Gesundheitssystem

Pflegepersonal schlägt Alarm!

Die „Offensive Gesundheit“, ein Verbund aus Arbeiter- und Ärztekammer sowie den Gesundheitsgewerkschaften (in Vorarlberg GÖD-Gesundheitsgewerkschaft, vida, younion, ÖGB ARGE FGV), rief heute die Beschäftigten in den Gesundheits- und Sozialberufen zur österreichweiten Protestaktion „Fünf nach zwölf“ auf. In Vorarlberg haben sich über 350 Beschäftigte in den Spitälern daran beteiligt. Um exakt 12 Uhr 05 traten sie vor die Landeskrankenhäuser in Bregenz, Feldkirch und Bludenz sowie das Stadtspital Dornbirn, um gemeinsam gegen die Untätigkeit der Landes- und Bundesregierung zu protestieren. „Viele unserer 6.200 Beschäftigten in den Spitälern sind bereits jetzt körperlich und psychisch am Limit“, erklärt der Landesvorsitzende der GÖD-Gesundheitsgewerkschaft und Zentralbetriebsrat der LKH, Thomas Steurer. „Wir brauchen sofort eine Entlastung der MitarbeiterInnen!“

„Für uns schlägt die Uhr bereits jetzt 5 nach 12. Körperliche und mentale Limits sind weit überschritten. Daher wollen und müssen wir die Verantwortlichen einmal mehr gemeinsam auffordern, für rasche und spürbare Entlastungen zu sorgen“, betont der Gesundheitssprecher der younion, Wolfgang Stoppel. „Das Personal ist heillos überlastet und leidet mittlerweile selbst an körperlichen Beeinträchtigungen, Überstunden können aufgrund der dünnen Personaldecke gar nicht mehr abgebaut werden und immer mehr Menschen verlassen den Beruf, obwohl sie ihn eigentlich gerne ausüben“, warnt der Landesvorsitzende der GÖD-Gesundheitsgewerkschaft, Thomas Steurer. Die Folge ist, dass mittlerweile sogar Betten in den Spitälern leer bleiben müssen, weil das Personal fehlt. "Wir wollen nicht länger zusehen, wie Land und Bund durch ihr Nichtstun das Gesundheitssystem in den Kollaps führen. Die längst überfällige Pflegereform ist in den Schubladen verschwunden. Die einzigen Ideen, die am Tisch liegen, sind absurd und nicht praktikabel."

Überstunden ohne Ausgleich

„Die Überstundensituation ist dramatisch“, betont Steurer. Die Kollegen hätten dermaßen viele Stunden angehäuft, dass diese angesichts des Personalmangels gar nicht abgebaut werden können. „Viele Kollegen – vor allem weibliche – mit Mehrfachbelastungen können nur Teilzeit arbeiten, um zumindest halbwegs Job und andere Verpflichtungen bewältigen zu können. Auch in Teilzeit arbeiten sie oft weit über ihr Beschäftigungsausmaß hinaus, um den Betrieb aufrecht zu erhalten.“ Sie hätten zudem unter der mangelnden Dienstplansicherheit zu leiden. „Vor allem Teilzeitkräfte müssen immer wieder einspringen, was die MitarbeiterInnen mit Mehrfachbelastung vor große Probleme stellt.“

Personal wird krank und will kündigen

Wie ernst die Lage ist, verdeutlicht eine Umfrage der „Offensive Gesundheit“, bei der österreichweit fast 7.000 Mitarbeiter befragt wurden. 78 Prozent leiden an Depressionen, und fast die Hälfte hat Angstzustände. Auch zählen Schlafprobleme, Vergesslichkeit und Konzentrationsschwierigkeiten zu häufigen Symptomen. Verantwortlich dafür ist das deutliche Ansteigen der ohnehin hohen Arbeitsbelastung durch ständige, kaum planbare Mehrarbeit. Mehr als sechs von zehn arbeiten regelmäßig mehr, als vereinbart ist. Viele fühlen sich ausgelaugt, und in der Freizeit fehlt es an Energie für zu Hause und für die Familie. Fast die Hälfte der Pflegekräfte denkt mittlerweile ans Aufhören. Das zeigt eine Online-Umfrage von Arbeiterkammer, Ärztekammer und Gewerkschaften. „Da müssen alle Alarmglocken schrillen“, betont Steurer eindringlich. „Zusammen mit der kommenden Pensionierungswelle ist es jetzt bereits 5 nach 12.“

