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Erschöpfte Beschäftigte, zu wenig Geld und kaum Wertschätzung: Melinda Hiebinger, Rainer Zöchling und Petra Lederer (v. l.) arbeiten in der Kinderbildung. Sie fordern von der Politik echte Lösungen für die vielen Probleme, mit denen sie tagtäglich konfrontiert sind. ÖGB / DE ROO, Alexander Halbwirth / AGENTUR MORGENROT

„Wir haben einen Bildungsauftrag“

In Kindergärten und Horten beginnt der Bildungsweg der Kleinsten, der kommenden Generationen. Nicht umsonst tragen diese ersten Stationen im Leben der Kinder den klingenden Namen „elementarpädagogische Bildungseinrichtungen“. Diese elementare, also grundlegende Bildung der Kinder hat vollste Aufmerksamkeit, Wertschätzung und Finanzierung verdient, möchte man jedenfalls meinen. Doch die Probleme, die in den Kinderbildungseinrichtungen des Landes seit vielen Jahren bestehen, werden weitgehend ignoriert. Und zu ignorieren gibt es hier viel. So fehlt es etwa an allen Ecken und Enden an Personal. 

MELINDA HIEBINGER ist seit 23 Jahren in Wien als Assistentin tätig.
MELINDA HIEBINGER ist seit 23 Jahren in Wien als Assistentin tätig. Roland de Roo

„Jede kleine Verbesserung muss hart erkämpft werden“

Welche Herausforderungen erlebst du als Assistentin in einem Kindergarten? 
Täglich warten neue Herausforderungen. Bis zu 25 Kinder wollen gefördert, beachtet, getröstet, umsorgt, unterstützt und mit viel Liebe und Kompetenz durch ihren Tag begleitet werden. Auch wenn wir täglich alles geben, mit einem höheren Personalschlüssel wäre noch viel mehr möglich. 

Was sind die drängendsten Probleme, die du beobachtest? 
Hohe Fluktuation und fehlende dauerhafte Bezugspersonen machen den Kindern den Alltag unnötig schwer.  

Und auf politischer Ebene — warum gibt es keine echte Unterstützung? 
Ich habe schon so viele tolle, ursprünglich engagierte Kolleginnen und Kollegen den Beruf wechseln gesehen. Wohl deswegen, weil jede kleine Verbesserung hart erkämpft werden muss. Die Bundesregierung investiert laufend, vielleicht auch bald in die Zukunft unserer Kinder? Es wäre an der Zeit.

Willkommen bei der Aufbewahrung

Das Problem beginnt bereits bei den Begriffen, die nach wie vor verwendet werden. „Das Wording muss sich ändern. Sprache schafft Realität“, erklärt Corinna Doppler, Elementarpädagogin aus Niederösterreich. „Wir machen keine Kinderbetreuung, sondern Kinderbildung. Es braucht pädagogisches Fachpersonal und Assistenzpersonal, das gleich wichtig ist. Denn wir haben das Wichtigste der Eltern in den Einrichtungen, ihre Kinder.“ 

Die angekündigten Investitionen von 4,5 Milliarden Euro müssen konkret umgesetzt werden, und es bedarf einer jährlichen Milliarde Euro für nachhaltige Verbesserungen.

Korinna Schumann, ÖGB-Vizepräsidentin und Bundesfrauenvorsitzende
ÖGB

Es reiche daher nicht aus, nur Einrichtungen zu bauen. Viele hätten eine falsche Vorstellung von der Arbeit mit Kindern. „Es braucht so viel – auch emotionale Intelligenz. Man muss spontan sein, flexibel sein – je schlechter Menschen ausgebildet sind, desto eher steigen sie aus.“

Eine wesentliche Forderung des ÖGB und der Gewerkschaften ist daher schon lange eine Vereinheitlichung der Aus- und Weiterbildung für Assistentinnen und Assistenten. Berufsbegleitende Weiterbildung könnte den Weg ebnen, sich zu Pädagoginnen und Pädagogen auszubilden. Das würde zu einem höheren Angebot an Fachkräften führen. Außerdem braucht es in ganz Österreich einheitliche Ausbildungsstandards und natürlich mehr Geld. 

Bällebad oder gute Bildung?

Erst Ende vergangenen Jahres protestierten mehr als 12.000 Beschäftigte aus der Elementarpädagogik im Wiener Votivpark lautstark für bessere Arbeitsbedingungen. Korinna Schumann, ÖGB-Vizepräsidentin und -Frauenvorsitzende, betonte dort die Dringlichkeit, die Elementarpädagogik angemessen zu bezahlen, und kritisierte bisherige Lippenbekenntnisse der Bundesregierung. „Die angekündigten Investitionen von 4,5 Milliarden Euro müssen konkret umgesetzt werden, und es bedarf einer jährlichen Milliarde Euro für nachhaltige Verbesserungen“, fordert Schumann. 

