Meritokratie

Was ist eigentlich Leistung? Und zahlt sie sich aus?

Wer sich anstrengt, kann alles erreichen - klingt einfach, ist es aber nicht. oegb.at hat mit Wissenschafterin Dr. Johanna Hofbauer über die Leistungsgesellschaft gesprochen.

Was ist Leistung? Wer definiert sie? Und lohnt sie sich überhaupt? Möglicherweise ist die Gesellschaft, in der jeder und jede alles erreichen kann, aber auch nur ein Gerücht. oegb.at hat deshalb Dr. Johanna Hofbauer von der Wirtschaftsuniversität Wien zum Interview gebeten und mit der Universitätsprofessorin über die „Meritokratie” und die Probleme und Fehler bei der Beurteilung von Leistung gesprochen.

oegb.at: Viele Menschen können sich unter „Meritokratie” vermutlich wenig vorstellen. Was steckt hinter diesem Begriff?
Hofbauer: „Es geht darum, dass man sich mit eigenem ‚Merit‘, also Verdienst, seinen Platz in der Gesellschaft verdienen kann und darf. Also dass man diese Position nicht aufgrund der Geburt und der Familie, also ob man Adelsblut in sich hat oder nicht, zugewiesen bekommt, sondern dass man sich diesen Platz selbst erarbeiten und verdienen kann. Die Meritokratie ist die Gesellschaft, in der Menschen das Recht zugesprochen wird, sich mit eigener Anstrengung ihre Position zu erarbeiten.“


 
Das würden die meisten Menschen wohl positiv sehen.
„Die Vorstellung einer gesellschaftlichen Ordnung, die die Menschen unter sich ausmachen und in der sie sich gegenseitig die Chance geben, selbst zu entscheiden, welchen Weg man im Leben gehen will, ist im Prinzip etwas sehr Positives und von Prinzipien der Aufklärung getragen. Es hat sich aber schon damals sehr schnell gezeigt, dass die Gesellschaft der Aufklärung ja nicht von Null gestartet ist, sondern die Ungleichheit aus der vorindustriellen Zeit in den industriellen Kapitalismus hinein mitgenommen hat. Und dort sind ganz neue Ungleichheiten entstanden. Damit war das Ideal der Meritokratie wahrscheinlich immer positiv besetzt, aber die Realität eine andere. Die Ungleichheit ist historisch massiv verankert.“


 
„Leistung muss sich lohnen” hört man immer wieder. Aber funktioniert dieses Prinzip überhaupt?
„Was man sicher sagen kann, ist, dass dieser Spruch ideologisch extrem aufgeladen ist. Außerdem wird damit etwas unterstellt, dass aber nie ausgesprochen oder begründet wird: Nämlich, dass das Leistungsprinzip gar nicht verwirklicht sei, weil es andere Verteilungsmechanismen gibt. Etwa dass auch nach dem Bedarfsprinzip verteilt wird, was ja der Sinn des Sozialstaates ist. Ob die meritokratische Gesellschaft verwirklicht ist, kann man nicht einfach mit Ja oder Nein beantworten. Sicher ist uns allen wichtig, dass Gefühl zu haben, durch eigene Entscheidungen und Fähigkeiten unseren Weg selbst bestimmen zu können. Zugleich wissen wir aber, dass die Mittel dafür extrem ungleich verteilt sind. Es macht einen großen Unterschied, in welche Familie man hineingeboren wird, welche finanziellen Mittel es gibt oder welchen Zugang und welche Erfahrungen die Eltern mit Bildung gemacht haben. Wenn man weiß, wie wichtig Qualifikation ist, dann weiß man auch, welche Folgen es haben kann, wenn Eltern diese Botschaft an ihre Kinder nicht weitergeben können. Aber auch das Geschlecht, der Migrationshintergrund und vieles mehr machen einen großen Unterschied dafür, was man Menschen zutraut, ob sie MentorInnen finden oder ob ihnen ein Job überhaupt angeboten wird. In der Entscheidung des Gegenübers, etwa des oder der künftigen Vorgesetzten oder Personalverantwortlichen, spielen ganz viele verschiedene Dimensionen von Ungleichheit eine Rolle. Je öfter man nicht einmal diese Chance bekommt, etwas zu erreichen, desto weniger wird man glauben, mit Leistung für sich selbst etwas verwirklichen zu können.“

„Sicher ist uns allen wichtig, dass Gefühl zu haben, durch eigene Entscheidungen und Fähigkeiten unseren Weg selbst bestimmen zu können. Zugleich wissen wir, dass die Mittel dafür extrem ungleich verteilt sind."

