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Seilbahnmaschinist Peter Ranalter steht bei der Bergstation Eisgrat am Stubaier Gletscher. Die Stützen der Seilbahn wurden beim Bau nicht im Gestein, sondern im Eis verankert. Heute hat das zur Folge, dass sie immer mehr abrutschen, denn das Eis schmilzt kontinuierlich.
Seilbahnmaschinist Peter Ranalter steht bei der Bergstation Eisgrat am Stubaier Gletscher. Die Stützen der Seilbahn wurden beim Bau nicht im Gestein, sondern im Eis verankert. Heute hat das zur Folge, dass sie immer mehr abrutschen, denn das Eis schmilzt kontinuierlich. morgenrot.tirol

Solidarität

„Das ganze Tal lebt vom Tourismus“

Seen trocknen aus und das ewige Eis der Gletscher schmilzt vor unseren Augen dahin. Die Auswirkungen des Klimawandels sind nicht zu übersehen. Das ist viel mehr als nur ein ökologisches Desaster. Viele ArbeitnehmerInnen, vom Wintertourismus bis zur Schifffahrt, bangen um ihre Jobs.

Der Wasserpegel des Neusiedler Sees sinkt bis Ende August stetig, jedes Jahr. „Das ist normal. Ab September pendelt er sich gewöhnlich wieder ein“, erklärt Stefan Gangl, Geschäftsführer von Schifffahrt Gangl in Illmitz am Neusiedler See. „Aber in diesem Jahr ist der Pegel besorgniserregend niedrig und hat einen viel zu großen Sprung gemacht.“ Nur mehr 115 Meter über dem Meeresspiegel lag der Neusiedler See Ende Juli. Das ist der tiefste Wasserstand seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1965. Mit diesem Wissen blickt Gangl auf die ausgetrockneten Stellen am Ufer, wo Ruder- und Tretboote im Schlamm stecken. Nur ein paar Enten verirren sich noch dorthin.

Wenn der Klimawandel zur ernsthaften Bedrohung für Arbeitsplätze wird: Stefan Gangl ist Chef eines Schifffahrtbetriebes am Neusiedler See. Was paradiesisch klingt, wird für ihn und seine Mitarbeiter immer mehr zur Zitterpartie. Dem See geht das Wasser aus.
Wenn der Klimawandel zur ernsthaften Bedrohung für Arbeitsplätze wird: Stefan Gangl ist Chef eines Schifffahrtbetriebes am Neusiedler See. Was paradiesisch klingt, wird für ihn und seine Mitarbeiter immer mehr zur Zitterpartie. Dem See geht das Wasser aus. ELISABETH MANDL

Schiff ahoi: Noch wird in See gestochen

Den Bootsverleih musste Gangl im Sommer schließen, die Ausflugsschifffahrten über den See sind aber nach dem Ausbaggern des Hafens gesichert und „finden planmäßig im Halbstundentakt statt. Das ist wichtig, daran hängen viele Arbeitsplätze“, betont er. Setzt sich der Trend fort, ist damit aber auch bald Schluss. „Die Schiffe ragen 60 bis 70 Zentimeter ins Wasser. Schon jetzt können wir nur mehr mit der Hälfte der Gäste fahren“, erklärt der Burgenländer. Auch die Beschäftigten sind besorgt. „Viele sind seit Jahren bei Schifffahrt Gangl. Der Gedanke, dass sie künftig ohne Job dastehen könnten, ist schrecklich.“ Gangl hofft, dass sich der Wasserstand bis zur nächsten Saison normalisiert und die Gäste weiterhin kommen. Mehr als hoffen kann er nicht. 

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Berge ohne Eis? 

Am anderen Ende Österreichs tropft und knirscht es gewaltig, der Klimawandel lässt das Gletschereis in den Alpen in einem unglaublichen Tempo schmelzen. Für Peter Ranalter ist das keine Überraschung. Er ist Seilbahnmaschinist bei den Stubaier Bergbahnen und beobachtet seit 35 Jahren die Veränderungen. „Das Gletschereis ist in diesen Jahren sicher um 30 bis 40 Meter zurückgegangen.“ Laut der Umweltschutzorganisation Global 2000 könnten in den kommenden 15 Jahren die Hälfte der 925 Gletscher in Österreich verschwinden. Extrem heiße Sommer, Schneemangel und wenig Niederschlag begünstigen den Gletscherschwund. Langfristig droht sogar Trinkwasserknappheit. 

