Die „Manosphere“: Junge Männer, alte Rollenbilder
Traditionelle Männerbilder sind zurück und wirken bis in Alltag und Arbeitswelt hinein. Für Frauen wird das zur Gefahr
Das Wichtigste in Kürze
- Bei Männern der Generation Z (1995 – 2012) zeigt sich ein besorgniserregender Rückschritt: Zwangskontrolle und konservative Rollenbilder nehmen zu
- Für die ÖGB-Frauen ist klar: Gewalt gegen Frauen wirksam zu bekämpfen, heißt auch, Frauen wirtschaftlich zu stärken
- Bei Gewalt geht es nicht nur um körperliche Übergriffe. Es geht auch um Einschüchterung, Überwachung, Verbote und Demütigung
- Genau deshalb ist Gewaltschutz untrennbar mit Arbeit, Einkommen und betrieblicher Verantwortung verbunden
Neue Studien zeigen einen Rückschritt bei jungen Männern. Alte Rollenbilder gewinnen wieder an Zustimmung. Damit wächst auch die Akzeptanz von Kontrolle in Beziehungen. Für Frauen ist das nicht nur ein gesellschaftliches Problem, sondern oft auch ein Risiko für Sicherheit, Selbstbestimmung und wirtschaftliche Unabhängigkeit.
Gewalt gegen Frauen beginnt nicht erst mit einem körperlichen Angriff. Sie beginnt oft viel früher: mit Haltungen, die Männern mehr Macht zuschreiben und Frauen Anpassung abverlangen. Dazu gehören Vorstellungen wie: Der Mann führt, die Frau ordnet sich unter. Oder: Kontrolle sei in Beziehungen normal.
Junge Männer fallen besonders auf
Eine internationale Erhebung des Sozialforschungsinstituts Ipsos zeigt, wie stark solche Vorstellungen wieder verbreitet sind. 31 Prozent der Männer aus der Generation Z stimmen der Aussage zu, eine Ehefrau solle ihrem Mann gehorchen. 33 Prozent sagen, der Mann solle bei wichtigen Entscheidungen zuhause das letzte Wort haben.
Über alle 29 untersuchten Länder hinweg vertreten junge Männer damit die traditionellsten Rollenbilder unter allen befragten Gruppen. Sie sind in diesen Fragen also nicht automatisch progressiver als ältere Generationen.
Kontrolle ist kein Nebenthema
Auch das Europäische Institut für Gleichstellungsfragen (EIGE) warnt davor, junge Männer vorschnell als gleichstellungsorientiert einzuschätzen. Besonders auffällig ist ihre Zustimmung zu kontrollierendem Verhalten in Beziehungen.
EU-weit halten 46 Prozent der Männer es für akzeptabel, wenn ein Mann die Finanzen seiner Partnerin kontrolliert. Bei den 18- bis 24-Jährigen steigt dieser Wert auf 53 Prozent. EIGE ordnet dieses Verhalten klar als kontrollierende Gewalt (coercive control) ein. Gemeint sind nicht nur körperliche Übergriffe, sondern auch Überwachung, Verbote, Demütigung und Kontrolle über Geld, Zeit, Kontakte oder Bewegungsfreiheit.
Die Beziehung als Machtfrage
Auch die deutsche Plan-International-Befragung „Spannungsfeld Männlichkeit“ machte diesen Trend sichtbar. 49 Prozent der befragten jungen Männer sagten, es sei ihnen wichtig, in der Beziehung oder Ehe das letzte Wort zu haben. 39 Prozent meinten, die Partnerin solle für den beruflichen Erfolg des Mannes zurückstecken. 52 Prozent sehen ihre Rolle vor allem darin, genug Geld zu verdienen, während Hausarbeit aus ihrer Sicht vor allem Sache der Partnerin ist.
Besonders deutlich wird der Gegensatz bei der Frage nach Gleichberechtigung in Beziehungen: 81 Prozent der befragten Frauen lehnen es ab, dass die Partnerin ihre Ambitionen zurückstellen soll. 82 Prozent widersprechen der Aussage, der Mann solle das letzte Wort haben. Gerade bei Arbeitsteilung und Entscheidungsmacht liegen die Vorstellungen von jungen Männern und Frauen also weit auseinander.
Auch in Österreich wirken alte Männerbilder fort
Für Österreich zeigen die Daten ein ähnliches Bild. Laut Gender Equality Index sagten 2024 51 Prozent der Männer und 42 Prozent der Frauen, die wichtigste Rolle des Mannes sei es, Geld zu verdienen. Gegenüber 2017 ist die Zustimmung in beiden Gruppen um fünf Prozentpunkte gestiegen.