Dr. Johanna Hofbauer, WU Wien


 
Das beschreibt einen klassischen Karriereweg. Gerade die Krise hat gezeigt, dass viele Menschen wahnsinnig viel leisten, dafür aber sehr schlecht bezahlt werden und kaum Chancen haben weiterzukommen. Wer definiert überhaupt Leistung?
„Dass es bei der Frage, was Leistung ist, schon von vornherein eine Ungleichheit gibt, ist ein großes Problem der Leistungsideologie. Sie verschleiert nämlich genau das. Auch in den Kollektivverträgen werden manche Arbeiten höher bewertet als andere. Systemrelevante Berufe sind oft solche, wo vor allem Frauen arbeiten oder die aus Frauenberufen entstanden sind. Dort sieht man auch ein Erbe der schlechteren Interessensvertretung und der schlechteren Verhandlungsmacht von Frauen. Wenn eine Leistung einmal schlechter verhandelt wurde, dann scheint sie weniger wert zu sein. Durch die Krise wurde aber noch deutlicher sichtbar, wie unglaublich relevant es für die Gesellschaft ist, was diese Menschen tun. Das zeigen deutlich die zwei Definitionen dessen, was Leistung ist. Ist es der gesellschaftliche oder der ökonomische Wert? Das sind zwei Paar Schuhe. Jobs, die eine ökonomische Rentabilität bewirken und für die Produktivitätsrechnungen angestellt werden, werden tendenziell höher bewertet. Was uns heute so wahnsinnig wichtig geworden ist, etwa in der Pflege oder im Handel, ist viel schwerer festzulegen, weil es ja nicht um einen ökonomischen, sondern um einen sozialen Wert und Beitrag geht.“

ao.Univ.Prof. Dr. Johanna Hofbauer forscht an der WU Wien INEQ/Sonja Spitzer Photography


 
Wäre es für uns alle wichtig, hier die Sichtweise zu ändern? Oder ist das unmöglich?
„Ich halte das für absolut entscheidend. Jede Krise ist eine Chance, sagt man. Das mag ein bisschen zynisch klingen, aber wenn es jetzt eine Chance gibt, dann die, bestimmte gesellschaftliche Diskussionen endlich mit mehr Nachdruck zu führen. Arbeit kann nicht immer nur der Wirtschaft dienen, die Wirtschaft sollte auch für die Bedürfnis- und Bedarfsbefriedigung der Gesellschaft da sein. Gerade da sind die systemrelevanten Berufe extrem wertvoll. Das ist eine Diskussion, die man unbedingt führen muss. Genauso wie eine Diskussion über Geschlechtergerechtigkeit, Diskriminierung aufgrund der Migrationsherkunft und vieles mehr. Weil Menschen in systemrelevanten Berufen ja oft Migrationshintergrund haben. Man muss Arbeit auch nach dem Beitrag für das Wohl der Gesellschaft und ihrer Mitglieder bewerten, und nicht nur nach ökonomischen Produktivitätsbeiträgen.“

„Arbeit kann nicht immer nur der Wirtschaft dienen, die Wirtschaft sollte auch für die Bedürfnis- und Bedarfsbefriedigung der Gesellschaft da sein."

Dr. Johanna Hofbauer, WU Wien


 
Ist da die Politik in ihrer Funktion als gestalterische Kraft gefragt? Der Markt regelt das ja nicht, weil der gesellschaftliche Wert für ihn irrelevant ist.
„Das kann der Markt absolut nicht regeln. Er versagt total. Natürlich ist die Politik gefragt und sie hat das Thema ja auch, so deutlich wie nie zuvor, am Tisch. Es ist eine Frage des politischen Willens, ob man sich dieses Themas annimmt. Ich glaube, das erwarten sich die Leute auch. Es ist klar, dass symbolischer Beifall durch Klatschen oder Lob den Menschen gegenüber, die uns durch diese Krise getragen haben, ihre eigene Gesundheit riskieren und das immer noch tun, nicht ausreichend ist. Es braucht eine andere Form der Anerkennung. Nicht zuletzt, weil es ja viele Jobs gibt, für die wir in Zukunft sehr viel mehr Menschen brauchen – allein in der Pflege sind das angeblich 75.000 bis 2030. Man wird aber nur schwer Leute für diese Jobs finden, wenn man ihnen nicht auch eine entsprechende Anerkennung in Form von Einkommen gibt. Das ist nicht nur aus moralisch normativen und aus Gerechtigkeitsgründen wichtig, sondern auch aus arbeitsmarktpolitischen.“


 
Wenn man sich diesen Zukunftsfragen stellt, müsste man ideologiebefreit erkennen, was man tun muss, oder?
„Man muss das Thema Leistung nicht ideologisch diskutieren, sondern kann sich anschauen, was ganz pragmatisch betrachtet Sinn hat. Auf die Frage, welche Probleme wir haben und wie man sie am besten lösen kann, gibt es dann eigentlich klare Antworten.“


