„Besitz wird niedriger besteuert als Arbeit. Das ist nicht fair.“
Warum Fritz Jergitsch, Tagespresse-Gründer und Volkswirt, eine neue Debatte über Steuergerechtigkeit fordert
Fritz Jergitsch ist Gründer der Satireplattform Die Tagespresse – doch in seinem neuen Buch „Heulen hilft uns auch nicht weiter“ wird es ernst. Im Gespräch erklärt er, warum soziale Ungleichheit und digitale Plattformen den Rechtspopulismus befeuern – und auch, warum Gewerkschaften keine Zielscheibe für Satire sind.
ÖGB: Wann war der Punkt, an dem Sie gemerkt haben: Satire allein reicht gerade nicht, ich muss wieder etwas Ernstes machen?
Fritz Jergitsch: Das war vor etwas mehr als einem Jahr. Trump hatte gerade die US-Präsidentschaft wieder gewonnen, und in Österreich standen alle Zeichen auf Kanzler Kickl. Ich wollte versuchen zu verstehen, was eigentlich passiert: Warum fühlen sich so viele Menschen zum Rechtspopulismus hingezogen?
Sie versuchen also, die Ursachen dieser Entwicklungen zu verstehen?
Ja. Ich habe versucht, Studien und Datenpunkte einzubauen und mit den Veränderungen der vergangenen 40 Jahre zu verknüpfen, insbesondere mit der Digitalisierung. Ich finde, sie erklärt sehr viel von dem, was politisch gerade passiert. Mir geht es darum, das Phänomen des Rechtspopulismus zu verstehen, um ihm dann etwas entgegensetzen zu können.
Ein großes Thema in Ihrem Buch ist soziale Gerechtigkeit, vor allem Steuergerechtigkeit. Warum gibt es in Österreich so wenige vermögensbezogene Steuern?
Das frage ich mich auch oft. Fakt ist: Besitz wird in Österreich deutlich niedriger besteuert als Arbeit. Das ist für mich nicht erklärbar und nicht fair. Jemand, der durch das Glück der Geburt in eine vermögende Familie hineingeboren wird, trägt eine geringere prozentuelle Steuerlast als jemand, der nur seine Arbeitskraft hat. Gleichzeitig müssen wir unseren Staat und unsere Gesellschaft finanzieren. Warum man so viel Geld bei Vermögen liegen lässt, die seit Jahrzehnten wachsen, und stattdessen Arbeit mit bis zu 55 Prozent besteuert, ist für mich nicht schlüssig.
Umfragen zeigen, dass sich ein großer Teil der Bevölkerung für Vermögenssteuern ausspricht, und im OECD-Vergleich ist Österreich weit hinten bei vermögensbezogenen Steuern. Trotzdem traut sich die Politik nicht drüber. Warum?
Bis 2008 gab es die Erbschaftssteuer, die dann vom Verfassungsgerichtshof aufgehoben wurde, mit dem Auftrag an die Politik, sie zu reparieren. Das ist nie passiert. Es braucht dafür einen politischen Konsens, und den gibt es bei uns nicht. Es gibt auch eine bürgerliche Aversion gegen Steuern auf Besitz. Andere Länder wie die Schweiz zeigen, dass es funktionieren kann: Dort gibt es eine Substanzbesteuerung, und trotzdem ist das Land wirtschaftlich erfolgreich.
Fakt ist: Besitz wird in Österreich deutlich niedriger besteuert als Arbeit. Das ist für mich nicht erklärbar und nicht fair.
Auch der Begriff Fairness spielt eine zentrale Rolle. Was meinen Sie damit?
Die alte Aufstiegserzählung – sozialer Aufstieg durch Arbeit – funktioniert nicht mehr. Für junge Menschen ist Eigentum oft illusorisch. Wir brauchen eine neue Aufstiegserzählung, gestützt auf mehr Steuergerechtigkeit und Modelle wie Mitarbeiterbeteiligung.
Viele fragen sich: Wie bringt man positive, optimistische Erzählungen in Zeiten von Social Media unter die Leute?
Ich finde, Politik beschäftigt sich oft mehr damit, wie sie etwas sagt, und zu wenig damit, was sie eigentlich sagen will. Wenn man nichts Glaubwürdiges zu erzählen hat, helfen auch die besten Social-Media-Strategien nichts. Die alte Aufstiegserzählung glaubt heute niemand mehr, weil sie nicht mehr der Realität entspricht.
Warum verfängt Rechtspopulismus trotzdem so stark, obwohl vieles nicht der Realität entspricht?
Rechtspopulismus arbeitet mit Sündenböcken und einfachen Lösungen. Viele Menschen haben das Gefühl, sie kommen nicht vom Fleck, obwohl sie Vollzeit arbeiten. So entstehen Protestpotentiale, die von der Digitalisierung verstärkt und von Rechtspopulisten aufgegriffen werden.
Kommen wir zur Satire: Was macht es mit Ihnen, wenn man bei politischen Aussagen oft nicht mehr weiß, ob das Satire oder Realität ist?
Bei Figuren wie Trump ist es oft schwer, Satire und Realität zu unterscheiden. Aber ohne Absurdität könnten wir uns auch schwerer lustig machen.
Welche Arbeitsbedingungen braucht gute Satire?
Gute Satire braucht kreative Köpfe und freien Raum. Unter Druck entsteht kein guter Witz. Und sie braucht natürlich auch absurde Vorlagen und Persönlichkeiten mit Ecken und Kanten.
Warum kommen Gewerkschaften oder der ÖGB in der Tagespresse eher selten vor?
Der schnellste Weg in die Tagespresse ist meistens, etwas falsch zu machen. Insofern ist es fast ein Kompliment, wenn uns wenig einfällt. Außerdem sehen wir Gewerkschaften als wichtige sozialpolitische Institution und weniger als Zielscheibe für Satire.
Außerdem sehen wir Gewerkschaften als wichtige sozialpolitische Institution und weniger als Zielscheibe für Satire.
Fritz Jergitsch
Heulen hilft uns auch nicht weiter
Populismus verstehen, Freiheit digital neu denken; Residenz Verlag
Auch in der FAKTory erhältlich!