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Am 20. und 21. April trafen sich Gewerkschafter:innen und Eisenbahner:innen aus Österreich und Ungarn in Wien, um sich über Demokratie am Arbeitsplatz auszutauschen. ÖGB

Demokratie auf Schiene: Wie Mitbestimmung im Arbeitsalltag gelebt wird

Teaser: Ein Treffen von Eisenbahngewerkschafter:innen aus Ungarn und Österreich in Wien zeigt, wie grenzüberschreitende Zusammenarbeit gelebt wird – von gemeinsamen Projekten bis hin zum täglichen Austausch der Beschäftigten

Am 20. und 21. April 2026 trafen sich die Eisenbahngewerkschaft des ungarischen Dachverbands MASZSZ und ÖGB/vida zu einem Erfahrungsaustausch im Rahmen des EU-finanzierten Projekts Just Work. Im Zentrum stand die Frage, wie die betriebliche Mitbestimmung in der Praxis tatsächlich funktioniert und wie Beschäftigte über Ländergrenzen hinweg voneinander lernen, zusammenarbeiten und sich gegenseitig stärken können.

Mit der fortschreitenden Liberalisierung des Eisenbahnsektors geraten einst gute Beschäftigungsbedingungen immer stärker unter Druck. Die Bahnen stehen im Wettbewerb zueinander, Lohn- und Sozialdumping nehmen zu. Daher ist die grenzüberschreitende Zusammenarbeit von Gewerkschaften umso wichtiger. Sie stehen vor den gleichen Herausforderungen und kämpfen für gute Arbeitsbedingungen, hohe Ausbildungsstandards und gerechte Löhne und gegen Lohn- und Sozialdumping.

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Zu Beginn des Treffens stand ein intensiver Austausch über aktuelle Entwicklungen in Ungarn. Diese wurden von den Teilnehmer:innen grundsätzlich positiv, jedoch auch mit gewissen Vorbehalten bewertet. Es wurde vereinbart, den grenzüberschreitenden Austausch der Gewerkschaften weiter zu vertiefen, und die führzeitige Einbindung in arbeitnehmerrelevanten Themen gemeinsam zu fordern, um deren Entwicklung mitgestalten zu können.

Die ungarischen und österreichischen Kolleg:innen erhielten ein Update über die bisherigen Projektfortschritte. Ergänzend dazu gab es eine Einführung in die österreichische Gewerkschaftslandschaft, um die Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten besser verstehen zu können.

Gemeinsame Herausforderungen

Beide Länder sind mit ähnlichen strukturellen Themen konfrontiert. Hinsichtlich der der Investitionspolitik wurde kritisch angemerkt, dass in der Vergangenheit wirtschaftliche Entscheidungen mit langfristigen Auswirkungen auf den Betrieb getroffen wurden. Im Fokus stand dabei die Frage der nachhaltigen Sicherung und Weiterentwicklung der öffentlichen Infrastruktur. Österreich ist mit dem Rahmenplan, der Investitionen für den Zeitraum von sechs Jahren budgetiert und damit langfristige Investitionen sichert, im internationalen Vergleich gut aufgestellt.

Schwerarbeit und Schwerarbeitspension

Die Bewertung und Anerkennung von Schwerarbeit (z.B. bei Hitze, Kälte u.a.) und das Thema Schwerarbeitspension in Österreich war von großem Interesse. Sie ist in dieser Form in Ungarn nicht vorhanden.

Pilotprojekt der MAV und ÖBB

Im grenzüberschreitenden Eisenbahnverkehr erfolgt im Grenzübergangsbahnhof in der Regel ein Lokführerwechsel . Im Rahmen eines gemeinsamen Pilotprojekts der Eisenbahnverkehrsunternehmen MAV und ÖBB wurden erstmals Lokführer beider Unternehmen gezielt für die jeweils angrenzenden Streckenabschnitte im Nachbarland qualifiziert.

Mit der für das Nachbarland erworbenen Zusatzbescheinigung können nun gut ausgebildete Lokführer mit den geforderten deutschen und ungarischen Sprachkenntnissen die Strecke Wien-Budapest fahren – und das ohne Lokführerwechsel am Grenzbahnhof. Das von den Gewerkschaften begleitete Projekt steht für einen hohen Ausbildungsstandard und verhindert Lohn- und Sozialdumping und folgt den Leitlinien der ETF, welche vorsehen, dass keine Beschäftigten eines Landes etwas verlieren dürfen. Neben den beschäftigungsrelevanten Themen, konnte durch die Mitbestimmung auch an der Lösung viele weiterer Fragen mitgewirkt werden.

Dieses Projekt ließ die grenzüberschreitend arbeitenden Kolleg:innen aus Ungarn und Österreich mittlerweile eng zusammenrücken. Die vormals informelle digitale chat-Gruppe am Mobiltelefon wird mittlerweile für den schnellen Austausch über arbeitsrelevante Themen genutzt. Dabei geht es von betrieblichen Herausforderungen bis hin zu Fragen rund um Vorschriften und Abläufen in beiden Ländern. Diese Entwicklung zeigt eindrucksvoll, wie aus einer informellen Struktur durch das Engagement der Kolleg;innen konkrete Formen der Mitbestimmung und Zusammenarbeit entstehen können.

Einblicke in den modernen Bahnalltag im Betriebsführungszentrum

Zum Abschluss des Treffens besuchte die Delegation das Betriebsführungszentrum (BFZ) in Wien-Stadlau, wo sie einen Einblick in die moderne Steuerung des Bahnverkehrs erhielten. Rund 3.700 Züge werden von dort täglich zentral überwacht und koordiniert, was zeigt, wie stark sich der Bahnsektor durch die Digitalisierung verändert hat.

Gleichzeitig wurde betont, dass der Mensch trotz technischer Automatisierung weiterhin eine zentrale Rolle spielt. Die Mehrheit der rund 420 BFZ-Beschäftigten sind Fahrdienstleiter:innen, die den Zugverkehr überwachen und im Bedarfsfall eingreifen. Die Technologie unterstützt dabei deren Arbeit, ersetzt aber nicht deren Verantwortung und Entscheidungsfähigkeit.

Das Treffen in Wien bewies, dass Mitbestimmung am Arbeitsplatz viele Ebenen hat – von strategischen Projekten über internationale Zusammenarbeit bis hin zum täglichen Austausch zwischen Kolleg:innen. Besonders deutlich wurde, dass Demokratie in der Arbeitswelt nicht abstrakt bleibt, sondern im konkreten Handeln der Beschäftigten sichtbar wird. Der grenzüberschreitende Dialog zwischen Österreich und Ungarn trägt zur Entwicklung gemeinsamer Lösungen zur Bekämpfung von Lohn- und Sozialdumping und zur aktiven Mitgestaltung der Zukunft des Bahnverkehrs bei.