Solidarität

Sei du die starke Stimme! Neue BetriebsrätInnen braucht das Land!

Rund 70.000 gibt es in Österreich. Vier von Ihnen erzählen von ihren Erfahrungen im Kampf für KollegInnen in Zeiten von Corona

Wie bei vielen anderen hat sich auch bei Georg Huber der März 2020 regelrecht ins Hirn eingebrannt. Es war der Beginn der Corona-Pandemie und die Krise ist in atemberaubender Geschwindigkeit über uns hereingebrochen. Sie hat nicht nur unser Privatleben, sondern auch unsere Arbeitswelt auf den Kopf gestellt.

Georg ist Betriebsrat im Hauptwerk der Ziegelproduktionsfirma Wienerberger Österreich GmbH. Der Verantwortung, die er und seine BetriebsratskollegInnen tragen, ist er sich bewusst: „In einer derartigen Ausnahmesituation sind BetriebsrätInnen besonders wichtig. Die Zeiten sind extrem schwierig, da müssen wir noch mehr auf unsere Leute schauen. Wir wollen das Bestmögliche für sie herausholen. Ohne Betriebsrat geht das nicht.“

Fairness in den Mittelpunkt rücken

Georg ist nur einer von knapp 70.000 BetriebsrätInnen, die sich tagtäglich für ihre KollegInnen einsetzen. Es gibt viel zu tun: Unfaire Arbeitsbedingungen, schlechtes Betriebsklima, KollegInnen in der Krise – das gehört für viele Tausende ArbeitnehmerInnen in ganz Österreich zum traurigen Arbeitsalltag. Engagierte BetriebsrätInnen sagen „Stopp!“ und unterstützen mit ganzer Kraft all jene, die unfair im Job behandelt werden. 

Als Betriebsrat sorgt man für Fairness: Jede und jeder soll fair behandelt werden, es soll faire Gehälter und faire Arbeitszeiten geben.

Oliver Weissgerber, Betriebsrat ZARA

Eine Devise, die auch für den Betriebsratsvorsitzenden der Modekette ZARA Österreich, Oliver Weissgerber, gilt: „Als Betriebsrat sorgt man für Fairness: Jede und jeder soll fair behandelt werden, es soll faire Gehälter und faire Arbeitszeiten geben.“ Damit es in Österreich noch viel mehr engagierte BetriebsrätInnen wie Oliver oder Georg gibt, ist vor Kurzem der Startschuss für die neue ÖGB-Kampagne „Sei du die starke Stimme!“ gefallen. 

Betriebsratsfamilie soll wachsen

Mit der Kampagne will der ÖGB nicht nur aktiven BetriebsrätInnen ein großes Dankeschön sagen, sondern auch Beschäftigte ermutigen, sich für innerbetriebliche Mitbestimmung starkzumachen. „Wir wollen diejenigen ansprechen, die nicht zufrieden sind, wie es in ihrem eigenen Unternehmen läuft. Die, die sagen: ,Mir reicht’s!‘ und einen Betriebsrat gründen wollen“, erklärt Barbara Teiber, Vorsitzende der Gewerkschaft GPA und Schirmherrin der Kampagne. ArbeitnehmerInnen sind nicht machtlos.

Ein wesentlicher Schlüssel, um ihnen mehr Gehör zu verleihen, sind starke BetriebsrätInnen. „Gerade bei Verhandlungen sehen wir, dass Arbeitgeber oft am längeren Ast sitzen. BetriebsrätInnen gemeinsam mit der Gewerkschaft versuchen dieses Ungleichgewicht auszugleichen. Ein weiterer guter Grund, warum wir die Zahl der Betriebsratskörperschaften merklich steigern wollen!“, betont Teiber.

Mutige Schritte setzen

Wie wichtig die Arbeit von BetriebsrätInnen ist, wird oft nicht unmittelbar erkannt. Ein Beispiel: Während die Sozialpartner monatelang mit der Politik für klare Regeln für die Arbeit im Homeoffice und für Maskenpausen in der Arbeit gekämpft haben, waren sie in einigen Betrieben längst umgesetzt. Und zwar weil BetriebsrätInnen eine Betriebsvereinbarung abgeschlossen hatten. Damit hat es etwa bei der Erste Bank von Beginn des ersten Lockdowns an klare Regeln gegeben, weil es schon eine Betriebsvereinbarung für mobiles Arbeiten sowohl am Arbeitsplatz als auch daheim gegeben hat. Zudem hat ein großer Automobilkonzern lange vor dem Generalkollektivvertrag grünes Licht dafür gegeben, dass seine Beschäftigten zum Durchschnaufen alle zwei Stunden die Maske abnehmen dürfen. (Anmerkung: Die Sozialpartner haben sich im Jänner 2021 auf den Generalkollektivvertrag geeinigt – er regelt Freistellung für Tests und Pausen für das Maskentragen.)

