Realitäts-Check: Pensionsantrittsalter erhöhen?
Wer keinen Job hat, kann auch nicht länger arbeiten. Wir haben uns angesehen, wie neoliberale Forderungen an der Arbeitswelt scheitern
Das Wichtigste in Kürze
- Die Finanzierung der Pensionen hängt vor allem von guter Beschäftigung ab - Je mehr Menschen arbeiten und je höher ihr Einkommen ist, desto mehr Beiträge fließen in das Pensionssystem
- 30 Prozent der mittleren und größeren Betriebe beschäftigen keinen einzigen Menschen über 60 Jahre
- Mehr als die Hälfte der Betriebe beschäftigt keine Frau über 60 Jahre
- Ein Drittel der Frauen geht nicht direkt aus einer Erwerbstätigkeit in Pension
- Die Anhebung des Frauenpensionsalters führt derzeit zu mehr Arbeitslosigkeit
Schon wieder fordern neoliberale Stimmen eine Erhöhung des gesetzlichen Pensionsantrittsalters. Das sei „unausweichlich“, um das Pensionssystem zu finanzieren, heißt es. Was dabei konsequent ausgeblendet wird: Nicht das gesetzliche Pensionsalter ist das Problem, sondern der Arbeitsmarkt.
Höheres Pensionsantrittsalter auf dem Papier bringt keine Chancen
Für ein stabiles, solidarisches Pensionssystem ist entscheidend, wie viele Menschen gut und nachhaltig beschäftigt sind. Ein höheres Pensionsantrittsalter auf dem Papier hilft nicht, wenn ältere Arbeitnehmer:innen am Arbeitsmarkt keine Chancen haben.
Die Realität zeigt ein klares Bild:
- Rund 30 Prozent der mittleren und größeren Betriebe in Österreich (7.400 von 24.500 Betrieben mit mindestens 20 Arbeitnehmer:innen) beschäftigen keinen einzigen Menschen über 60 Jahre.
- Mehr als die Hälfte dieser Betriebe beschäftigt keine einzige Frau über 60.
„Wer das gesetzliche Pensionsalter erhöht, ohne Jobs für Ältere zu schaffen, sorgt dafür, dass Menschen länger arbeitslos statt länger beschäftigt sind“, warnt Anja Hafenscher, ÖGB-Expertin für Sozialrecht.
Frauen trifft es besonders hart
Die Diskussion über ein höheres Pensionsantrittsalter geht an der Lebensrealität vieler Frauen vorbei: Ein Drittel der Frauen geht nicht direkt aus einer Erwerbstätigkeit in Pension, sondern aus Arbeitslosigkeit oder Krankheit. Nach Prognose des WIFO verdoppelt sich die Arbeitslosenquote von Frauen über 60 bis 2030. „Diese Zahlen sprechen eine klare Sprache“, sagt Hafenscher. „Ein höheres gesetzliches Pensionsantrittsalter schafft nicht automatisch längere Erwerbstätigkeit – es verlängert die Arbeitslosigkeit.“
Eine solche Anhebung spart nicht sofort Geld. Sie verlagert die Kosten lediglich vom Pensions- in das Arbeitsmarktbudget – und löst das Problem gesamtwirtschaftlich nicht.
Viele halten ihren Job bis zur Pension gar nicht durch
Ein weiterer Punkt, der in der Debatte oft ignoriert wird: die Belastungen in der Arbeitswelt. Nur sechs von zehn Arbeitnehmer:innen im Haupterwerbsalter glauben, dass sie ihren Job gesundheitlich und psychisch bis zur Pension durchhalten können. „Wer länger arbeiten soll, braucht faire Arbeitsbedingungen, Gesundheitsschutz und echte Perspektiven – nicht bloß neue Altersgrenzen“, so Hafenscher.