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Schwimmfest Amalienbad 1957 Kammler

Warum jede Sportminute auch ein gewerkschaftlicher Erfolg ist

Von der erkämpften Freizeit bis zu den Jugendsporttagen: Wie sich die Gewerkschaft im Sport engagiert

Das Wichtigste in Kürze

  • Der Acht-Stunden-Tag schuf Zeit für Sport und Freizeit
  • Früher war Sport oft nur für Reiche möglich
  • Der ÖGB kämpft auch im Sport für faire Bedingungen 
  • Nach dem Krieg organisierte der ÖGB Erholung, Essen und Sport für Jugendliche
  • Jugendsporttage bringen Bewegung und Gemeinschaft für alle

Am Wochenende ins Stadion, am Abend ins Fitnessstudio oder einfach eine Runde laufen gehen. Ob aus Begeisterung für ein gutes Sportevent, Spaß an der Bewegung, Training oder wegen des Gemeinschaftsgefühls – Sport ist schlicht nicht mehr aus unserem Alltag wegzudenken. Doch kaum jemand denkt dabei an die Gewerkschaft. Dabei war genau sie es, die das alles möglich gemacht hat. Ohne die Arbeitszeitverkürzung gäbe es keine Freizeit – und damit auch keine Zeit, um Sportevents zu besuchen, zu trainieren oder schöne Wanderausflüge zu machen.

Als Freizeit noch ein Luxus war

Noch im 19. Jahrhundert waren 16-Stunden-Schichten in den Fabriken üblich und Erholung ein Fremdwort. In den restlichen acht Stunden mussten die Menschen alles Übrige erledigen: Haushalt, Kinderpflege, Essen, Hygiene, Schlaf. Freizeit gab es nicht. Die sozialen Folgen waren fatal. Hohe Sterblichkeits- und Unfallraten, schlechte hygienische Zustände, Krankheit und zerrüttete Familien gehörten zum Alltag der Arbeiter:innen. Sport war ein Vergnügen, das der wohlhabenden Klasse vorbehalten blieb.

Die Arbeitszeit zu verkürzen war damals eine der wichtigsten Forderungen der aufkeimenden Gewerkschaften. Mit der Losung „Acht Stunden Arbeit, acht Stunden Schlaf, acht Stunden Freizeit“ mobilisierten sie schon Ende des 19. Jahrhunderts für einen Acht-Stunden-Tag. Der Weg dorthin war nicht leicht, trotzdem erreichte die Arbeiter:innenbewegung, dass 1919 in Österreich der Acht-Stunden-Tag offiziell eingeführt wurde.

Doch die Arbeiter:innenbewegung wollte mehr als nur Zeit schaffen. Sie wollte sie sinnvoll gestalten. Deshalb entstanden Arbeiter:innen-Wander- und Schwimmvereine bis hin zu Radfahrklubs – und mit ihnen eine neue Kultur: Bewegung, Gemeinschaft und Gesundheit statt Isolation und Alkoholismus.

Fußball: vom Amateursport bis zur ersten Spielergewerkschaft

Kaum ein Sport bewegte die Gemüter so sehr wie der Fußball. Dabei galt er um 1900 noch als bürgerlicher Sport. Fußballer spielten als Amateure und zahlten ihre Ausrüstung, Reisen und Unterkunft selbst.

Doch das änderte sich schnell. Fußball wurde unter Arbeiter:innen populär – als Spieler und als Publikum. Schritt für Schritt entwickelte sich daraus ein Beruf. Meist war der Verdienst noch gering und die Spieler mussten daneben einer anderen Arbeit nachgehen. 1920 war Fußball mit 30.000 registrierten Fußballern bereits zum Breitensport geworden. In diese Zeit fallen aber auch die ersten Rufe und Überlegungen nach einer Spielergewerkschaft.

Für den tatsächlichen Zusammenschluss zu einer Gewerkschaft brauchte es aber weitere 60 Jahre. Erst 1988 gab es erstmals in Österreich eine Fußballergewerkschaft, die in die Gewerkschaft Kunst-Medien-freie Berufe (KMfB) - der heutigen Gewerkschaft younion – eingegliedert wurde.

Jugendsporttag 1971 ÖGB

Einzelverträge und ein starker Konkurrenzkampf verzögerten die Gewerkschaftsgründung. Erst unfaire Vertragsklauseln, nicht ausbezahlte Gehälter und die Situation der arbeitslosen Kicker machten klar, dass es Zeit für eine eigene Gewerkschaft war. Der Ex-Fußballer Rudolf Novotny brachte den Stein ins Rollen. Er suchte sich bekannte Unterstützung durch den damaligen ÖGB-Präsident Anton Benya sowie Herbert Prohaska.