RAINER ZÖCHLING ist seit 12 Jahren Assistent in einem Kindergarten in Wien.
RAINER ZÖCHLING ist seit 12 Jahren Assistent in einem Kindergarten in Wien. Roland de Roo

„Doppelbelastung entsteht durch Personalmangel“

Welche Herausforderungen erlebst du als Assistent in einem Kindergarten?
Viele. Als Assistent bin ich zum Beispiel immer öfter einer Doppelbelastung ausgesetzt, da ich aufgrund von Personalmangel auch noch mit pädagogischer Arbeit betraut bin. Dazu kommen die Reinigungstätigkeiten.

Was sind die drängendsten Probleme, die du beobachtest?
Sicher die Doppelbelastung. Das ist eine Abwärtsspirale. Denn es hat immer mehr Kranken-stände und Überforderung der Kolleginnen und Kollegen in den zu großen Gruppen zur Folge. Der Job muss außerdem wieder attraktiver werden, um mehr Menschen für die Branche zu gewinnen. Nur das sorgt für Entlastung.

Und auf politischer Ebene — warum gibt es keine echte Unterstützung?
Mein Gefühl ist, dass wir bundesweit eher Schritte nach hinten machen als nach vorne. Die politische Schwerpunktsetzung der Regierung liegt nicht im Sozialbereich. Das ist ein großer Fehler, denn die Arbeit mit Menschen ist  
unglaublich sinnstiftend, schön und vor allem wichtig. 

Neueste Erhebungen zeigen auch: Österreich investiert halb so viel oder sogar weniger in die frühkindliche Bildung als zum Beispiel skandinavische Länder.

Unter den derzeitigen Bedingungen, unterfinanziert und ohne langfristige Planung und einheitliche Ausbildungsstandards, bleibt oft keine Zeit für pädagogische Arbeit, wie Pädagoge Manuel Pöttler erzählt: „Elementarpädagogik darf sich nicht auf Betreuung reduzieren. Wir haben einen Bildungsauftrag. Irgendwann bist du beim Bällebad im Möbelhaus und nicht in der Kinderbildung. Das Kind wird also bespaßt, aber Pädagogik mit Sprachübungen oder Schwungübungen, was essenzielle Tätigkeiten sind, kommt zu kurz. Weil keine Leute da sind, um zu bilden.“ Dementsprechend fordert der ÖGB auch kleinere Gruppen, höhere Bezahlung und zusätzliche Unterstützung durch mehr Personal, nicht zuletzt im Bereich der Reinigung. 

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Für Wahlfreiheit muss viel passieren 

Dabei ist nicht nur Bestehendes zu verbessern, sondern die Kinderbildung insgesamt auszubauen, damit Eltern in Österreich endlich Wahlfreiheit bekommen - vor allem die Frauen des Landes. Sie sollen sich nicht mehr zwischen Familie und Beruf entscheiden müssen. Erst um Weihnachten hat das Zentrum für Verwaltungsforschung bestätigt, dass Österreich in der Elementarpädagogik weiter hinterherhinkt: Die Besuchsquoten bei den unter Dreijährigen sind vergleichsweise gering und es gibt zu wenige Plätze für Kinder, deren Eltern einen Vollzeitjob haben. Wegen ungünstiger Arbeitsbedingungen fehlt außerdem Personal. 

Die von der Bundesregierung in Aussicht gestellten 4,5 Milliarden Euro werden nicht reichen. Mit dem von der Regierung veranschlagten Geld ist es kaum möglich, den gewünschten Ausbau von Plätzen zu schaffen, da daneben auch Investitionen in die Qualität notwendig sind. 

Auch hier gibt es Zahlen, die verdeutlichen, an welcher Stelle der „Bildungshierarchie“ die Elementarpädagogik in Österreich steht: Die finanziellen Zuwendungen der Bundesregierung für Kinderbildung und die Finanzierung von Berufsschulen bilden im Ranking von 13 Bildungseinrichtungen das Schlusslicht. Am meisten Geld bekommen land- und forstwirtschaftliche Schulen. 

Vollzeit oder Familie?

