Gewerkschaftsfrauen an Familienministerin Bauer:
Mehr Freude bringt keine Kinder
Die Geburtenzahl in Österreich sinkt seit Jahren: Derzeit liegt sie bei rund 1,29 Kindern pro Frau. Die Gründe dafür verorten die Tiroler Gewerkschaftsfrauen nicht bei der fehlenden Freude – wie von Familienministerin Claudia Bauer proklamiert – sondern an den hohen ökonomischen und strukturellen Hürden junger Menschen.
„Kinder muss man sich leisten können – daran ändert auch dieser fragwürdige Appell von Ministerin Bauer nichts. Wenn die Politik mehr Kinder will, braucht es konkrete Maßnahmen. Wir benötigen eine aktive Familienpolitik anstatt leerer Phrasen“, so Sonja Föger-Kalchschmied, geschäftsführende ÖGB-Landesvorsitzende und ÖGB-Landesfrauenvorsitzende Tirol.
Faire Verteilung für Chancengleichheit
Für sie ist klar: Für eine erfolgreiche Familienpolitik benötigt es die Forcierung einer flächendeckenden, ganzjährigen und leistbaren Kinderbetreuung. „Solange Mütter die Hauptlast der Care-Arbeit tragen, werden sie niemals eine faire Chance am Arbeitsmarkt erhalten. Jobs mit geringeren Einkommen – auch aufgrund des Teilzeitzwangs – und Altersarmut gehen hier Hand in Hand. Viele Frauen sind sich dieses Risikos bewusst und entscheiden sich unter anderem deshalb für ein kinderfreies Leben“, erläutert Föger-Kalchschmied.
Laut einer neuen Studie des Instituts für Demographie der ÖAW nehmen Väter im Durchschnitt nur neun Tage bezahlte Elternkarenz in Anspruch, während es bei Frauen 416 Tage sind. „Es braucht Anreize und ein allgemeines Umdenken – solange Väter sich nicht im gleichen Ausmaß wie Mütter an der Kindererziehung beteiligen, kann nicht von Fairness gesprochen werden. Für Mütter bedeutet ein Kind einen großen Einschnitt im Erwerbsleben, Väter hingegen verdienen nach der Geburt ihres Kindes tendenziell sogar mehr. Diese gesellschaftliche Schieflage lässt sich nicht durch „mehr Freude“ lösen, sondern muss von der Politik gezielt gegengesteuert werden“, positioniert sich Föger-Kalchschmied.
Mütter dürfen nicht Verliererinnen sein
Besonders kritisch sieht die Tiroler ÖGB-Chefin den Umstand der systematischen Benachteiligung von Müttern am Arbeitsmarkt: Teilzeit, geringere Aufstiegschancen trotz guter Qualifikation und Vorurteile über fehlende Arbeitsleistung ist die Realität, die viele Mütter täglich erleben. „Wer Kinder bekommt, darf dafür nicht beruflich bestraft werden. Solange Mutterschaft ein Armutsrisiko bleibt, wird sich an der Geburtenrate wenig ändern!“
Aktive Familienpolitik statt Freude
Eine moderne Familienpolitik geht Hand in Hand mit einer aktiven Arbeitsmarktpolitik. Föger-Kalchschmied hält fest: „Mehr Freude allein bringt keine Kinder: Echte Familienpolitik muss Strukturen schaffen, die Eltern und vor allem Frauen Sicherheit gibt – beruflich, finanziell und strukturell. Trotz allem ist die Entscheidung für oder gegen Kinder eine zutiefst persönliche, die Politik kann nur Rahmenbedingungen schaffen. Tiefergehende Meinungsäußerungen dazu fallen nicht in den Zuständigkeitsbereich einer Ministerin!“