Im Alltag haben solche Bilder konkrete Folgen. Selbst wenn beide Partner gleich viel erwerbstätig sind, leisten Frauen in Paarhaushalten 64 Prozent der Hausarbeit und 63,8 Prozent der Kinderbetreuung. Alte Rollenbilder prägen also weiterhin den Alltag.
Auch unter jungen Menschen sind diese Vorstellungen nicht erledigt. 19 Prozent finden Trends wie „Tradwives“ oder „Alpha-/Sigma Males“ gut. 29 Prozent stimmen der Aussage zu, Hausarbeit, Kindererziehung und Pflege lägen Frauen einfach mehr. Unter jungen Männern ist die Zustimmung deutlich höher als unter jungen Frauen.
Begriffe aus der neuen alten Männlichkeit
Manosphere
Sammelbegriff für Online-Räume, in denen „Männerthemen“ verhandelt werden – oft verbunden mit antifeministischen, traditionalistischen und frauenfeindlichen Vorstellungen.
Tradwife
Kurz für „traditional wife“: eine Frau, die bewusst ein klassisches Rollenbild lebt – mit Hausarbeit, Familie und Unterstützung des Mannes im Mittelpunkt. Der Begriff gehört dazu, weil er das passende Gegenstück zum konservativen Männerbild liefert.
Red Pill
Ideologie, die behauptet, die „wahre“ Ordnung der Geschlechter zu enthüllen. Dahinter steckt meist die Vorstellung, Männer seien benachteiligt und Feminismus habe zu viel verändert.
Incel
Kurz für „involuntary celibate“. Gemeint sind meist Männer, die Frauen und die Gesellschaft für ihre fehlenden Beziehungen verantwortlich machen. ADL beschreibt Incels als Teil der misogynen Manosphere.
Alpha Male
Der „Alpha“ steht für das Ideal des dominanten, starken und sexuell erfolgreichen Mannes. Der Begriff ordnet Männlichkeit als Rangordnung.
Sigma Male
Der angeblich unabhängige „einsame Wolf“, der sich keiner Hierarchie unterordnet. Tatsächlich bleibt auch das ein starres und oft überhöhtes Männerbild.
Tipp: Die Netflix-Doku „Inside the Manosphere“ von Dokumentarfilmer und Investigativreporter Louis Theroux lässt tief in die Welt der Alpha-Males blicken. Hier geht’s zum Trailer:
Mehr Infos zum Phänomen der Manosphere gibt es hier: Manosphere: Warum so viel Wut auf Frauen?
Warum das Frauen gefährdet
Kontrolle in Beziehungen ist keine Kleinigkeit. Statistik-Austria-Daten zeigen: 36,92 Prozent der Frauen, die schon einmal in einer intimen Beziehung waren, haben psychische Gewalt erlebt. 19,43 Prozent berichten von grundloser oder übermäßiger Eifersucht, 10,93 Prozent von Kontaktverboten zu Freund:innen, 9,15 Prozent von Kontrolle oder Überwachung und 5,60 Prozent von Kontrolle über Finanzen.
Diese Zahlen zeigen: Alte Männerbilder sind kein Privatproblem. Wo Männern mehr Macht und Frauen mehr Anpassung zugeschrieben wird, steigt auch das Risiko von Abhängigkeit und Gewalt.
Warum das auch die Arbeitswelt betrifft
Für viele Frauen ist wirtschaftliche Unabhängigkeit entscheidend, um sich aus gewaltvollen Beziehungen lösen zu können. Genau deshalb ist Gewalt gegen Frauen auch ein Thema der Arbeitswelt. Eigenes Einkommen, sichere Jobs und gute Kinderbetreuung sind Voraussetzungen für ein selbstbestimmtes Leben.
Dazu kommt: Gewalt endet nicht an der Wohnungstür. Drohungen, Stalking und psychische Belastungen wirken oft bis in den Betrieb hinein. Arbeitgeber sind verpflichtet, Schutz und Prävention am Arbeitsplatz sicherzustellen und entsprechende Maßnahmen gemeinsam mit Präventivfachkräften, Arbeits- und Organisationspsycholog:innen, Betriebsrat und Beschäftigten zu setzen.
Genau dort setzt auch das ÖGB-Projekt „Wege aus der Gewalt“ an. Der ÖGB beschreibt es als Initiative, die Betriebsrät:innen, Personalvertreter:innen, Behindertenvertrauenspersonen, Sicherheitsvertrauenspersonen und Jugendvertrauensrät:innen dabei unterstützt, häusliche Gewalt anzusprechen und Betroffene an Hilfe weiterzuvermitteln.
Auch der Nationale Aktionsplan zur Bekämpfung von Gewalt an Frauen und Mädchen 2025–2029 des Bundesministeriums für Frauen, Wissenschaft und Forschung zieht diese Linie. Eines der zentralen Handlungsfelder heißt „Gewaltfreies Arbeiten und wirtschaftliche Unabhängigkeit“.