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Millionen unbezahlter Stunden belasten Beschäftigte und gefährden ihre Gesundheit massiv. New Africa – stock.adobe.com

Überstunden: Wenn Arbeit krank macht

Millionen unbezahlter Stunden belasten Beschäftigte und gefährden ihre Gesundheit massiv

Das Wichtigste in Kürze

  • 170 Millionen Überstunden im Jahr 2025 in Österreich
  • 45,9 Millionen Stunden davon unbezahlt
  • 2,5 Milliarden Euro entgangener Lohn für die Beschäftigten
  • Extreme Gesundheitsgefahr durch Dauerstress droht

Viele Beschäftigte leisten täglich mehr, als gut für sie ist. Sie bleiben länger im Job, springen ein, wenn Personal fehlt – oft ohne Bezahlung oder Zeitausgleich. Was wie Einsatz wirkt, hat einen hohen Preis: Gesundheit und Geld gehen verloren.

Die Zahlen sind deutlich: 2025 wurden in Österreich rund 170 Millionen Überstunden gemacht. Fast 46 Millionen davon waren unbezahlt. Das bedeutet: Arbeitnehmer:innen sind Milliarden Euro entgangen – während sie gleichzeitig ihre Belastungsgrenze überschritten haben.

„Wer ständig zu lange arbeitet, zahlt am Ende doppelt – mit Geld und Gesundheit“, sagt ÖGB-Gesundheitsexpertin Claudia Neumayer-Stickler.

Wenn Arbeit zur Gefahr wird 

Lange Arbeitszeiten sind kein harmloses Problem. Laut internationalen Studien steigt das Risiko für schwere Krankheiten deutlich, wenn Menschen regelmäßig mehr als 55 Stunden pro Woche arbeiten. 

Besonders betroffen sind Herz und Kreislauf. Das Risiko für einen Schlaganfall oder Herzinfarkt steigt durch extreme Überarbeitung massiv an. Weltweit sterben laut WHO jährlich fast 750.000 Menschen, weil sie sich buchstäblich zu Tode arbeiten.

Weiters steigt auch das Risiko für Arbeitsunfälle erheblich. Bereits ab der achten Arbeitsstunde gibt es einen sichtbaren Anstieg des Risikos, da sind die so genannten Wegerisiken noch gar nicht mitberücksichtigt.

„Wer ständig über das Limit hinaus schuftet, verliert nicht nur sein Geld, sondern riskiert sein Leben", so Neumayer-Stickler. Viele merken die Warnzeichen zu spät. Müdigkeit, Schlafprobleme oder hoher Blutdruck werden oft ignoriert – bis es ernst wird.

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Wenn die Seele nicht mehr kann 

Nicht nur der Körper leidet. Dauerstress wirkt sich auch auf die Psyche aus. Wer ständig unter Druck steht und keine Erholung hat, rutscht schnell in eine Erschöpfungsspirale.

In Österreich zeigen Studien: Rund 19 Prozent der Beschäftigten sind gefährdet, ein Burnout zu entwickeln oder leiden bereits an starken Vorstufen. Das bedeutet: Fast jede fünfte Person ist betroffen.

Typische Anzeichen sind ständige Müdigkeit, innere Unruhe und das Gefühl, ausgebrannt zu sein. Das alles fällt natürlich auch den Arbeitgebern auf den Kopf, weil Leistung und Produktivität bei kranken Mitarbeitern:innen nachlassen und die Fehleranfälligkeit steigt.

„Lange Arbeitszeiten verhindern außerdem, dass man ausreichend Ruhe- und Erholungsphasen hat, die essenziell für die Gesundheit sind“, weiß ÖGB-Expertin Neumayer-Stickler.

Stress verändert sogar das Gehirn 

Die Folgen gehen noch weiter: Studien zeigen, dass dauerhafter Stress sogar das Gehirn verändert. Bestimmte Bereiche, die für Emotionen und Entscheidungen wichtig sind, können sich messbar verändern. 

