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Arbeitslosigkeit bekämpfen, nicht Arbeitslose!

Unzumutbare Jobs, Arbeitsrechtsverstöße und Unterbezahlung sind die eigentlichen Themen

„Fachkräftemangel ist wie Ferrarimangel: Man hätte gern einen unter 1.500 Euro und findet keinen“, so Tirols ÖGB-Vorsitzender Philip Wohlgemuth provokant anlässlich der anhaltenden Klagen von Wirtschaftsvertretern und Politikern. An die Adresse von Landeshauptmann Günther Platter richtet Wohlgemuth zudem den Appell: „Bekämpfen wir gemeinsam Arbeitslosigkeit, nicht Arbeitslose!“. Aussagen hatten zuletzt nicht nur bei der Gewerkschaft für Unmut gesorgt, sondern auch bei jenen, die derzeit verzweifelt auf Jobsuche sind. Vielmehr solle man sich jene Unternehmen genauer anschauen, die mit konsequenten Arbeitsrechtsverstößen unangenehm auffallen. „Außerdem muss noch mehr in Qualifizierungsmaßnahmen investiert werden“, fordert der Gewerkschafter.

 

„9 von 10 Arbeitslosen leben an der Armutsgrenze oder darunter, viele leiden unter massiven gesundheitlichen Problemen. Anstatt den Druck auf Arbeitslose immer wieder zu erhöhen, indem man sie in der angeblichen Hängematte sieht und ihnen die so wichtigen Zuverdienstmöglichkeiten streicht, sollten wir besser über die eigentlichen Themen diskutieren: Wir brauchen Einkommen, von denen man auch leben kann, und eine ehrliche Diskussion über unzumutbare Zustände an manchen Arbeitsplätzen“, fordert Wohlgemuth. Als Beispiel nennt er die Abschaffung des Kumulationsprinzips: „Kontrolliert wird wenig und es gilt das Prinzip ‚Beraten vor Strafen‘. Leidtragende sind dabei die Beschäftigten, die Unterbezahlung, Schwarzarbeit und Verstöße gegen wichtige Schutzmaßnahmen hinnehmen müssen. Den Unternehmen drohen quasi kaum Sanktionen! Vielmehr muss man sich die Frage stellen: Ist tatsächlich jedem Arbeitnehmer jeder Arbeitgeber zumutbar? Die Politik sollte dem AMS wiederum doch die Möglichkeit geben, jene Unternehmen zu sperren, die wiederholt negativ aufgefallen sind.“ Faire Bezahlung und gute Rahmenbedingungen sind für ihn entschieden der effektivste Anreiz, um Menschen wieder in Beschäftigung zu bringen. Er verweist zudem auf einen weiteren Aspekt: „51% der Langzeitarbeitslosen haben gesundheitliche Einschränkungen und können nicht jeder Tätigkeit nachgehen.“

 

29.000 TirolerInnen arm trotz Arbeit

Bei Arbeitslosen setze man dagegen konsequent die Daumenschrauben an. „Jetzt ist auch die Tiroler Politik auf den traurigen Zug aufgesprungen“, registriert der Tiroler ÖGB-Chef und weiter: „Anstatt mit der Streichung der Zuverdienstmöglichkeiten für Arbeitslose einen neuen Billiglohn-Sektor zu schaffen, brauchen wir mehr Arbeitsplätze, von denen man auch leben kann. Dafür braucht es ein ganzes Maßnahmenbündel – das beginnt bei der Schaffung von gut bezahlten High-Tech-Jobs und entsprechenden Qualifizierungsmaßnahmen über die Forcierung von Betriebsansiedelungen bis hin zum Ausbau von Kinderbetreuungs- und Pflegeangeboten, um vor allem Frauen aus der Teilzeitfalle zu holen. Von Investitionen in soziale Infrastruktur profitieren schließlich alle“. In Tirol, wo die Lebenserhaltungskosten deutlich über dem Bundesschnitt liegen, gelten laut Statistik Austria rund 29.000 Menschen als „Working Poor“, sind also arm trotz Arbeit. Die Armutsgefährdung liegt etwa bei einem Ein-Personen-Haushalt vor, wenn man weniger als 60 Prozent des durchschnittlich gewichteten Median-Einkommens, also 1.328 Euro netto pro Monat, zwölfmal pro Jahr, zur Verfügung hat.

 

Mehr AMS-Personal gefordert

Aus- und Weiterbildung sind ein entscheidender Faktor auf dem Arbeitsmarkt. Zwischen Ausgrenzungsrisiko und Bildungsgrad besteht nachweislich ein starker Zusammenhang. „Während Menschen mit einem abgeschlossenen Studium ein Armuts- und Ausgrenzungsrisiko von 12% tragen, sind es bei jenen mit einem Pflichtschulabschluss 28%. Deswegen sind umfassende Qualifizierungsmaßnahmen das Gebot der Stunde!“, betont der Gewerkschafter. Dafür brauche es aber eine Aufstockung des AMS-Personals. „Das Arbeitsmarktservice leistet dabei eine hervorragende Arbeit. Um die Menschen aber gezielt in Beschäftigung und Qualifizierungsangebote zu bringen, braucht es allerdings dringend mehr Stellen und Geld. Hier kann die Politik beweisen, was ihre Worte wert sind“, so Wohlgemuth.

 

Neben den Investitionen in einen breiten Arbeitsmarkt ist für den Arbeitnehmer-Vertreter auch ein kollektivvertraglicher Mindestlohn von 1.700 Euro brutto eine schnelle und vor allem treffsichere Maßnahme gegen Armut.