„Ich glaube nicht, dass die Pflegereform nächstes oder übernächstes Jahr kommt. Das ist für alle sehr belastend", sagt Pflegerin Patricia Zangerl. ÖGB-Vorarlberg
Pflege

Pflegerin: „Viele spekulieren mit dem Aufhören”

In den Krankenhäusern des Landes spitzt sich die Lage zu. Oegb.at hat mit einer Pflegerin aus dem Landeskrankenhaus Bregenz gesprochen

Kaum eine andere Berufsgruppe war in der Pandemie so stark gefordert wie die Beschäftigten in der Pflege. Erst kürzlich hat dies auch der Arbeitsklima-Index der Arbeiterkammer festgestellt: Demnach leiden Pflegekräfte besonders an körperlichen und psychischen Beschwerden. Die Gewerkschaften setzen sich seit Langem schon für bessere Arbeitsbedingungen ein und machen auf die schwierige Lage aufmerksamPatricia Zangerl arbeitet im Landeskrankenhaus Bregenz und wurde vom ORF als Lebensretterin 2021 ausgezeichnet, im Gespräch mit oegb.at erzählt sie, wie es ihr und ihren KollegInnen im Krankenhaus geht.

 

oegb.at: Fast jede zweite Pflegekraft denkt laut aktuellen Umfragen darüber nach, den Job hinzuschmeißen. Warum glaubst du, ist das so?

Patricia Zangerl: Viele Pflegende haben den Beruf aus sozialen Aspekten gewählt. Leider kommen diese über die Jahre immer mehr zu kurz. Durch den ständigen Personalmangel ist die Zeit für Pflege, so wie wir Pflege verstehen, nicht mehr gegeben. Früher hatten wir Zeit, wenn jemand im Sterben lag, sich daneben zu setzen, den Menschen zu begleiten und mit ihm zu reden. Durch die Mehrbelastung ist das kaum, oder überhaupt nicht mehr möglich.

Es kommen nicht nur zu wenige Pflegekräfte nach, Stellen werden auch nicht mehr nachbesetzt. Wir müssen immer mehr arbeiten in der gleichen Zeit. Die Mitarbeiter werden dabei nicht jünger, deshalb spekulieren viele mit dem Aufhören, weil es nicht mehr machbar ist und mit dem Beruf nichts mehr zu tun hat. Auch das Geld spielt natürlich eine Rolle.

Gibt es kleine Erfolge auf diesem so schwierigen Feld? 

Wir als BetriebsrätInnen und GewerkschafterInnen haben in den letzten Jahren immerhin eine Verdoppelung der Nachtschichtpauschalen erreicht. Wir sind aber immer noch nicht da, wo wir hin sollten. Deutschland hat uns mittlerweile bei den Gehältern eingeholt – aber auch dort ist es noch zu wenig.

Es wurde ja eine Pflegereform angekündigt. Leider wird diese immer wieder hinausgeschoben. Wie sehr nervt euch dieses „Herumgewurschtel“?

Extrem. Ich glaube nicht, dass die Pflegereform nächstes oder übernächstes Jahr kommt. Das ist für alle sehr belastend. Ein großes Problem ist auch, dass mit uns niemand redet. Und dann stampft die Regierung so etwas wie die Pflegelehre aus dem Boden, die absolut nicht praktikabel ist. Es bringt nichts, wenn ich mit 15 den Job machen darf. Wer soll die zudem ausbilden, wenn wir eh schon viel zu wenig Personal haben?

Was sollte sich für dich und deine KollegInnen konkret ändern? 

Wir brauchen mehr Ausbildungsplätze. Die Diplomausbildung in den Krankenpflegeschulen endet bei uns 2024 – die Ausbildungsmöglichkeit muss unbedingt verlängert werden. Es bringt nichts, wenn ich alle in die Fachhochschule stecke. Mit Bachelor oder Master abzuschließen, ist eine Möglichkeit – es darf aber nicht die Einzige sein. Für das Diplom hat unsere Generation keine Matura und keine Hochschule gebraucht und aus uns sind alle ordentliche Pflegekräfte geworden. 

Außerdem braucht es eine bessere Bezahlung und eine Reduktion der Wochenarbeitszeit – das geht aber nur, wenn wir genügend Personal haben. So wie es derzeit ausschaut, werden uns allein in Vorarlberg in den nächsten Jahren nicht nur 200 bis 300 Kräfte fehlen, sondern wohl eher 1.000. 

Patricia Zangerl: Patricia Zangerl arbeitet im Landeskrankenhaus Bregenz und wurde vom ORF als Lebensretterin 2021 ausgezeichnet ÖGB-Vorarlberg

Kannst du mit uns eine Erfahrung aus dem Alltag teilen, die dir besonders in Erinnerung geblieben ist?

Was ich sicher nicht vergesse, ist der erste Tag der Ausrufung der Pandemie - der 13. März 2020, als alle zusammengetrommelt wurden und vor dem Krankenhaus ein Zelt aufgebaut worden ist. Innerhalb von 24 Stunden ist die gesamte Erstversorgung des Spitals in ein Zelt verlagert worden. Es wurden Böden verlegt, Kabel und Sauerstoffschläuche. Die Verwaltung, Ärzte und Pflegekräfte wurden umgesiedelt. Die Bedingungen waren extrem. In der Triage mussten wir FFP3 Maske tragen. Innerhalb von 10 Tagen hatte ich solche Druckstellen, dass ich blaue Flecken auf der Nase und Wangen bekam. Anfänglich war es extrem kalt in dem Zelt, dann im Sommer extrem warm. 

In letzter Zeit haben sich Demonstrationen vor Krankenhäusern gehäuft: Wie geht’s dir, wenn du das mitbekommst?  

Ich persönlich habe kein Problem damit, ob jemand geimpft oder ungeimpft ist. Wenn aber das Krankenhauspersonal beschimpft und bedroht wird, dann geht das gar nicht. Das Personal kann nichts dafür, was für Gesetze beschlossen werden, oder welche Regeln in Spitälern gelten. Kaffee ins Gesicht schütten, oder Drohungen wie „ich zünde dich an“, das ist absolut unter der Gürtellinie und darf nicht sein. Ich verstehe es auch nicht, wenn wir Zettel vor der Türe finden, wo draufsteht, „ihr ungeimpften Mitarbeiter seid erwünscht, ihr haltet unser System am Laufen“. 

Es gibt sinnvollere Aktionen, wie Solidaritätsbekundungen für das gesamte Spitalspersonal oder Lichterketten für die Verstorbenen. Es freut uns auch, wenn wir kleine Gesten der Wertschätzung bekommen, wie mal einen Kuchen oder Kekse von Angehörigen. Leider sind wir momentan, aber sicher zu einem Drittel mit Diskussionen beschäftigt. 

Was würdest du dir für dich und deine KollegInnen in Zukunft wünschen? 

Dass die Menschen sehen, was die MitarbeiterInnen in den Spitälern tagtäglich leisten. Wir arbeiten über allen Maßen und über die Bezahlung hinaus. Besonders beeindruckend ist auch, was die KollegInnen auf den Intensiv- und Coronastationen leisten. Das ist für mich fast schon übermenschlich. 

 

 

 

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