Interview
Arbeitnehmer:innen wieder am Steuer: Neumayer-Stickler fordert Innovationen statt Sparkurs
Turnusmäßige Vorsitzende des Dachverbands der Sozialversicherungsträger im Gespräch mit oegb.at
2026 steht in der Sozialversicherung im Zeichen großer Herausforderungen – und gezielter Innovationen. Claudia Neumayer-Stickler, Leiterin des Referats für Gesundheits- und Sozialversicherungspolitik im ÖGB, stellt sich diesen Aufgaben. Am 1. Januar 2026 übernimmt sie den turnusmäßigen Vorsitz im Dachverband der Sozialversicherungsträger.
Im Mittelpunkt steht für sie vor allem eines: die Absicherung der Versicherten. Finanzielle Stabilität sei wichtig, betont sie, dürfe aber niemals auf Kosten der Gesundheitsversorgung gehen – und Prävention sei kein Luxus, sondern gerade in schwierigen Zeiten eine Notwendigkeit.
Das Wichtigste in Kürze:
- Schwerpunkte 2026: Innovationen wie Patientenpfade und Digitalisierung trotz knapper Budgets
- Versicherte schützen: Keine Kürzungen, Prävention priorisieren
- Erfolge 2025: Erweiterte Gratis-Impfungen, 100. Primärversorgungseinheit, Zielbild: Ein solidarisches, präventives und öffentliches Gesundheitssystem
oegb.at: Claudia, welche inhaltlichen Schwerpunkte sind dir im Jahr 2026 sehr wichtig?
Neumayer-Stickler: Das Jahr 2026 wird weiterhin von der Herausforderung geprägt sein, unter den aktuellen finanziellen Rahmenbedingungen die Weiterentwicklung in allen Bereichen der Sozialversicherung – also in der Kranken-, Unfall- und Pensionsversicherung – sicherzustellen. Ein zentraler Schwerpunkt liegt auf Innovationen, die sowohl die Versorgung verbessern als auch die Mittel effizient einsetzen.
oegb.at: Welche Bereiche sind das?
Neumayer-Stickler: Wesentlich ist die Entwicklung sogenannter Patientenpfade, die sicherstellen, dass jede Patientin und jeder Patient zur richtigen Zeit die richtige Behandlung erhält und auf dem gesamten Behandlungsweg begleitet wird. So lassen sich Doppeluntersuchungen, Mehrfachbehandlungen und lange Wartezeiten vermeiden. Gleichzeitig wird gewährleistet, dass nur medizinisch notwendige Leistungen erbracht werden. Unterstützt werden soll dieses Konzept durch gezielte digitale Angebote wie der Ausbau der Gesundheitshotline 1450.
oegb.at: Wie willst du die Interessen der Arbeitnehmer:innen und Patientinnen und Patienten absichern?
Neumayer-Stickler: Gerade in wirtschaftlich angespannten Zeiten ist es entscheidend, dass Sparmaßnahmen nicht zu Lasten der Versicherten gehen. Finanzielle Stabilität ist wichtig, doch sie darf nicht auf Kosten des Gesundheitssystems oder des sozialen Schutzes erreicht werden. Stillstand oder gar Leistungskürzungen wären unverantwortlich – gegenüber den Beschäftigten im Gesundheitswesen ebenso wie gegenüber allen, die auf diese Leistungen angewiesen sind.
oegb.at: Wie kann man das erreichen?
Neumayer-Stickler: Selbst in herausfordernden Zeiten müssen wir unser System weiter stärken. Besonders wichtig ist mir dabei die Prävention: Sie ist kein Luxus für bessere Tage, sondern gerade dann unverzichtbar, wenn die Rahmenbedingungen schwierig sind. Die Arbeitswelt hat sich stark verändert – und mit ihr auch die gesundheitlichen Belastungen. Darauf müssen wir entschlossen reagieren, stärker als bisher.
oegb.at: Könntest du uns ein Beispiel nennen?
Neumayer-Stickler: Um nur ein Beispiel zu nennen: Gerade bei psychischen Erkrankungen braucht es mehr Bewusstsein und gut vernetzte Angebote, die eine niederschwellige Anlaufstelle für frühe Unterstützung bieten. Niemand darf mit solchen Belastungen allein gelassen werden – hier müssen Prävention und Versorgung Hand in Hand gehen.
oegb.at: Worauf oder worüber freust du dich besonders?
Neumayer-Stickler: Ich freue mich über die positiven Entwicklungen des vergangenen Jahres. Besonders wichtig sind die Ausweitung des kostenlosen Impfprogramms gegen Pneumokokken und Herpes-Zoster (Gürtelrose) sowie die Verlängerung der HPV-Impfung für junge Erwachsene – ein Schritt hin zu unserem Ziel, alle vom Nationalen Impfgremium empfohlenen Impfungen kostenfrei anzubieten.
Große Freude bereitet auch die Eröffnung der 100. Primärversorgungseinheit im Jahr 2025. Besonders neue Einheiten mit Fokus auf Kinder und Jugendliche bringen spürbare Verbesserungen – diesen Schwung gilt es 2026 mitzunehmen. Auch im Bereich der Digitalisierung wurden 2025 wichtige Fortschritte erzielt. Für 2026 sind weitere Projekte geplant, die den Menschen das Leben erleichtern – etwa der elektronische Eltern-Kind-Pass.
oegb.at: Wie sieht ein gutes Gesundheitssystem in der Zukunft für dich aus?
Neumayer-Stickler: Ein gutes Gesundheitssystem ist solidarisch organisiert – und diese Solidarität muss für alle erlebbar bleiben. Menschen müssen darauf vertrauen können, bei medizinischer Notwendigkeit rasch und qualitätsvoll behandelt zu werden, unabhängig von Wohnort oder finanziellen Möglichkeiten. Ebenso wichtig ist, dass Prävention ernst genommen und rechtzeitig umgesetzt wird.
Der Kampf gegen die zunehmende Privatisierung der Medizin bleibt dabei eine zentrale Aufgabe: Gesundheit darf keine Ware werden, sondern muss ein öffentliches Gut bleiben – getragen von Solidarität, Qualität und Chancengerechtigkeit.