Lebensraum statt Spekulationsobjekt
ÖGB und Gewerkschaft Bau-Holz sind sich eini
In Tirol spitzt sich die Wohnsituation weiter zu: Eigentumswohnungen sind mit durchschnittlich 7.043 Euro pro Quadratmeter die teuersten in ganz Österreich. Auch bei den Mieten liegt Tirol an der Spitze – mit einem durchschnittlichen Quadratmeterpreis von 15,62 Euro (Kaltmiete) in Innsbruck bzw. 11,39 Euro in Tirol laut dem gestern (Dienstag) veröffentlichten Immobiliensiegel der Wirtschaftskammer. „Bezahlbares Wohnen wird für immer mehr Menschen zur Herausforderung. Eigentum ist nur noch durch Erbe möglich – trotz harter, lebenslanger Arbeit bleiben die eigenen vier Wände in Tirol für Menschen ohne Startkapital ein bloßer Wunschtraum“, verdeutlicht Tirols geschäftsführende ÖGB-Landesvorsitzende die seit Jahren vorherrschende Problematik. Vor diesem Hintergrund haben der ÖGB Tirol und die Gewerkschaft Bau-Holz Tirol gemeinsam das Positionspapier „Lebensraum statt Spekulationsobjekt“ erarbeitet. Es soll politischen Entscheidungsträger als konkreter Handlungsleitfaden dienen.
„Dieses Papier ist das Ergebnis eines breiten, partizipativen Prozesses“, betont Föger-Kalchschmied. „Unser gemeinsames Ziel ist klar: Wir zeigen auf, wo die größten Probleme liegen und welche Lösungen notwendig sind. Ausgangspunkt ist dabei eine ernüchternde Realität: Über Arbeit allein ist Eigentum für viele Menschen nicht mehr finanzierbar.“
Geförderten Wohnbau stärken und klare Ziele setzen
Ein zentraler Hebel ist der Ausbau des geförderten Wohnbaus. „Der private, freifinanzierte Wohnbau ist in den letzten Jahren massiv zurückgegangen“, erklärt Christian Hauser, Geschäftsführer der Gewerkschaft Bau-Holz Tirol. „Deshalb braucht es klare Zielvorgaben: mindestens 1.500 zusätzliche geförderte Wohnungen jährlich in Tirol.“ Dafür müsse auch die Zweckbindung der Wohnbaufördermittel weiterhin konsequent sichergestellt werden. „Jeder Euro muss tatsächlich im Wohnbau ankommen“, so Hauser, der auf das Beispiel Salzburg verwies, wo in fünf Jahren rund 650 Millionen Euro an Wohnbauförderung zweckentfremdet ins Landesbudget umgeleitet wurden. Zusätzlich fordert er eine Erhöhung der Förderquote bei Neubauprojekten, um Mieten und Kaufpreise nachhaltig zu senken und die Abhängigkeit vom privaten Zinsmarkt zu reduzieren.
Regionale Bauwirtschaft sichert Wertschöpfung
Neben der sozialen Komponente habe der Wohnbau auch enorme wirtschaftliche Bedeutung: „Öffentliche Aufträge müssen nach dem Bestbieterprinzip vergeben werden – Qualität, Regionalität und faire Arbeitsbedingungen müssen Vorrang haben. Das stärkt die heimische Bauwirtschaft und sichert Arbeitsplätze“, so Hauser und weiter: „Jeder Euro, der in Tirol in den Wohnbau investiert wird, löst in der Region eine Mehrfachwertschöpfung aus – vom Baugewerbe über Zulieferer bis zum Handwerk.“ Ein weiteres Ziel ist ein Mindestmaß an gefördertem Wohnraum in jeder Tiroler Gemeinde. Ein Bonus-Malus-System auch bei der Verteilung von Bedarfszuweisungen und Gemeindemitteln soll hier Anreize schaffen.
Qualität, Nachhaltigkeit und soziale Durchmischung sichern
Für Föger-Kalchschmied ist klar: „Leistbarer Wohnraum darf nicht auf Kosten der Qualität gehen.“ Neubauten sollen verpflichtend barrierefrei sowie klima- und umweltgerecht gestaltet werden. „Wer heute billig baut, baut morgen teuer.“ Sie legt zudem großen Wert auf passende Wohnangebote für alle Lebensphasen – von günstigen Starterwohnungen für junge Menschen und Lehrlinge bis hin zu Angeboten für Familien und ältere Generationen. Auch inklusive Wohnformen für Menschen mit Behinderungen sollen in allen Bezirken ausgebaut werden. Gemeinschaftliche und sozial durchmischte Wohnformen seien entscheidend für funktionierende Nachbarschaften.
