Jugend ohne Beschäftigung
Die Zahl junger Menschen ohne Arbeit oder Ausbildung in Vorarlberg ist alarmierend hoch. Laut aktuellen Daten von Statistik Austria waren 2023 14,9 Prozent der 15- bis 24-Jährigen weder in Beschäftigung noch in Ausbildung oder Schulung – das ist der zweithöchste Wert aller Bundesländer. Österreichweit sind rund 122.000 Jugendliche sogenannte „NEETs“ (Not in Employment, Education or Training). Und dieser Wert bleibt seit 15 Jahren nahezu unverändert. Für den Landesvorsitzenden des ÖGB Vorarlberg, Reinhard Stemmer, ist klar: „Diese Entwicklung ist ein Warnsignal für Politik und Wirtschaft.“
„Wenn in Vorarlberg fast jede siebte junge Person ohne Job oder Ausbildung ist, dann dürfen wir nicht zur Tagesordnung übergehen. Das ist dramatisch – für die Jugendlichen selbst, aber auch für unsere Wirtschaft“, betont Stemmer. „Es reicht nicht, zu betonen, dass man bei der Jugendförderung nicht spare. Wer nicht mehr investiert, investiert de facto weniger – denn die Probleme werden größer.“ 13 bis 15 Prozent Jugendliche ohne Arbeit und ohne Ausbildung seien nicht nur eine Statistik. „Das sind Menschen mit Potenzial, die wir verlieren – für den Arbeitsmarkt und für die Gesellschaft."
Lehrstellen auf historischem Tiefstand
Die Situation am Lehrstellenmarkt verschärft die Lage zusätzlich. Ende 2025 standen in Vorarlberg lediglich 6.348 Jugendliche in einem aufrechten Lehrverhältnis – ein Rückgang von 3,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Während sich vor sechs Jahren noch mehr als die Hälfte aller 15-Jährigen in Vorarlberg für eine Lehre entschied, sind es heute nur noch knapp 40 Prozent. Gleichzeitig bilden aktuell rund 1.640 Betriebe Lehrlinge aus – vor zehn Jahren waren es noch 300 mehr. „Die Wirtschaft klagt über Fachkräftemangel – gleichzeitig ziehen sich immer mehr Betriebe aus der Ausbildung zurück“, kritisiert Stemmer.
Mehr überbetriebliche Ausbildung und Projekte sichern
Stemmer fordert daher vom Land einen massiven Ausbau der überbetrieblichen Lehre. „Diese ist ein wichtiges Auffangnetz für Jugendliche, die trotz intensiver Suche keinen Ausbildungsplatz finden.“ Gleichzeitig müsse sichergestellt werden, dass Ausbildungsprojekte sozialer Unternehmen wie Aqua Mühle oder Integra langfristig abgesichert und ausgebaut werden. „Diese Projekte leisten hervorragende Arbeit. Sie geben jungen Menschen eine echte Chance auf einen Berufsabschluss und begleiten sie oft intensiv auf ihrem Weg in den Arbeitsmarkt“, betont Stemmer. Gerade für Jugendliche mit schwierigen Startbedingungen seien solche Programme entscheidend.
Chancen nicht nur versprechen – einlösen
Kritisch sieht der ÖGB-Landesvorsitzende auch Kürzungen bei Mitteln aus dem Sozialfonds, die die sozialen Unternehmen betreffen. „Das Land betont zwar, dass bei Jugendlichen nicht gespart werde. Faktisch wird aber auch nicht mehr investiert – und gleichzeitig werden wichtige Programme geschwächt. Das ist ein falsches Signal“, so Stemmer. Seit Jahren stagniere der Anteil der Jugendlichen ohne Ausbildung oder Job. Ohne zusätzliche Investitionen werde sich daran nichts ändern. „Vorarlberg wirbt damit, das chancenreichste Land für Kinder zu sein. Das darf kein Werbespruch bleiben", stellt Stemmer klar. „Wenn fast 15 Prozent der Jugendlichen dauerhaft ohne Perspektive sind und dieser Wert seit 15 Jahren stagniert, dann hat die Politik versagt – und muss jetzt handeln."
Die Forderungen des ÖGB Vorarlberg
- Ausbau der überbetrieblichen Lehrausbildung und gesicherte Finanzierung sozialer Ausbildungseinrichtungen wie AQUA Mühle und Integra;
- Einführung eines Ausbildungsfonds, in den nicht ausbildende Betriebe einzahlen; qualitätsgebundene Fördermodelle statt Gießkannenprinzip;
- verstärkte Berufsorientierung mit besonderem Fokus auf Jugendliche mit Migrationshintergrund;
- Erhalt und Ausbau der Mittel aus dem Sozialfonds für jene Einrichtungen, die benachteiligte Jugendliche begleiten.
„Politik und Unternehmen sind gleichermaßen gefordert. Diese Jugendlichen sind das ungenutzte Fachkräftepotenzial von morgen", so Stemmer. „Der Fachkräftemangel wird nicht mit schönen Slogans gelöst – sondern mit Investitionen in Ausbildung.“