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vida/Stefan Joham

Gewerkschaft vida fordert 1.000-Euro-Gutschein für Tourismus

Vorsitzender Roman Hebenstreit im Interview: Warum Gutscheine funktionieren und was die Beschäftigten jetzt dringend brauchen

Die Gewerkschaft vida fordert einen 1.000-Euro-Gutschein, der für Tourismus und Gastronomie das Überleben in den nächsten Monaten und über den Winter hinaus sichern soll. vida-Vorsitzender Roman Hebenstreit erklärt im Interview mit dem ÖGB, warum das eine sinnvolle Idee ist und warum zum Beispiel ein Fixkostenzuschuss – zumindest in seiner aktuellen Form – der Branche letztlich nicht hilft. Außerdem stellt Hebenstreit klar, was er sich von der Regierung und den Arbeitgebern erwartet und stellt einen weiteren Ansatz der vida vor, von dem auch die Arbeitgeber dringend notwendige Hilfe erwarten könnten.

ÖGB: Die Gewerkschaft vida fordert einen 1.000-Euro-Gutschein für Urlaube und Gastronomie. Warum?
Roman Hebenstreit: „Weil vor allem im Tourismus die Umsätze eingebrochen sind und es jetzt um Nachfrage und Kaufkraft geht. Man muss den Menschen Geld in die Hand geben, das dann in die heimische Wirtschaft fließt und in Branchen, die besonders leiden, wie eben dem Tourismus. Auch den versprochenen Corona-Tausender wollen wir wieder in Erinnerung rufen. ‚Niemand wird zurückgelassen’ und ‚Koste es, was es wolle’, wurde gesagt. Nichts davon wurde eingehalten, alle Versprechen wurden gebrochen. Jetzt sehen wir, wie die Menschen zurückgelassen werden.”  
 
Wurde man da auch von der Gastro-Gutschein-Aktion in Wien inspiriert?
„Wir haben in Wien gesehen, dass solche Gutscheine sehr gut funktionieren und eine schnell wirksame Maßnahme sind. Das ist unkompliziert und hat eine direkte Auswirkung auf die Umsätze. Genau das braucht die Branche. Man könnte die Gutscheine zum Beispiel auf die Wintersaison befristen, um sie noch treffsicherer zu machen. Dann wäre klar, dass sie in diesem Zeitraum verbraucht werden.”

„Das ist unkompliziert und hat eine direkte Auswirkung auf die Umsätze. Genau das braucht die Branche.”

Roman Hebenstreit, Vorsitzender Gewerkschaft vida

Du hast die Treffsicherheit angesprochen: Wo sollen die Menschen die Gutscheine denn ausgeben bzw. ausgeben können?
„Es muss nicht auf den Tourismus beschränkt sein, auch Gastronomie oder der Kauf regionaler Produkte kann zum Beispiel dabei sein. Es gibt mehr als genug Beispiele regionaler Initiativen, die funktionieren. Grundsätzlich sind alle Maßnahmen, die heimische Arbeitsplätze sichern, zu begrüßen. Uns geht es immer darum, dass niemand zurückgelassen wird. Wie uns versprochen wurde: Koste es was es wolle. Wir fordern, dass man dieses Versprechen hält, und sagen, wie man wirksam etwas tun kann.”
 
Die Beschäftigten in Tourismus und Gastronomie sind ganz besonders betroffen, oder?
„Viele von ihnen verlieren in der Kurzarbeit noch viel mehr, als man glaubt. Durch den Wegfall von Überstunden und Trinkgeld sind die Beschäftigten noch viel massiver betroffen als in anderen Branchen. Wenn wir die Nachfrage und die Umsätze stärken, ist das für viele Beschäftigte - vor allem für jene mit niedrigerem Lohn - nicht nur gut, sondern überlebenswichtig.”

„Wenn wir die Nachfrage und die Umsätze stärken, ist das (…) nicht nur gut, sondern überlebenswichtig.”

