Polizei

Ein Blick hinter die Kulissen der WEGA

Am 2. November stand sie zuletzt im Mittelpunkt des Geschehens: Die Spezialeinheit der Wiener Polizei WEGA. Wir zeigen, was sich hinter den vier Buchstaben verbirgt.

Am Montag, dem 2. November 2020, um 18 Uhr ist wie jeden Tag Schichtwechsel bei der WEGA in Wien. Unweit der Rossauer Kaserne, dem Sitz der Spezialeinheit der Wiener Polizei, füllen sich die Lokale der Innenstadt. Auch die Schanigärten sind an diesem lauen Herbstabend, wenige Stunden vor der coronabedingten Ausgangsperre und dem Schließen der Gastronomie, voll. Noch einmal richtig ausgehen, bevor für einen Monat Schluss ist, haben sich viele Menschen in der Bundeshauptstadt gedacht.

Wie in den vergangenen 13 Jahren bereitet sich der Wega-Beamte B. (Name aus Sicherheitsgründen anonymisiert) auf den Nachtdienst vor. Punkt 20 Uhr: Alarm. Schüsse im Bereich der Seitenstettengasse. Noch deutet nichts auf die Dramatik dieser Nacht hin. Innerhalb von Sekunden starten Funkstreifenwägen mit Blaulicht und Sirenengeheul Richtung Tatort. Auch zwei Wägen der Sektorstreife der WEGA sind unterwegs. Im Polizeifunk überschlagen sich die Meldungen. B. und sein Kollege machen sich von der Rossauer Kaserne aus auf und treffen am Tatort genau zu dem Zeitpunkt ein, als ein Kollege den Attentäter gerade „neutralisierte", wie es in der Polizeisprache heißt. Der Rest ist hinlänglich bekannt.

Verwandte waren via Medien dabei

B. hat bei der WEGA schon unzählige physisch und psychisch belastende Einsätze erlebt. Der besagte Montag war aber für den Vater eines neunjährigen Buben – seine Verlobte ist gerade wieder schwanger – aber „mit nichts zu vergleichen“, wie B. erzählt. „Dass Ehefrauen, Kinder und Freunde das Geschehen über die Medien quasi live mitverfolgten, dass sie genau wussten, dass ihr Ehemann, ihr Vater, ihr Freund vor Ort ist, wurde uns erst viel später bewusst.“

Was sich in dieser Nacht auch zeigte, sei der Zusammenhalt gewesen – in der Spezialeinheit selbst, aber vor allem auch mit den KollegInnen der sogenannten „normalen" Polizei. „Wir verstehen uns ja als Serviceeinheit, zwar mit spezieller Ausbildung, aber als Teil der Polizei“, sagt B. und erzählt weiter: „Gleich nach den ersten Meldungen über den Anschlag in den Medien machten in ganz Wien hunderte dienstfreie PolizistInnen auf den Weg zu ihren Inspektionen und stellten sich 'in den Dienst'. Um 22 Uhr waren es bei der WEGA bereits 144 statt der vorgesehenen 25."  

„Wir kennen jeden Winkel dieser Stadt“

Aber nicht nur in Ausnahmesituationen ist die WEGA aktiv. Bis zu acht sogenannte Sektorstreifen sind ständig in der Stadt unterwegs. Die Funkwägen unterscheiden sich von außen nicht von anderen. Und so hatten schon viele Menschen dieser Stadt Kontakt mit der WEGA, ohne es bemerkt zu haben. „Wir sind Teil der Wiener Bevölkerung“, sagt WEGA-Chef Oberst Ernst Albrecht, „wir kennen jeden Winkel dieser Stadt. Egal wo in der Stadt, innerhalb von fünf, sechs Minuten sind wir vor Ort. Und wir sind uns auch nicht zu schade, einmal mitzuhelfen, ein defektes Auto wegzuschieben oder bei einem Unfall Erste Hilfe zu leisten", bringt es Albrecht auf den Punkt.

„Egal wo in der Stadt, innerhalb von fünf, sechs Minuten sind wir vor Ort."

Oberst Ernst Albrecht, WEGA-Chef

Hilfestellung von Seiten der WEGA gibt es beispielsweise auch bei der Verhaftung mutmaßlicher Gewalttäter. So geschehen erst vor wenigen Tagen. Da wollte sich ein Mann seiner Festnahme durch die Flucht übers Dach entziehen und lief im wahrsten Sinne des Wortes zwei WEGA-Beamten in die Arme.

Schusshemmend, aber nicht schusssicher

Eine strenge Auswahl, eine gediegene Ausbildung sowie permanente Weiterbildung sind die Grundlagen für die erfolgreiche Arbeit der WEGA. Voraussetzung, um zur WEGA zu kommen, sind zwei Jahre Dienst als Streifenpolizist, dazu kommen eine ausgezeichnete körperliche Fitness sowie eine strenge psychologische Testung.

Und dann gibt es noch eine sechsmonatige Grundausbildung, bevor jemand ein vollwertiger Teil der Spezialeinheit ist. Einer der Ausbildner, und gleichzeitig auch gewählter Personalvertreter, ist Franz Stadlmann. Sein Spezialfach ist die Taktik. „Selbst eine schlichte Wohnungsdurchsuchung muss gelernt sein. Dabei geht es auch um Selbstschutz, oder wann überhaupt eine Schussabgabe erfolgen darf", sagt Stadlmann. Dazu komme, dass die Ausrüstung – sie wiegt gut 35 Kilogramm – zwar schusshemmend, aber eben nicht schusssicher sei.

Deutsche KollegInnen in Wien ausgebildet

Ausbildung und Konzept der WEGA sind international jedenfalls hoch angesehen. Immer wieder kommen ausländische Delegationen nach Wien, vor allem aus Deutschland gibt es immer wieder KollegInnen, die einen Teil der Ausbildung mitmachen. Das freut Stadlmann, besonders in seiner Funktion als Personalvertreter. Denn, wie bei der Wiener Polizei generell, ist auch bei der WEGA die Personalsituation, trotz Aufstockung in den vergangenen Monaten, angespannt – zudem steht eine Pensionierungswelle an. Es braucht also zusätzliches Personal, um auch in Zukunft für Ausnahmesituationen gut gerüstet zu sein.

Der Name WEGA leitet sich übrigens vom früheren Namen „Wiener Einsatzgruppe Alarmabteilung“ ab.