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Gerda Clementis Geschichte zeigt, wie Frauen nach persönlichen Rückschlägen wieder aufstehen können. Clementi
Bewegende Geschichte

Eine Frau, zwei Kinder und ein Neuanfang bei Manner

Vom Krisenmanagement bis zur Pension: Gerda Clementis Weg zur Betriebsrats-Mama

Im Wolkersdorfer Hügelland, zwischen Landwirtschaft und Fabrikhallen, hat Gerda Clementi eine Lebensgeschichte geschrieben, die nicht nur von beruflichem Aufstieg, sondern vor allem von unerschütterlicher Hingabe und sozialem Engagement geprägt ist.

Clementis Weg begann auf einem landwirtschaftlichen Betrieb, den sie über zwei Jahrzehnte gemeinsam mit ihrem Ex-Mann aufbaute. Doch als sich ihre Wege trennten, stand sie vor einer existenziellen Herausforderung. In einer unmöblierten Wohnung und ohne eine berufliche Perspektive musste sie allein für zwei Kinder sorgen, da ihr Ex-Mann jegliche finanzielle Unterstützung hinauszögerte. In dieser schwierigen Lebensphase wagte sie einen Neuanfang bei der Firma Manner in Wolkersdorf. Mit einer emotionalen, handgeschriebenen Bewerbung bekam sie eine Stelle und begann, am Fließband zu arbeiten – um sich von ganz unten wieder nach oben zu kämpfen.

Vom Fließband zur Betriebsrats-Mama

Am Fließband arbeitete die heute 62-Jährige nur kurz, da sie, wie sie selbst sagt, „einfach mehr Verantwortung übernehmen wollte“. Viel länger blieb sie hingegen in der Schokoladengießerei. „Neun Jahre lang habe ich hier als Maschinenführerin gearbeitet. Und obwohl die Arbeit hier viel herausfordernder und anspruchsvoller war, war es das Richtige für mich. Ich arbeitete selbstständig und hatte viel mehr Verantwortung“, erzählt Clementi.   

Auch im Urlaub habe ich E-Mails beantwortet. Es ist für mich unvorstellbar, nicht zu antworten, wenn ein Kollege oder eine Kollegin Hilfe braucht.

Gerda Clementi

Ihre Geschichte nahm eine Wende, als Clementi zur Vorsitzenden des Arbeiter-Betriebsrats der Manner-Fabrik gewählt wurde. Obwohl ihr von Anfang an klar war, dass die Betriebsratsarbeit viel Zeit in Anspruch nehmen und ihre Freizeit darunter leiden würde, freute sie sich auf die neue Aufgabe und bekam auch viel Unterstützung von ihrem neuen Mann. „Als ich ihm von meinen Plänen erzählte, sagte er sofort: ‚Mach das, mach das‘“, erinnert sich Clementi.  
In ihrer Funktion als Betriebsrätin bewies sie nicht nur ein beeindruckendes Verständnis für die beruflichen Belange, sondern auch viel Sensibilität für die privaten Sorgen ihrer Kolleginnen und Kollegen: Sie verhinderte Kündigungen, half dabei, Delogierungen abzuwenden, schlichtete Nachbarschaftsstreitigkeiten und begleitete betroffene Mitarbeiter:innen zur Suchtberatung und durch viele andere Einzelschicksale. So wurde Clementi mit ihrer Wahl zur Betriebsratsvorsitzenden nicht nur zur Stimme der Belegschaft, sondern auch zu deren „Mama“, wie sie von vielen im Betrieb auch liebevoll genannt wurde.

„Ich war immer für sie da, auch im Urlaub habe ich E-Mails beantwortet. Es ist für mich unvorstellbar, nicht zu antworten, wenn ein Kollege oder eine Kollegin Unterstützung braucht. Für mich waren sie alle meine ‚Kinder‘ und wehe, es wagt jemand, ihnen wehzutun“, sagt Clementi lächelnd. Die Frage, ob bei so viel Engagement die Zeit für Familie und Privates zu kurz kommt, verneint sie ganz klar: „Wenn man etwas gerne macht, dann ist es keine Arbeit. Und für meine Kinder und meine Familie war und bin ich immer da.“

Krisenzeiten und Betriebsfeste

In den turbulenten Zeiten der Pandemie war die Betriebsratsvorsitzende ein Teil des Krisenmanagements. Jeden Tag stand sie frühmorgens bereit, um bei Mitarbeiter:innen Fieber zu messen und Corona-Tests durchzuführen. Ihr Engagement ging weit über das „normale“ Maß hinaus, und Homeoffice war für sie undenkbar. Inmitten der Herausforderungen organisierte sie – unter Berücksichtigung aller behördlichen Auflagen – Weihnachtsfeiern, Sommerfeste und Betriebsausflüge, um den Teamgeist zu stärken. 

Doch Clementis Einfluss reichte weit über die Organisation von Events hinaus: Verhandlungen mit der Geschäftsleitung führte sie mit Diplomatie und Weitsicht, immer darauf bedacht, das Beste für ihre Mitarbeiter:innen herauszuholen. Ob kostenloses Obst- und Salatangebote, ergonomische Arbeitsplatzgestaltung oder individuelle Gehörschutzlösungen – sie scheute keine Mühe, um die Arbeitsbedingungen im Betrieb zu verbessern.

Gerda Clementi wurde das Ehrenzeichen für Verdienste um das Land Niederösterreich verliehen Mario Scheichel

Abschied und Erbe

„Ihre Rolle als Betriebsratsvorsitzende war geprägt von Prinzipien, Gerechtigkeit und dem Willen, gegen Ungerechtigkeiten vorzugehen. Bei den Betriebsratswahlen gab es nie eine Gegenliste, und die fast hundertprozentige Wahlbeteiligung spricht für die Anerkennung und Wertschätzung ihrer Kolleginnen und Kollegen“, erzählt ihre Nachfolgerin Samila Kocagöz. Clementi geht nämlich mit Jahreswechsel 2023/2024 in den wohlverdienten Ruhestand. Die Pensionierung von Clementi nahm Kocagöz gemeinsam mit der gesamten Belegschaft der Firma Manner in Wolkersdorf auch zum Anlass, Clementi für die Verleihung des Ehrenzeichens für Verdienste um das Land Niederösterreich vorzuschlagen. 

Clementis Geschichte ist nicht nur ein Beispiel dafür, wie Frauen nach persönlichen Rückschlägen wieder aufstehen können, sondern auch ein Vermächtnis von Fürsorge, Entschlossenheit und der Kraft, Veränderungen zum Wohle der Gemeinschaft herbeizuführen. Gerda Clementi hat nicht nur die Mitarbeiter:innen einer Fabrik als Betriebsrätin gut vertreten – sie hat Herzen berührt und Leben verbessert. „Die Arbeit wird mir natürlich fehlen, aber ich glaube nicht, dass mir langweilig wird. Anfang 2024 werde ich Großmutter und freue mich jetzt auf die Zeit mit meinem Enkelkind und in meinem Garten“, sagt sie. 

 

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