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Obwohl es keine Übertragungsrisiken gibt, erleben viele Menschen mit HIV im Job Ausgrenzung und Vorurteile. fizkes – stock.adobe.com

Arbeitsleben mit HIV – Normalität statt Tabu

Andrea Brunner, Geschäftsführerin der Aids Hilfe Wien, im Interview mit oegb.at über moderne Therapien und Diskriminierung im Job als größte Herausforderung

Das Wichtigste in Kürze:

  • HIV beeinflusst das Arbeitsleben medizinisch nicht; mit wirksamer Therapie ist ein normales Berufsleben bis zur Pension möglich
  • Der HIV-Status muss am Arbeitsplatz nicht offengelegt werden
  • Arbeitgeber können durch Aufklärung, eine klare Haltung gegen Diskriminierung und solidarische Arbeitskultur fördern
  • Initiative #positivarbeiten und Aids Hilfe Wien bieten Workshops und Beratung zur Sensibilisierung und Stärkung eines respektvollen Umgangs mit HIV im Beruf

Obwohl es keine Übertragungsrisiken gibt, erleben viele Menschen mit HIV im Job Ausgrenzung und Vorurteile. Diese resultieren oft aus mangelndem Wissen über HIV. Arbeitgeber können durch Aufklärung und eine klare Haltung gegen Diskriminierung ein inklusives Arbeitsumfeld schaffen, sagt Andrea Brunner, Geschäftsführerin der Aids Hilfe Wien im Gespräch mit oegb.at.  

Wie beeinflusst HIV das Arbeitsleben? 

Andrea Brunner: Eine HIV-Diagnose hat auf das Arbeitsleben aus medizinischer Sicht keine Auswirkungen. Unter wirksamer Therapie können Menschen mit HIV ein ganz normales Leben führen – mit guter Lebensqualität und durchschnittlicher Lebenserwartung. Auch bis zur Pension steht einem regulären Berufsleben nichts im Weg. 

Muss man dem Arbeitgeber bekannt geben, dass man HIV-positiv ist? 

Andrea Brunner: Der HIV-Status muss am Arbeitsplatz nicht offengelegt werden; eine Meldepflicht gegenüber dem Arbeitgeber oder Kolleginnen und Kollegen besteht nicht. Eine Ausnahme bilden nur wenige invasive chirurgische Tätigkeiten bei unbehandelter Infektion. Grundsätzlich können Menschen mit HIV in Österreich jeden Beruf ausüben – lediglich für die erwerbsmäßige Sexarbeit gelten besondere Bestimmungen. 

Andrea Brunner, Geschäftsführerin der Aids Hilfe Wien Jürgen Hammerschmid

Welche Hürden erleben Menschen mit HIV im Job? 

Andrea Brunner: Menschen mit HIV begegnen nach wie vor Vorurteilen und Stigmatisierung – von Klatsch und Tratsch über Ausgrenzung bis zu ungerechtfertigten Kündigungen. Grund dafür ist oft mangelndes Wissen über HIV und seine Übertragungswege. 

Worum geht es da genau bei den Vorurteilen?  

Andrea Brunner: Noch immer bestehen irrationale Ängste, etwa vor Ansteckung durch Geschirr oder sanitäre Anlagen – obwohl HIV im normalen Arbeitsalltag nicht übertragbar ist. Selbst im Gesundheits- oder Pflegebereich besteht kein Risiko, wenn die üblichen Hygienemaßnahmen eingehalten werden. 

Wie können Arbeitgeber Inklusion fördern? 

Andrea Brunner: Ein diskriminierungsfreies Arbeitsklima ist entscheidend. Arbeitgeber sollten aktiv über HIV informieren, Vorurteile abbauen und Solidarität zeigen. Firmenkultur und Leitbilder haben dabei großen Einfluss – sie sollten eine klare Haltung gegen Diskriminierung vermitteln und im Alltag gelebt werden. 

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Das Wichtigste auf einen Blick

Was, wenn es dennoch zu Vorfällen kommt?  

Andrea Brunner: Kommt es dennoch zu Vorfällen, sind vertrauliche Anlaufstellen und eine transparente Aufarbeitung wichtig. Auch öffentliche Bekenntnisse zu Toleranz und Akzeptanz tragen zu einem positiven Betriebsklima bei. Menschen mit HIV wünschen sich vor allem eines: Selbstverständlichkeit im Umgang. 

Welche Rolle spielt die Aids Hilfe Wien dabei? 

Andrea Brunner: Unter dem Motto #positivarbeiten starteten die AIDS-Hilfen Österreichs 2020 eine Initiative für Respekt und Selbstverständlichkeit im Berufsleben. Arbeitgeber, die die Erklärung unterzeichnen, bekennen sich zu einem diskriminierungsfreien Umgang mit HIV und verpflichten sich, das Thema aktiv anzusprechen. 

Die Aids Hilfe Wien bietet dazu Vorträge und Workshops für Betriebe an. Dort werden Fakten zu HIV vermittelt, Strategien für einen respektvollen Umgang entwickelt und Menschen mit HIV berichten von ihren Erfahrungen. Diese Angebote schaffen Bewusstsein – und oft auch den Raum, um andere sensible Themen im Betrieb anzusprechen. 

Wie wird sich die Arbeitswelt für Menschen mit HIV entwickeln? 

Andrea Brunner: Viele verheimlichen ihre Infektion aus Angst vor Benachteiligung – das verursacht Stress und hemmt Kreativität. Stigmatisierung schadet dem gesamten Betriebsklima. Aufklärung und Offenheit stärken Teamzusammenhalt. HIV-Therapien werden simpler: Heute reicht eine Tablette oder Depotspritze (bis 8 Wochen). Weitere Fortschritte erleichtern ein selbstverständliches Arbeiten mit HIV.