Kostensenkungen und finanzielle Absicherung
Gleichzeitig müssten Energie- und Betriebskosten gesenkt werden – etwa durch leistbare Tarife bei Energieversorgern. „Hier sind unsere landeseigenen Unternehmen in der Verantwortung“, so die Tiroler ÖGB-Chefin. Eine weitere Stellschraube liegt für sie auf der Sanierung: Viele Gebäude in Tirol sind älter als 40 Jahre. „Eine ökologische Sanierungsoffensive senkt nicht nur Heizkosten und schützt das Klima, sondern schafft auch Arbeitsplätze“, verweist Föger-Kalchschmied auf den mehrfachen Nutzen. Sie will die Sanierungsrate erhöhen sowie den Einsatz von ökologischen Baustoffen vermehrt fördern. Wichtig sei zudem, dass Eigentümer:innen dadurch entstehende Kosten nicht auf Mieter:innen abwälzen können. Zur weiteren finanziellen Entlastung fordert der ÖGB unter anderem den Ausbau der Wohn-Starthilfe, eine Anpassung der Wohnbeihilfen an die Teuerung sowie eine stärkere Rolle der Landeshypothekenbank bei langfristigen, sicheren Krediten, um den Erwerb eines Eigenheims zu ermöglichen.
Spekulation weiter eindämmen und Boden aktiv mobilisieren
Benjamin Praxmarer, Geschäftsführer des ÖGB Tirol, sieht vor allem in der Bodenpolitik weiteren Handlungsbedarf: „Brachliegendes Bauland muss mobilisiert werden!“ Neben der Vertragsraumordnung sollen auch Vorbehaltsflächen für den geförderten Wohnbau geschaffen werden. Um Spekulation einzudämmen, schlägt er eine Baulandmobilisierungsabgabe von rund zwei Prozent des Verkehrswerts für unbebaute Grundstücke vor. „Es kann nicht sein, dass wertvoller Grund jahrelang ungenutzt bleibt, während Wohnen immer teurer wird.“
Leerstand als zentraler Hebel
Auch der Leerstand müsse konsequent bekämpft werden, so Praxmarer „Durch höhere Abgaben auf ungenutzten Wohnraum, ein effektives Monitoring sowie den Ausbau von eingeführten Programmen wie ‚Sicheres Vermieten‘ können wir dem Markt viel Wohnraum zur Verfügung stellen. Wir fordern weitere Gemeinden auf, da mitzuziehen. Es kann nicht sein, dass dringend benötigter Wohnraum zur Gewinnmaximierung bewusst unvermietet bleibt – solchen Praktiken werden wir entschieden einen Riegel vorschieben!“ Zusätzlich fordert er eine deutliche Einschränkung von Kurzzeitvermietungen wie Airbnb sowie strengere Regeln für Freizeit- und Zweitwohnsitze. Auch die Grundsteuer soll als Lenkungsinstrument gestärkt werden. „Die Tiroler Landesregierung hat mit Jahresbeginn erste wichtige Schritte in die richtige Richtung gesetzt, es liegt an den Gemeinden das nun auch konsequent umzusetzen“, erwähnt Praxmarer.
Wohnraum ist Lebensraum
Abschließend unterstreicht Föger-Kalchschmied die gesellschaftliche Dimension des Themas: „Wohnen ist mehr als ein Dach über dem Kopf. Es ist der Ort, an dem wir leben, unsere Kinder aufziehen und zur Ruhe kommen. Wohnraum ist Lebensraum.“ Gerade in Tirol, wo die Lebenshaltungskosten ohnehin überdurchschnittlich hoch sind, dürfe diese Entwicklung nicht einfach hingenommen werden: „Dass Tirol bei den Wohnkosten regelmäßig Spitzenwerte erreicht, ist kein Naturgesetz. Es ist das Ergebnis politischer Entscheidungen – und damit auch politisch veränderbar.“