Das hat Folgen im Alltag: Konzentration fällt schwerer, Reizbarkeit steigt, und das Risiko für psychische Erkrankungen wächst.

Auch körperliche Beschwerden wie Rückenschmerzen oder Kopfschmerzen sind oft direkte Folgen von zu viel Arbeit und zu wenig Erholung.

Schluss mit Gratisarbeit

Unbezahlte Überstunden sind kein Kavaliersdelikt. Hinter jeder Stunde steckt ein Mensch, der Zeit, Energie und Gesundheit investiert. Faire Bezahlung und gesunde Arbeitszeiten sind kein Luxus, sondern notwendig für alle. 

Arbeit muss fair bezahlt werden – und sie darf nicht krank machen. Klare Regeln, Kontrolle und der Einsatz von Gewerkschaften sind entscheidend, um Beschäftigte zu schützen.

Was kann ich tun, wenn die Arbeit endlos ist? 

1. Darf ich Überstunden einfach ablehnen?

Ja, unter bestimmten Bedingungen ist das erlaubt. Wenn du an einem Tag bereits 10 Stunden oder in einer Woche 50 Stunden gearbeitet hast, darfst du jede weitere Stunde ohne Begründung ablehnen. Auch wenn du wichtige private Gründe hast, wie etwa ein krankes Kind, darfst du „Nein“ sagen. Niemand darf dich deswegen kündigen oder schlechter behandeln.

2. Wie beweise ich meine Überstunden?

Grundsätzlich ist es Pflicht des Arbeitgebers, Arbeitszeitaufzeichnungen zu führen (also das System zur Verfügung stellen und darauf zu achten, dass Höchstgrenzen und Ruhezeiten eingehalten werden). Arbeitnehmer:innen müssen ihre Arbeitszeiten eintragen. 

Dennoch lautet der wichtigste Tipp: Schreibe deine Arbeitszeit immer selbst genau mit, auch im Homeoffice. Korrekte Dokumentation ist essenziell. Notiere dir jeden Tag, wann du anfängst, wann du Pause machst und wann du nach Hause gehst. 

Ohne diese privaten Aufzeichnungen ist es später schwer, unbezahlte Stunden einzufordern. 

Kommt es später dennoch zu Unstimmigkeiten, unbedingt darauf hinweisen, dass Überstunden notwendig sind/waren, um die aufgetragene Arbeit zu erledigen. Hier können auch Dienstpläne hilfreich sein. 

Warte damit auch nicht zu lange, da Ansprüche aus Kollektivverträgen oft nach wenigen Monaten verfallen.

3. Was gilt bei All-in-Verträgen oder Pauschalen?

Auch mit einer Überstundenpauschale musst du nicht endlos  arbeiten. Eine Pauschale ist kein Freibrief für den Chef. 

Auch hier gilt die gesetzliche Höchstarbeitszeit von maximal 12 Stunden am Tag. Am Ende des Jahres muss eine sogenannte Deckungsprüfung gemacht werden. 

Wenn du mehr Stunden gearbeitet hast, als die Pauschale bezahlt, muss dir die Firma das restliche Geld nachzahlen. 

4. Wer hilft mir, wenn es im Job zu viel wird?

Wenn die Arbeit überhandnimmt, ist der Betriebsrat deine erste Anlaufstelle. Er kann bei der Geschäftsführung eingreifen, wenn Regeln gebrochen werden. 

Gibt es in deiner Firma keinen Betriebsrat, wende dich an deine Gewerkschaft oder die Arbeiterkammer. Dort bekommst du rechtliche Beratung und Hilfe. 

5. Was fordert der ÖGB von der Politik?

Die Gewerkschaften wollen Unternehmen, die Überstunden nicht auszahlen, bestraft werden. 

Wer Beschäftigte gratis arbeiten lässt, soll später das Doppelte nachzahlen müssen. Außerdem fordert der ÖGB eine allgemeine Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich – auch damit die Beschäftigten gesund bleiben.