 
Ist das auch eine Machtfrage?
„Wenn Sie dieses Anspruchsdenken meinen, das Menschen in bestimmten Situationen zeigen und das Umverteilungsdiskussionen und -prozesse immer wieder erschwert und verhindert, dann ja. Den Menschen ist bewusst, welche Macht mehr Einkommen und mehr Vermögen bedeutet. Sie wissen, dass sie damit sehr viel leichter durch Krisen kommen und sehr viel weniger abhängig von Arbeitsmarktentwicklungen sind, die alle anderen beuteln. Natürlich halten sie an dem fest, was sie haben und denken sich Rechtfertigungen dafür aus. Das haben die Eltern erkämpft, die Vorfahren verdient oder man selbst durch geschicktes Spekulieren am Finanzmarkt – aus all dem wird ein Anspruch abgeleitet und erklärt, dass das jeder könne. Man rechtfertigt sich damit, aber de facto geht es nur darum, dass man Macht und Privilegien nicht teilen will.“

„Das haben die Eltern erkämpft, die Vorfahren verdient (...) – aus all dem wird ein Anspruch abgeleitet und erklärt, dass das jeder könne. De facto geht es nur darum, dass man Macht und Privilegien nicht teilen will."

Dr. Johanna Hofbauer, WU Wien


 
Sie forschen an der WU, beschäftigen sich viel mit diesen Themen. Was fällt Ihnen in Ihrer Forschung auf? Ändert sich etwas?
„In der Forschung zeichnet sich ab, dass das Thema Arbeitsbewertung in verschiedenen Zusammenhängen extrem wichtig wird. Das Ungleichheitsthema hat sich ja schon vor der Krise in den Vordergrund geschoben, weil uns klar geworden ist, dass diese Ungleichheit global betrachtet immer größer wird und dass ungleiche Gesellschaften größere Probleme haben, die sie auch viel Geld kosten. Die Krise hat das in Verbindung mit der Frage, wer überhaupt die Chance hat, Leistung zu zeigen, weiter verstärkt. Die Krise birgt aber auch die große Gefahr einer Spaltung der Gesellschaft, wenn man durch die ideologische Überhöhung des Leistungsprinzips glaubt ablesen zu können, wo die Leistungsfähigkeit überhaupt ist. Dann glaubt man nämlich, wer arbeitslos geworden ist, wird selbst schuld sein, weil zu wenig geleistet wurde. Dabei verlieren viele Menschen völlig unverschuldet ihren Job. Wenn man das vergisst und ihnen die Verantwortung dafür zuschiebt, lässt man sie doppelt für die Krise zahlen. Und jene, die ihre Jobs behalten haben, die ihr Vermögen behalten und vielleicht sogar dazugewonnen haben, werden entlastet, weil man fragt, warum sie zahlen sollten, wenn andere das nicht getan haben. Man muss unbedingt das solidarische Prinzip wieder in den Vordergrund stellen, weil die Krise uns alle getroffen hat und deshalb auch alle einen Beitrag leisten müssen – und zwar vor allem auch die, die reich sind und Kapital haben.“

„Man muss unbedingt das solidarische Prinzip wieder in den Vordergrund stellen, weil die Krise uns alle getroffen hat und deshalb auch alle einen Beitrag leisten müssen – und zwar vor allem auch die, die reich sind und Kapital haben."

Dr. Johanna Hofbauer, WU Wien


 
Und nach der Krise?
„Die durch die Corona-Krise verschärfte Ungleichheit muss unbedingt als gesellschaftliche Aufgabe verstanden werden. Und zwar eine Aufgabe, die wir solidarisch bewältigen müssen. Das zeigt sich auch klar in der soziologischen und wirtschaftspolitischen Forschung. Die Karten werden durch die Krise neu gemischt. Es ist aber viel Glück und Zufall dabei, wenn es darum geht, wie man aussteigt. Mit Leistung hat das nichts zu tun. Der Slogan ‚Leistung soll sich lohnen‘ ist daher völlig daneben. Es muss hier zuerst einmal alles getan werden, um die Menschen zu unterstützen, die durch die Krise etwas verloren haben. Es entspricht dem Solidaritätsprinzip und ist wesentlich für die Stabilität der Gesellschaft. Es ist nicht nur moralisch sinnvoll, sondern auch ökonomisch, Armut und Bildungsungleichheit zu bekämpfen. Der Kampf gegen Ungleichheit und eine Leistungsideologie, die ungleiche Leistungsbedingungen einfach ausblendet, ist zentral.“


 
Zur Person: ao.Univ.Prof. Dr. Johanna Hofbauer ist Wissenschafterin am Institut für Soziologie und empirische Sozialforschung im Department für Sozioökonomie der Wirtschaftsuniversität Wien und Mitglied des Forschungsinstituts Economics of Inequality (ineq) und des Kompetenzzentrums für Nachhaltigkeit an der WU. Ihre Schwerpunkte sind Gender und soziale Ungleichheit sowie Fragen der Strukturentwicklung von Arbeit und Bedingungen der Chancengleichheit in Arbeitsorganisationen.