Landwirtschaft

Erntehelfermangel ist „Made in Austria”

Jedes Jahr vor der Erntesaison kommt das große Jammern der Landwirtschaft über fehlende Arbeitskräfte. In Wirklichkeit wolle man damit jedoch nur den Preis drücken, sagt Experte Karl Orthaber

Im Vorjahr wurden in der eskalierenden Corona-Krise die teils erbärmlichen Zustände, unter denen die ErntearbeiterInnen in Österreich unsere Lebensmittelversorgung sichern, sichtbar wie selten zuvor. Während sich die Zustände im zweiten Corona-Jahr wohl kaum gebessert haben, hat das große Klagen aus der Landwirtschaft schon wieder begonnen. Es gäbe zu wenig ErntehelferInnen, ist rund um den Auftakt der Erntesaison immer wieder zu hören. Karl Orthaber, Branchensekretär der Gewerkschaft PRO-GE, überrascht das nicht: „Viele Bauern sind schon mit zu kleinen Gummistiefeln auf die Welt gekommen.“

„Viele Bauern sind schon mit zu kleinen Gummistiefeln auf die Welt gekommen.“

Karl Orthaber (PRO-GE) über das alljährliche Klagen vieler Landwirte

 

Das große Preisdrücken

Der Grund für das alljährliche Klagen ist für Orthaber ebenfalls klar: „Am Ende geht es bei dem ganzen Jammern nur darum, den Preis zu drücken." Das gehe aber nicht mehr so einfach, denn vor allem durch die sozialen Medien wüssten die ErntearbeiterInnen genau, was sie wo verdienen können und unter welchen Bedingungen sie leben und arbeiten müssen. „In Deutschland liegt der Mindestlohn für in der Landwirtschaft bei 9,60 Euro brutto pro Stunde und steigt in den nächsten Jahren auf über 10 Euro. In Österreich ist das zwar alles im Kollektivvertrag geregelt, aber 8,66 Euro sind deutlich weniger – wenn sie denn überhaupt so bezahlt werden“, so der PRO-GE-Experte. Viel zu viele dieser Menschen würden ausgebeutet und weiter unter dem gesetzlich vorgeschriebenen Lohn bezahlt - Kontrollen gebe es wenig bis gar nicht.

 

Teils katastrophale Arbeitsbedingungen

Auch das Lohngefälle nehme, zwar in kleinen Schritten, aber stetig ab. „Für viele zahlt es sich immer weniger aus, nach Österreich zu kommen und hier Wochen oder Monate zu verbringen, speziell aus Ungarn oder Polen.“ Die logische Folge: Kontingente aus Drittstaaten wären zu klein und auch am europäischen Markt sind nicht genug ErntehelferInnen zu bekommen, die „bereit sind, unter den teils katastrophalen Bedingungen zu arbeiten“. Es ist also ein hausgemachtes Problem, dass durch faire Bezahlung und korrekte Behandlung relativ rasch zu lösen wäre. Der Schlüssel dazu liegt bei den Landwirten alleine.

 

Es hat sich vieles geändert

Tatsächlich hat sich viel geändert in der Branche. „Früher wurden viele dieser Arbeiten im erweiterten Familienverbund erledigt oder auch zum Beispiel von Hausfrauen, die sich etwas dazu verdient haben“, erklärt Orthaber. Heute wäre zwar der Bedarf viel größer, dieses Personal stünde aber nicht mehr zur Verfügung. Viele andere würden „unter den miserablen Zuständen und der schlechten Bezahlung dort – völlig zu Recht – nicht arbeiten wollen“, erinnert der Branchensekretär der PRO-GE.

 

Gesetze gelten auch jetzt schon

Dass Österreich ausgerechnet jetzt nichts davon wissen will, Agrarförderungen an die Einhaltung von Gesetzen und an menschenwürdige Zustände für ErntearbeiterInnen zu knüpfen, kann Orthaber übrigens – wie auch PRO-GE-Vorsitzender Rainer Wimmer – nicht nachvollziehen. Es würde sich damit nämlich nichts ändern, die Gesetze und Regelungen müssten ja eigentlich schon jetzt eingehalten werden. Außerdem wäre es auch für die ehrlichen Landwirte unfair: „Jeder Landwirt, der sich an Gesetze und Richtlinien hält, würde davon profitieren. Aber so gibt es für alle, die auf Gesetze pfeifen, einen massiven Wettbewerbsvorteil. Einen Anreiz, sich an Regeln zu halten, gibt es nicht“, warnt Orthaber.