Aktiv handeln

Von einem ähnlichen Erfolgserlebnis erzählt auch Elvira Eisner, sie ist Betriebsratsvorsitzende beim steirischen Lebensmittelproduzenten Landena KG. Während die Bundesregierung einen Corona-Tausender als Belohnung für die HeldInnen der Krise permanent vom Tisch wischt, haben es Elvira und ihr Team geschafft, den KollegInnen einen finanziellen Bonus zu sichern: „Wir haben eine Corona-Prämie ausverhandelt! Das ist ein sehr gutes Gefühl, dass wir da für jede Mitarbeiterin und jeden Mitarbeiter etwas rausgeholt haben.“ Elvira ist die starke Stimme für ihre KollegInnen, sie sieht es als ihren „Job an, für Fairness zu sorgen“. 

Wir haben eine Corona-Prämie ausverhandelt! Das ist ein sehr gutes Gefühl, dass wir da für jede Mitarbeiterin und jeden Mitarbeiter etwas rausgeholt haben.

Elvira Eisner, Betriebsrätin bei Landena KG.

Auf Menschen zugehen

Schauplatzwechsel – von der Steiermark geht es nach Wien. Bei der Wiener Netze GmbH ist Alexander Kronabeter als Betriebsrat im Einsatz. Er legt sich mit ganzem Herzen ins Zeug und verrät, was für ihn einen guten Betriebsrat oder eine gute Betriebsrätin ausmacht: „Man muss gerne auf Menschen zugehen, gerne mit ihnen kommunizieren und sich auch für die Materie interessieren. Man hat ja dann zum Beispiel mit Arbeitsrecht, Urlaub, Krankenstand-Entlohnung oder Kollektivvertrag zu tun. Und einen gewissen Gerechtigkeitssinn muss man haben, wenn’s unfair wird im Leben.“ Gegen Ungerechtigkeiten aufzutreten, erfordert auch Geduld, betont Alexander, „aber dann gibt es diesen Punkt, wo man sagt: Mir reicht’s, so nicht!“.

 Und einen gewissen Gerechtigkeitssinn muss man haben, wenn’s unfair wird im Leben.

Alexander Kronabeter, Betriebsrat Wiener Netze

An genau diesem Punkt sind auch Tausende ArbeitnehmerInnen. Zum Auftakt der neuen Kampagne „Sei du die starke Stimme!“ wollten wir von Österreichs Beschäftigten wissen, wo sie der Schuh drückt. Bei einer Online-Befragung auf www.mir-reichts.at haben sie kräftig Dampf abgelassen. Eines ist klar: Die Ängste und Forderungen von heute sind die Basis für die Handlungen von morgen. Wer etwas verändern will, muss aktiv werden. 

Mehr Schlagkraft

Vom Engagement der BetriebsrätInnen profitieren alle. Dass Betriebe und Unternehmen mit gut eingebundenem Betriebsrat eindeutig besser durch die Krise kommen, ist auch eines der zentralen Ergebnisse des aktuellen „Strukturwandelbarometers“. Das Meinungsforschungsinstituts IFES hat über 2.100 Betriebsratsmitglieder befragt, wie es ihnen und ihrem Unternehmen in der Krise ergangen ist. Acht von zehn sagen, dass sie gut in die Entscheidungen zu den COVID-19-Maßnahmen eingebunden waren. 

Wo Betriebsräte vor Ort sind, funktioniert es einfach besser. Betriebsräte können die negativen COVID-Auswirkungen nicht verhindern, aber auf alle Fälle dämpfen, und davon profitieren die Beschäftigten und die Betriebe“, so IFES-Geschäftsführerin Eva Zeglovits. Ein Beispiel: In fast jedem dritten Betrieb, wo BetriebsrätInnen sehr gut eingebunden sind, hat es während der Kurzarbeit sogar mehr Geld gegeben – die Unternehmen haben dort freiwillige Aufzahlungen geleistet. Gleichzeitig berichten die BetriebsrätInnen, dass der Arbeitsdruck gestiegen ist, während sich das Arbeitsklima in den vergangenen Monaten vielerorts verschlechtert hat.

