Es ist 5 nach 12 im Pflegebereich

Überarbeitetes Personal schlägt seit einem Jahr Alarm: Politik muss endlich handeln

Der heutige Tag der Pflege steht in Anbetracht der aktuellen Situation in besonderem Scheinwerferlicht. „Es wurde geklatscht, wir haben Aufmerksamkeit geschaffen – aber getan hat sich seit einem Jahr trotzdem nichts“, zieht Tirols ÖGB-Vorsitzender Philip Wohlgemuth die traurige Bilanz. „Es ist bereits fünf Minuten nach 12, ein starkes soziales Netz ist das, was unsere Gesellschaft jetzt mehr denn je braucht.“ Die Tiroler Gewerkschaften GPA, GÖD, younion_Die Daseinsgewerkschaft und vida setzten mit einer plakativen Aktion um 5 nach 12 Uhr am Tiroler Landhausplatz ein Zeichen für Beschäftigte im Pflegebereich. Die Gewerkschaft hat zudem mit VertreterInnen der Branche ein Forderungspapier erarbeitet. Ziel ist es, mithilfe besserer Rahmenbedingungen die Belastungen für Beschäftigte zu minimieren und auf lange Sicht das Arbeitsfeld der Pflege attraktiver zu gestalten. Betont wird zudem die Notwendigkeit von mehr Freizeit als Ausgleich vom belastenden Arbeitsalltag.

 

Soziales Netz stärken

„Ohne einem nachhaltigen Gesundheitssystem, dem funktionierenden sozialen Netz und dem unermüdlich engagierten Einsatz der Pflegekräfte hätte uns die Corona-Krise zweifellos noch härter getroffen“, resümiert Gerhard Seier, Vorsitzender der Gewerkschaft Öffentlicher Dienst (GÖD) Tirol. Der andauernde Fachkräftemangel im Pflegebereich sowohl in den Spitälern als auch in Alten- und Pflegeheimen wird laut Prognosen in den nächsten Jahren durch die Pensionswelle der geburtenstarken Jahrgänge verstärkt. „Deshalb ist es umso wichtiger, in die Ausbildung zukünftiger Pflegekräfte zu investieren“, so Seier. Er verweist zudem darauf, dass geforderte Weiterbildungsangebote oft kostenintensiv sind und zudem verfügbare Plätze rar. „Eine gute Aus- und Weitebildung ist essentiell für die Beschäftigten und auch die zu Pflegenden, da darf keinesfalls gespart werden.“

 

Einforderung des Pflegepaktums

Harald Schweighofer, Landesgeschäftsführer der Gewerkschaft GPA Tirol, sieht vor allem die Tiroler Politik am Zug, das längst beschossene Pflegepaktum umzusetzen: „Die Devise gleiches Gehalt für gleiche Arbeit am gleichen Ort ist man den Beschäftigten nach wie vor schuldig. Das ist schlichtweg ein untragbarer Zustand und wohl für niemanden nachvollziehbar, warum man hier seit Jahren säumig ist. Ebenfalls ein absolutes Muss sind fair bezahlte Praktika im Gesundheits- und Sozialbereich. Während ihrer Ausbildung müssen die Studierenden rund 2.500 Euro Studiengebühren bezahlen und im selbem Zeitraum 2.000 Praktikumsstunden absolvieren, das entspricht 2.000 Stunden unbezahlter Arbeit. Da muss endlich Fairness kommen.“

 

Zulage gut gemeint, aber Ungleichbehandlung in der Realität

„Mit der Zulage von 205 Euro, die betriebsintern vereinbart werden kann, wurde leider in der Realität mehr Chaos verursacht, obwohl das Signal an die Beschäftigten gut gemeint war. Auch die ungleiche Bezahlung in so gut wie allen Altenheimen muss endlich in den Griff bekommen werden. In der Pflegebranche arbeiten überwiegend Frauen. Sie sind nach wie vor in vielen Lebensbereichen, mittlerweile auch verstärkt durch die Corona-Krise, benachteiligt. Es ist unsere Aufgabe, dem speziell in der Pflegebranche entgegen zu wirken und einen gerechteres Arbeitsumfeld zu schaffen!“, appelliert auch Verena Steinlechner-Graziadei, Vorsitzende der younion_Die Daseinsgewerkschaft Tirol.

 

Verbesserte Ausbildung und Arbeitsbedingungen als Lösungsansatz

„Generell muss die derzeit äußerst belastende Situation für die Pflegebeschäftigten angegangen werden, Pflege ist sowohl psychisch wie auch physisch äußerst herausfordernd. Wir sprechen da wirklich von Schwerarbeit“, sieht Emanuel Straka, Sprecher für den Pflegebereich in der Gewerkschaft vida Tirol, notwendige Verbesserungen der derzeitigen Arbeitssituation als vorrangiges Ziel. „‘Mehr Geld, mehr Personal, mehr Freizeit‘ – das wäre die Formel, um den anhaltenden eklatanten Personalmangel im Bereich der Pflege zu meistern. Damit könnte man vielleicht auch jenes Personal, das der Pflege aufgrund der zu hohen Belastungen den Rücken gekehrt hat, zurückholen.“

 

Pflege: krisensicher und ausbaufähig

Wie sich besonders im vergangenen Jahr gezeigt hat, haben ArbeitnehmerInnen in der Pflegebranche einen krisensicheren Job. „Hier müssen wir ansetzen: Entlastung durch Personalaufstockung und familienfreundlichere Arbeitszeiten sind die Meilensteine, die jetzt noch vor uns liegen. In unserem Forderungspapier greifen wir zentrale Punkte auf: die Entlastung der Beschäftigten wir auch der Familienangehörigen, die zu Hause betreuen, die Überarbeitung des Pflegeschlüssels, faire Bezahlung, das Gegensteuern bei psychischen und physischen Belastungen sowie Erholungsphasen und mehr Freizeit, um völlige Erschöpfung unbedingt zu vermeiden. Wir werden das von uns in Zusammenarbeit mit Beschäftigten in der Pflege erarbeitete Maßnahmenbündel in den kommenden Wochen der Öffentlichkeit und den verantwortliche PolitikerInnen vorstellen und erwarten uns dann baldige Umsetzung. Die Uhr tickt, es ist fünf nach zwölf!“, so Wohlgemuth abschließend.