Auch der gewünschte Ausbau von Plätzen, die mit Vollzeit der Eltern vereinbar ist, benötigt zusätzliches Geld. International gesehen – Stichwort Barcelona-Ziele – hat Österreich großen Aufholbedarf. Die Barcelona-Ziele sind EU-weite Vorgaben dazu, wie viele Kinder sich in Kinderbetreuung befinden sollten, damit die Erwerbstätigkeit von – vor allem – Frauen gesteigert werden kann. Der Rat der EU hat Ende 2022 seine Ziele erhöht: 45 Prozent der Kinder unter drei Jahren sollen 2030 an frühkindlicher Betreuung, Bildung und Erziehung teilnehmen, so die Empfehlung. Für Österreich, das noch nicht einmal das alte Ziel von 33 Prozent erreicht hat, gilt ein niedrigeres Ziel von 31,9 Prozent – und auch das wird bundesweit nicht geschafft. „Man fragt sich regelmäßig, wann die Marketingpolitik der Regierung aufhört, denn wer sich die nackten Zahlen anschaut, erkennt, dass es mehr als genug zu tun gibt“, so Assistent Rainer Zöchling. 

PETRA LEDERER lebt in Tirol und ist seit   25 Jahren Elementarpädagogin.
PETRA LEDERER lebt in Tirol und ist seit 25 Jahren Elementarpädagogin.

„Es braucht hier bundesweite Lösungen“

Welche Herausforderungen erlebst du als Pädagogin in einem Kindergarten? Grundsätzlich fehlt es an allen Ecken und Enden an Personal. Ich arbeite zum Glück in einer Einrichtung, wo auf Personalmangel reagiert wird, aber es ist klar, dass Verbesserungen nicht von einzelnen Einrichtungen ausgehen können. Es braucht hier bundesweite Lösungen. 

Was sind die drängendsten Probleme, die du beobachtest?
Es kommt unter anderem schon vor, dass man am Abend ein schlechtes Gewissen hat, weil die pädagogische Arbeit und Zuwendung zu den Kindern zu kurz gekommen sind. Aber wenn die Rahmenbedingungen nicht mehr zulassen, kann man nichts machen. Gerade im Herbst, wo oft jemand krank ist, wird es heftig.

Und auf politischer Ebene — warum gibt es keine echte Unterstützung?
Möglicherweise deswegen, weil sich Kolleginnen und Kollegen aufopfern und das Werkl läuft. Genauer hingeschaut wird dann leider nicht. Das ist ein generelles Thema im Sozialbereich. Die Elementarpädagogik und auch die Pflege haben in den vergangenen Jahren gezeigt, dass sie auf die Straße gehen, damit die Regierung endlich in die Gänge kommt.

 

Bildung verhindert Armut

„Wenn ein paar Euros für die elementare Bildung gefordert werden, gibt es rasch Lippenbekenntnisse und vertröstende Worte. Aber wenn im wirtschaftlichen Bereich der Hut brennt, werden kurzerhand Milliarden zur Verfügung gestellt“, ärgert sich Zöchling. Geld in der elementaren Bildung sei kein verlorenes Geld – im Gegenteil. „Die Förderung von Kindern mit Behinderungen in frühesten Jahren kann einen großen Unterschied dahingehend machen, wie das Leben bis hin zum Seniorenalter verläuft. Zum Beispiel ob ein Kind ein selbstbestimmter Erwachsener wird oder lebenslänglich in einer äußerst kostenintensiven Einzelbetreuung verschwindet.“ 

Und es gibt noch einen weiteren Aspekt: Eine OECD-Studie* (2023) rechnet vor, dass die Kosten, die durch Kinderarmut jährlich erzeugt werden, etwas über ein Prozent des Bruttoinlandsproduktes betragen. Mit diesem Geld könnte Österreich die notwendigen zusätzlichen Kosten für die Kinderbetreuung und -bildung abdecken und gleichzeitig armutsgefährdeten oder manifest armen Familien in Österreich eine Perspektive ohne Armut geben. Nämlich dann, wenn Eltern eine echte Wahl haben, arbeiten zu gehen, weil die Kinderbildungseinrichtung gleich ums Eck ist. Ein Leben ohne Armut hätte auch für die Kinder Folgen: Unter anderem bessere Gesundheit und höhere Bildung im Erwachsenenalter. 

Der ÖGB fordert:

  • Mehr Personal und kleinere Gruppen
  • Mehr Reinigungspersonal 
  • Mehr administratives Personal, um die Leiter:innen zu unterstützen 
  • Multiprofessionelle Teams mit diversem Fachpersonal 
  • Einheitliche Aus- und Weiterbildungsoffensive, österreichweit 
  • Faire Bezahlung und Wertschätzung von Praktikumszeiten
  • Mehr Geld: Ein Prozent des BIP für elementare Bildung und mindestens eine Milliarde jährlich

 

 

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