Wenn die Temperatur steigt, werden die Skigebiete immer weniger. Bei einem Anstieg von   4 °C sind nur noch wenige davon schneesicher. Derzeit bewegen wir uns auf eine Erwärmung in dieser Größenordnung zu.   Die extreme Hitze führt auch zu einem sinkenden Grundwasserspiegel und gefährdet Seen und Flüsse. Heuer hat es in den Sommermonaten mehr als 30 Hitzetage gegeben (Temperaturen über 30 Grad), in den 1980er- und 1990er-Jahren waren drei bis fünf Hitzetage jährlich üblich. 
Wenn die Temperatur steigt, werden die Skigebiete immer weniger. Bei einem Anstieg von 4 °C sind nur noch wenige davon schneesicher. Derzeit bewegen wir uns auf eine Erwärmung in dieser Größenordnung zu. Die extreme Hitze führt auch zu einem sinkenden Grundwasserspiegel und gefährdet Seen und Flüsse. Heuer hat es in den Sommermonaten mehr als 30 Hitzetage gegeben (Temperaturen über 30 Grad), in den 1980er- und 1990er-Jahren waren drei bis fünf Hitzetage jährlich üblich.  ÖGB

Sommertourismus löst Wintertourismus ab

Angst um seinen Arbeitsplatz hat Ranalter aber nicht. Er sieht es pragmatisch. Solange Schnee fällt und TouristInnen kommen, müsse man sich die Situation von Jahr zu Jahr anschauen, sagt er. Um so früh wie möglich Ski fahren zu können, werden die Beschneiungsanlagen bereits im Herbst angeworfen. Für Ranalter ist klar, dass deren Benutzung umstritten ist, aber: „Man kann nicht alles schlechtreden, viele Jobs hängen davon ab. Und das ganze Tal lebt vom Tourismus, der Gletscher ist eine Haupteinnahmequelle“, sagt er. 

Außerdem werde der Sommer immer wichtiger, erzählt Ranalter. „Es kommen immer mehr Gäste aus aller Welt, die den Gletscher auch zu dieser Jahreszeit sehen wollen.“ Ranalter mag seinen Job: die Natur, die frische Luft, die Nähe zum Wohnort und dass er in einem sozialen Betrieb arbeitet.

So absurd es klingt: In wirtschaftlicher Hinsicht wird der Sommertourismus wohl durch den Klimawandel profitieren. Doch die Verluste im Winter überwiegen. Global 2000 geht pro Jahr von 1,5 Millionen Nächtigungen weniger aus – ein Minus von rund 300 Millionen Euro. Dazu kommen immer höhere Kosten für Beschneiung und Instandhaltung von Pisten sowie die wirtschaftlichen Verluste durch sogenannte Schadereignisse wie Muren, Überschwemmungen, Waldbrände, Stürme, Lawinenabgänge und vieles mehr. Die Gefahr wächst, dass Arbeitsplätze im alpinen Tourismus und den angeschlossenen Regionen verloren gehen.

Jobs mit sonnigen Aussichten 

Rosiger sieht es für die ArbeitnehmerInnen in der Solarbranche aus. Neben der Rettung des Klimas könnte die Photovoltaik-Anlagentechnik (PV) laut einer Greenpeace-Studie bis 2030 für 200.000 neue Arbeitsplätze sorgen. Der Zubau von PV-Anlagen hat sich hierzulande von 2020 auf 2021 mehr als verdoppelt. Das große Interesse bestätigt auch Christian Ponsold von Lieb Bau in Weiz: „Allein im Vergleich zum Vorjahr haben sich die Anfragen verzehnfacht. Viele Aufträge müssen nach hinten verschoben werden.“

Lieb Bau beschäftigt zehn ArbeiterInnen im Bereich der Elektrotechnik, die Auslastung ist hoch. „Wir sind immer auf der Suche nach ausgebildeten Fachkräften und Lehrlingen“, betont Ponsold. Daher bemüht sich die Firma, das Arbeitsumfeld interessant zu gestalten. „Wir bieten – wo es kollektivvertraglich umsetzbar ist – seit Längerem die Möglichkeit einer 4-Tage-Woche, wir unterstützen bei der Aus- und Weiterbildung und bieten Vergünstigungen bei Partnerbetrieben an“, schildert er. Im Bereich Elektrotechnik bildet Lieb Bau derzeit auch eine junge Frau aus. Wie in anderen technischen Bereichen ist der Frauenanteil in der Solarbranche gering.

Die Photovoltaik-Anlagentechnik (PV) könnte bis 2030 für 200.000 neue Arbeitsplätze sorgen. Das freut auch Christian Ponsold von Lieb Bau in Weiz. An Aufträgen mangelt es hier nicht – bloß die Fachkräfte sind rar.
Die Photovoltaik-Anlagentechnik (PV) könnte bis 2030 für 200.000 neue Arbeitsplätze sorgen. Das freut auch Christian Ponsold von Lieb Bau in Weiz. An Aufträgen mangelt es hier nicht – bloß die Fachkräfte sind rar. Anton Leber