Bedarfsprognosen müssen nach oben korrigiert werden

„Daneben wissen wir, dass die demographische Entwicklung jetzt schon ein Mehr an Pflege notwendig macht. Ein akuter Notstand droht.“ Zuletzt ging die Landesregierung davon aus, dass in Vorarlberg bis 2028 zusätzlich 400 Pflegekräfte gebraucht werden. Angesichts der aktuellen Lage muss diese Zahl deutlich nach oben korrigiert werden. „Angesichts der Pensionierungswelle der Babyboomer Generation und der immer älter werdenden Bevölkerung verschärft sich der Personalmangel in den nächsten Jahren dramatisch“, warnt Stoppel. Um die Lücke zu schließen, muss sich bei der Ausbildung etwas tun sind sich Stoppel und Steurer einig. 

Sofortiges Handeln notwendig

„Es braucht nicht noch mehr schöne Worte der Politik, sondern endlich eine adäquate Entlohnung, mehr Freizeit und dringend mehr Personal. Zusätzlich braucht es rasch eine grundlegende Ausbildungsreform sowie verbesserte Arbeitsbedingungen, um nicht noch weiter in die gefährliche Versorgungskrise zu schlittern“, fordert Steurer. Um den Kollaps zu vermeiden und die immer größer werdende Lücke zu schließen, ist eine Vielzahl an Maßnahmen dringend notwendig:

  • Es muss ein Personalschlüssel festgelegt werden, der menschengerechte Pflege und Medizin ermöglicht, ohne dass die MitarbeiterInnen dabei krank werden.
  • Es braucht Dienstplansicherheit, damit vor allem MitarbeiterInnen mit Mehrfachbelastungen nicht unter der ständigen Abrufbarkeit zusammenbrechen.
  • Die Ausbildungsplätze für den gehobenen Dienst in der Fachhochschule sind dringend auszubauen.
  • Zur Attraktivierung des Fachhochschullehrganges könnten - ähnlich wie bei der Polizeiausbildung - zumindest die Praxisstunden bezahlt werden. Vielfach müssen angehende Pflegekräfte auf eigene Kosten über die Runden kommen, was einen Berufsumstieg enorm erschwert.
  • Bis zu einer adäquaten Quote an Absolventen aus der Fachhochschule muss die Diplomausbildung an den Krankenpflegeschulen, die 2024 ausläuft, um mindestens 5 Jahre verlängert werden.
  • für Quereinsteiger braucht es ein besseres Angebot. Über die Implacementstiftung „connexia“ werden zusammen mit dem AMS Ausbildungen finanziert. Die finanzielle Unterstützung für die Auszubildenden muss dringend erhöht werden (derzeit 55 Prozent Nettoersatzrate vom vorigen Lohn/Gehalt plus 200 Euro Förderung).
  • Die Pflegelehre ist klar abzulehnen, da nur wenig Effekt zu erwarten ist und das System nur zusätzlich belastet. Stattdessen sollte über eine Fachschule – ähnlich der HLW Marienberg – diskutiert werden, die mit Matura abgeschlossen werden kann, um in der Fachhochschule weiter studieren zu können.
  • Letztendlich braucht es eine Gehaltsreform, um den Beruf zu attraktivieren und dem Personal die notwendige Wertschätzung für ihre harte Arbeit entgegenzubringen.