Arbeitsplätze sichern und Druck von Beschäftigten zu nehmen, sind große Herausforderungen in der aktuellen Krise. Und diese meistert man am besten gemeinsam. Die Umfrage beweist zwar, dass betriebliche Sozialpartnerschaft gerade in schweren Zeiten bestens funktioniert, allerdings gibt ÖGB-Präsident Wolfgang Katzian zu bedenken, „dass wir gerade in den vergangenen Jahren erlebt haben, dass die betriebliche und gewerkschaftliche Mitbestimmung nicht in Stein gemeißelt ist. Sie muss immer wieder neu erarbeitet und verteidigt werden. Das schaffen wir nur mit starken, engagierten BetriebsrätInnen.“

Erfahrungen anderer anzapfen 

Beschäftigte, die sich künftig für ihre KollegInnen einsetzen wollen, sind nicht allein. Die Gewerkschaft unterstützt sie selbstverständlich bei, aber auch schon vor und später nach der Betriebsratsgründung. Im Rahmen der Kampagne „Sei du die starke Stimme!“ gibt es auch noch ein ganz besonderes Zuckerl: den Betriebsrats-Buddy. Dieser Buddy ist ein erfahrener Betriebsrat bzw. eine erfahrene Betriebsrätin und steht mit Rat und Tat zur Seite. Wenn auch du schon Betriebsrat/-rätin bist und anderen unter die Arme greifen möchtest, melde dich! Entweder telefonisch unter 0800 22 12 00 60 oder per E-Mail unter hotline@oegb.at

Egal, ob frischgebackener oder erfahrener Betriebsrat: Auf die Hilfe der Gewerkschaft können alle zählen. Betriebsrat Karl Findeis, ÖBB-Lokführer aus Wien, erinnert sich, dass gerade in den ersten Monaten der Corona-Krise rasche Antworten für seine KollegInnen gefragt waren: „Ich wurde bei jedem Anliegen und jedem Problem bestmöglich unterstützt, das war eine große Hilfe für mich.“

Wusstest du …

… dass es in Österreich rund 70.000 BetriebsrätInnen gibt?

… dass jedes dritte aktive Betriebsratsmitglied weiblich ist?

… dass rund 60 Prozent der Betriebe mit über 100 Beschäftigten einen Betriebsrat haben?

… dass damit rund zwei Millionen ArbeitnehmerInnen durch BetriebsrätInnen vertreten werden?

Erste Schritte zur Wahl

Einen Betriebsrat zu gründen, ist keine Herkulesaufgabe. Die Voraussetzungen: Im Betrieb muss es mindestens fünf stimmberechtigte ArbeitnehmerInnen geben und sie müssen die Wahl bzw. die Gründung eines Betriebsrats anstoßen. „Die praktische Umsetzung ist mithilfe der Gewerkschaften nicht schwer. Der Mehrwert für die Belegschaft ist hingegen sehr groß“, wie ÖGB-Arbeitsrechtsexperte Martin Müller erklärt. Der Arbeitgeber darf die Wahl nicht verhindern: „Einen Betriebsrat zu wählen, ist ein demokratisches Grundrecht. Unternehmen, die sich gegen einen Betriebsrat einsetzen, stemmen sich letztlich auch gegen die demokratische Grundordnung“, so der ÖGB-Experte.

Gute Gründe

BetriebsrätInnen in einem Unternehmen haben viele Vorteile: Sie können unter anderem höhere Einkommen und Sozialleistungen verhandeln, für mehr Sicherheit und wirtschaftliche Stabilität sorgen und sich für bessere und gesündere Arbeitsbedingungen einsetzen. Die ArbeitnehmerInnen brauchen den Schutz ihrer Rechte wie selten zuvor – gerade deshalb ist es umso wichtiger, dass motivierte MitarbeiterInnen sich der Wahl stellen, um im Betrieb etwas zu bewegen. 

Genau das versuchen auch die BetriebsrätInnen Elvira, Georg, Alexander, Oliver und Karl jeden Tag. Bereits vor der Corona-Krise waren sie die starke Stimme in ihren Unternehmen. Seither ist viel passiert, doch das Sprachrohr ihrer Kolleginnen und Kollegen sind sie nach wie vor. Es gibt bereits viele BetriebsrätInnen in Österreich, aber es sollen noch mehr werden. Besonders in der Krise, die uns allen bereits viel abverlangt hat, ist es wichtig, Ungerechtigkeiten aus dem Weg zu räumen und jenen eine Stimme zu verleihen, die unfair behandelt werden!