Grüne Arbeitsplätze

Der PV-Boom ist ein Zeichen dafür, dass Klimaschutz nicht automatisch Jobs vernichtet, im Gegenteil: Neue entstehen und bestehende werden gesichert. Das weiß auch Markus Petritsch. Der 44-Jährige ist seit 15 Jahren bei einem Abfallentsorger in Feistritz/Drau tätig. „Müll mag niemand, wertlos ist er trotzdem nicht. Vieles kann man wiederverwenden oder -verwerten. So entstehen etwa aus geschredderten Tageszeitungen hochwertige Dämmstoffe. Wir arbeiten nachhaltig, schauen auf die Umwelt und haben krisenfeste Jobs.“ Das habe sich vor allem in der Coronapandemie gezeigt: „Während viele zu Hause bleiben mussten, sind wir immer gefahren.“

 Green Jobs sind die Zukunft. In der Abfallwirtschaft etwa werden in den kommenden Jahren viele spannende, gut bezahlte Jobs entstehen. Markus Petritsch beobachtet die Entwicklung seiner Branche seit 15 Jahren.
Green Jobs sind die Zukunft. In der Abfallwirtschaft etwa werden in den kommenden Jahren viele spannende, gut bezahlte Jobs entstehen. Markus Petritsch beobachtet die Entwicklung seiner Branche seit 15 Jahren. Arnold Pöschl Photography

Petritsch ist überzeugt, dass flexible Arbeitszeiten und deutlich gestiegene Verdienste Green Jobs zu echten Zukunftsberufen machen. „Es werden hier viele neue Arbeitsplätze mit guten Aufstiegschancen entstehen“, sagt er und fügt hinzu: „Das hätte sich vor 20 Jahren niemand gedacht.“

Klimaschutz bringt Arbeitsplätze

Durch den Klimawandel verändern sich Jobs, manche gehen verloren, neue entstehen. Was es braucht, ist Qualifizierung.

Text: Barbara Kasper

Bis 2030 wird die wachsende Hitzebelastung weltweit zu Verlusten in der Wirtschaft führen – vor allem in der Landwirtschaft, im Baugewerbe und im Tourismus. Rund 80 Millionen Vollzeit-Arbeitsplätze würden weltweit dadurch verloren gehen, hieß es 2019 in einem Bericht der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO). Mit dem Kampf gegen die Klimakrise entstehen aber auch viele neue Jobs, die helfen, den Klimawandel einzudämmen und den Menschen eine Zukunft zu geben. 

Umqualifizierung sichert Jobs

Die Automobilindustrie, aber auch die Baubranche und der Tourismus stehen beispielhaft für jene Branchen, die sich aufgrund der Auswirkungen der Klimakrise massiv verändern. Damit ArbeitnehmerInnen eine Zukunft haben, sind Ausbildung und (Um-)Qualifizierung am wichtigsten. Die Politik muss Betriebe und ArbeitnehmerInnen bei diesem Strukturwandel mit rechtzeitiger Vorausplanung und langfristigen Weiterbildungsmaßnahmen unterstützen. So können Arbeitsplätze erhalten werden.

ÖGB-Erfolg: die Umweltstiftung 

In den Bereichen Umwelt, thermische Sanierung und erneuerbare Energien gibt es viel Potenzial für neue Arbeitsplätze und Lehrberufe. Auch dafür müssen ArbeitnehmerInnen qualifiziert werden und die Lehrausbildungen müssen an die neuen Gegebenheiten angepasst werden. Mit der vom ÖGB durchgesetzten Umweltstiftung können sich zum Beispiel seit April 2022 bis zu 1.000 Arbeitslose in den Bereichen Abfall- und Ressourcenwirtschaft (z. B. Recycling), Green Mobility oder Energie- und Gebäudetechnik ausbilden lassen. Arbeitslose wissen schon bei Eintritt, wo sie später arbeiten, und sind gleichzeitig finanziell abgesichert. 1.000 Stellen sind ein erster Schritt, dem noch viele weitere folgen müssen.

Lehrlinge: Fachkräfte von morgen

Junge Menschen für Zukunftsberufe wie Fahrradmechatronik, Klimatechnik oder Garten- und Grünflächengestaltung auszubilden, hilft der Umwelt und dem Fachkräftebedarf. Umso besser ist es, wenn Betriebe wieder mehr Lehrlinge selbst ausbilden. Das Modell der Fachkräftemilliarde, das die Gewerkschaftsjugend seit 2012 fordert, könnte Unternehmen, die gut ausbilden, finanziell unterstützen und Lehrlingen einen guten Ausbildungsplatz sichern.

Auch das AMS Niederösterreich will ab Herbst 2023 im europaweit ersten „Klimaschutz-Ausbildungszentrum“ im Waldviertel jährlich 400 Arbeitslose ausbilden.

Klar ist: Den Kampf gegen den Klimawandel schaffen wir nur gemeinsam. Wie dringend das ist, hat auch der vergangene Sommer gezeigt.