Roman Hebenstreit, Vorsitzender Gewerkschaft vida

Kommt man mit den Arbeitgebern auf einen grünen Zweig?
„Wir sind im Tourismus leider weit weg von einer funktionierenden Sozialpartnerschaft oder solidarischem Handeln auf Arbeitgeberseite. Jeder gegen jeden und jeder auf Kosten des anderen, ist hier offenbar das Motto. Stadt kämpft gegen Land, die Großen kämpfen gegen die Kleinen und wenn ein anderer Betrieb zusperrt, glaubt man, dass mehr für einen selbst bleibt. Man kommt mit solidarischem Handeln immer weiter. Gerade im Tourismus hält man davon aber nicht viel.”  
 
Und die Regierung? Kann man hier auf Unterstützung für die betroffenen Menschen hoffen?
„Nein. Ministerin Köstinger hat vor dem Sommer ein Hotelleriepaket versprochen, von dem die Branche bis heute nichts gesehen hat. Es gibt nur den Fixkostenzuschuss, aber der funktioniert nicht, weil Abwicklung und Geschwindigkeit eine Katastrophe sind. Außerdem bedient der ja nur die vermeintlichen Gläubiger der Branche, oft sind das Banken. Gleichzeitig entlässt man die gesamte Branche aus der Verantwortung, wegen ihrer Fixkosten zu verhandeln. Die Konsequenz ist, dass der ganze Druck der Kostensenkung auf den Beschäftigten liegt.”

„Der Fixkostenzuschuss bedient nur die vermeintlichen Gläubiger der Branche, oft sind das Banken.”

Roman Hebenstreit, Vorsitzender Gewerkschaft vida

Es gibt aber noch einen weiteren Ansatz, der der Branche sehr helfen würde. Was fordert die Gewerkschaft vida?
„Wir haben einen konkreten Vorschlag für eine Urlaubs- und Abfertigungskasse im Tourismus gemacht. Das wäre ähnlich zur Baubranche, weil man vor ähnlichen Herausforderungen steht, wie hoher Fluktuation, starker Wechsel innerhalb der Branche und Saisonalität. Gleichzeitig würde das den Beschäftigten Sicherheit für den Job und die Zukunft geben, die Kasse würde Stabilität in die Beschäftigung bringen. Dazu wäre zwar am Anfang einmalig Unterstützung der Regierung nötig, aber die Umsetzung würde sich nachhaltig und positiv auf das Eigenkapital auswirken und das braucht die Branche jetzt mehr denn je.”  
 
Wie groß ist die Hoffnung, dass man gehört wird?
„Die Hoffnung stirbt zuletzt. Wir kämpfen, auch wenn unsere Erfahrungswerte in der Branche keine besonders guten sind. Bis jetzt konnte man sich mit den Arbeitgebern auf keine sinnvollen Maßnahmen einigen. Sie wollen Nulllohnrunden und die ArbeitnehmerInnen sollen auf ihren Kündigungsschutz verzichten – sonst kommt leider gar nichts.”   

„Die einzigen, die profitieren, sind die Gläubiger und Immobilienkaiser.”

Roman Hebenstreit, Vorsitzender Gewerkschaft vida

Da ist nicht viel von „Niemand wird zurückgelassen” zu sehen.
„Die einzigen, die profitieren, sind die Gläubiger und Immobilienkaiser. Die Beschäftigten werden leider ganz weit zurückgelassen.”  
 
Wie geht’s jetzt weiter?

„Wir kämpfen weiter und werden von unseren Forderungen nach einem Gutschein und einer Urlaubs- und Abfertigungskasse nicht runtersteigen. Wir versuchen jeden Tag, gemeinsam mit den Arbeitgebern für die Branchen zu kämpfen. Am Ende ist alles, was für ArbeitnehmerInnen gut ist, auch für Arbeitgeber gut. Es wäre gut, als Arbeitgeber einmal in den Spiegel zu schauen. Es gibt ja gute Gründe, warum jeder aus der Branche flüchten will. Wir kritisieren das schon seit vielen Jahren.”