitsstiftungen setzen genau dort an. Deshalb wäre die Errichtung einer bundesweiten Pflegestiftung genau der richtige Schritt. 

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