Gemeinsam mit Fußballkollegen tourte er von Klub zu Klub und bewarb die neue Gewerkschaft: „Beim Match ist es allen klar, dass sie Rückendeckung brauchen, im echten Leben ist es nicht anders. Manche haben erst dann gemerkt, dass sie die Gewerkschaft benötigen, als es schon fast zu spät war.“

Beim Match ist es allen klar, dass sie Rückendeckung brauchen, im echten Leben ist es nicht anders. Manche haben erst dann gemerkt, dass sie die Gewerkschaft benötigen, als es schon fast zu spät war.
Ex-Fußballer Rudolf Novotny

Heute sind auch Basketball-, Eishockey- und sogar MMA Sportler:innen gewerkschaftlich organisiert. Was einst mit Fußball begann, ist Teil eines größeren Ganzen geworden.

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Sport als Chance – besonders für junge Menschen

Nach dem Zweiten Weltkrieg ging es um weit mehr als Freizeitgestaltung. Viele Kinder und Jugendliche litten unter Armut und Unterernährung. So galten 1946 64 Prozent der männlichen Jugendlichen in Wien als unterernährt. Deshalb war eine der ersten Aktionen des ÖGB die Organisation von Schülerausspeisungen, Kleiderausgaben sowie ärztlichen Untersuchungen für junge Menschen.

Die Erfahrung hatte gezeigt, dass Bildung für die durch Faschismus und Krieg gezeichneten Jugendlichen erst möglich war, wenn sie genug zu essen hatten und gesund waren.

So gründete der ÖGB mit Hilfe ausländischer Gewerkschaften auch Jugenderholungsheime. Gesundheitlich beeinträchtigte und unterernährte Jugendliche konnten sich dort zum ersten Mal nach langer Zeit richtig sattessen. Ein umfassendes Sportprogramm war von Anfang an eingeplant.

Mit jedem Heim, das der ÖGB baut, tragen wir ein Stück Gesundheit in unsere Jugend und nur mit einer gesunden Jugend ist Österreichs Zukunft gesichert.
Johann Böhm

Auch für den ersten ÖGB-Präsidenten, Johann Böhm, war die Lehrlingsführsorge ein Herzensprojekt: „Mit jedem Heim, das der ÖGB baut, tragen wir ein Stück Gesundheit in unsere Jugend und nur mit einer gesunden Jugend ist Österreichs Zukunft gesichert.“

Jugendsporttage: Bewegung für alle

Aus diesen Erfahrungen entwickelte sich eine Idee, die bis heute lebt. Die Gewerkschaftsjugend begann früh, eigene Sportveranstaltungen zu organisieren. Schon in den 1950er Jahren fanden erste Bewerbe statt – manchmal sportlich, manchmal humorvoll, aber immer mit dem Ziel, Menschen zusammenzubringen.

1966 wurden erstmals die Jugendsporttage ausgetragen. Rund 1.200 Jugendliche nahmen teil. Was damals begann, entwickelte sich rasch zu einer festen Größe. Heute sind die Jugendsporttage eines der größten Sportevents für Jugendliche in Österreich. Jahr für Jahr kommen tausende junge Menschen zusammen, probieren Sportarten von Fußball und Schwimmen bis Bungee-Jumping oder Human Table Soccer aus. Sie messen sich miteinander und erleben Gemeinschaft – kostenlos und offen für alle.

Gerade weil es an vielen Berufsschulen keinen verpflichtenden Sportunterricht gibt, setzte die Gewerkschaftsjugend mit diesem Sportereignis ein wichtiges Zeichen: Auch Lehrlinge sollen mehr Zugang zu Sport bekommen. Ihrem Engagement ist es zu verdanken, dass es seit 1971 den Gegenstand „Leibesübungen“ als Freifach in den Berufsschulen gibt.

Ein zweiter Blick auf den Sport

Wenn wir heute an Sport denken, sehen wir Spiele, Trainings oder große Events. Die Gewerkschaft taucht dabei selten auf. Und doch ist sie Teil dieser Geschichte.

Sie hat die Zeit erkämpft, die wir heute nutzen. Sie hat Räume geschaffen, in denen Bewegung und Gemeinschaft möglich wurden. Und sie hat dafür gesorgt, dass auch im Sport Fragen von Fairness und Absicherung gestellt werden.