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Der leidenschaftlichste Bibliothekar der Welt? Johann Darnhofer, mit 97 Jahren, in der ÖGB-Bibliothek in Weiz, 2023
Der leidenschaftlichste Bibliothekar der Welt? Johann Darnhofer, mit 97 Jahren, in der ÖGB-Bibliothek in Weiz, 2023 Roland De Roo, ÖGB

Geschichte

76 Jahre Bücher, Ehe und eine Prise Erotik

Zwei Herren, Johann Darnhofer (97 Jahre alt) und Alfred Heiden (88), hatten eine besondere Leidenschaft: Sie betreuten bis vor wenigen Monaten die Gewerkschaftsbücherei in Weiz

Die Geschichte der Gewerkschaftsbibliothek in Weiz begann mit einem Herrn, der mit Nachnamen Bernhard hieß und an dessen Vornamen sich niemand mehr erinnert. Kurz nach Kriegsende ging er von Haus zu Haus und fragte, wer noch Bücher habe und bereit sei, diese für eine Bibliothek zu spenden. Und er suchte nach einem Raum für die Bücherei. Er fand ihn im „alten“ Gewerkschaftshaus am Weizer Hauptplatz. Damals war Johann „Hansl“ Darnhofer gerade erst aus dem Krieg zurückgekehrt.  

Im Zweiten Weltkrieg war er als Soldat durch Minenfelder marschiert, hatte unzählige Patronen vorbeizischen gehört und Kameraden verloren. Von seiner Kompanie überlebten von 120 Soldaten nur sieben - und „Hansl” selbst nur knapp. Granatsplitter hatten sich in seinen Arm gebohrt, die Wunde eiterte, er hatte hohes Fieber und erlitt während der Operation einen Herzstillstand. Aber: Er erwachte wieder. Sein linker Arm war allerdings nun um zehn Zentimeter kürzer. Mit dem letzten Lazarettzug verließen er und rund 500 Kameraden Odessa. Drei Wochen lang waren sie unterwegs, bis sie Ybbs an der Donau erreichten. 

Nach Kriegsende unterschrieb er seinen eigenen Entlassungsschein, da sonst niemand mehr da war.  

Johann Darnhofer und die Kartei der Gewerkschaftsbibliothek in Weiz, 2023
Johann Darnhofer und die Kartei der Gewerkschaftsbibliothek in Weiz, 2023 Marliese Mendel, ÖGB

Bücherspenden für Lesehungrige

Vor dem Krieg erhielt er Mathematiklektionen an der Universität in Graz und war Lehrling bei der Eisenbahn. Dort gab es aber nach 1945 keinen Arbeitsplatz mehr für ihn. Also führte er für einen Bäcker Brot aus und wurde Gewerkschaftsmitglied. In seiner Freizeit bot er Herrn Bernhard seine Hilfe beim Einsammeln der Bücherspenden an.  

Im Jahr 1946 wurde „Hansl” ehrenamtlicher Mitarbeiter in der Gewerkschaftsbücherei. „Manchmal war der Raum so voll, dass ich die Tür versperren musste und meistens konnte er die Bücherei nicht zur angegebenen Sperrstunde schließen“, erinnert er sich im ÖGB-Interview im Jahr 2023. „Es kamen zu viele lesehungrige Menschen.“  

Der Andrang wuchs über die Jahre weiter. Die Bücherei übersiedelte in den eigentlich als Filmvorführraum geplanten Saal des Elin-Casinos und schließlich 1980 in das neu errichtete AK- und Gewerkschaftshaus. Wieder hatten sie kaum Platz für die rund 8.000 Bände. „Also drohten ich und mein Kollege Franz Immervoll, dass wir die ehrenamtliche Tätigkeit niederlegen würden“, erzählt Darnhofer. Die Drohung zeigte Wirkung: Anhand seiner Pläne wurde die Bücherei vergrößert.  

Franz Immervoll und Johann Darnhofer in der Gewerkschaftsbibliothek im AK- und ÖGB-Haus in Weiz, 1980
Franz Immervoll und Johann Darnhofer in der Gewerkschaftsbibliothek im AK- und ÖGB-Haus in Weiz, 1980 Privat

„Hansl” bekommt das Bundes-Ehrenzeichen

In den 1980er Jahren kamen vor allem Jugendliche in die Bücherei. Es waren rund 400 Leser:innen eingeschrieben, die 20.000 Bücher pro Jahr ausliehen.

Bei der Bücherbeschaffung standen Darnhofer und Immervoll vor immer neuen Herausforderungen. Anfangs finanzierte der Betriebsrat der Elin-Union die Ankäufe, auch wenn so manche Bücher nicht angeschafft wurden – etwa erotische Romane wie „Dominique“ von Helena Ravenscroft. „Hansl” und Franz wussten aber, dass diese Bücher gerne gelesen wurden, und so kauften sie sie aus ihrem kleinen Budget aus den Leihgebühren. Später fuhren sie privat mit dem Auto nach Wien und kauften beim Gewerkschaftsverlag verbilligte Bücher. 

Johann Darnhofer mit Ministerin Claudia Schmied bei der Verleihung des Bundes-Ehrenzeichens, 2010
Johann Darnhofer mit Ministerin Claudia Schmied bei der Verleihung des Bundes-Ehrenzeichens, 2010 Privat

76 Jahre lang wählte Darnhofer zu kaufende Bücher aus, katalogisierte sie, band sie ein und kümmerte sich um die Entlehnungen und Verbuchung der Gebühren. Für seinen ehrenamtlichen Einsatz erhielt er von Ministerin Claudia Schmied im Jahr 2010 das Bundes-Ehrenzeichen für öffentliches Büchereiwesen.  

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All das schaffte der zweifache Vater neben seiner Karriere vom technischen Zeichner zum Konstrukteur bei der Elin-Union und neben zahlreichen weiteren Ehrenämtern. „Meine Frau hat sich in den 76 Jahren unserer Ehe nie beschwert“, erzählt er. Sein ein Geheimnis für eine harmonische Ehe: Zufriedenheit.  

Alfred Heiden und sein GPA-Mitgliedsbuch, 2023
Alfred Heiden und sein GPA-Mitgliedsbuch, 2023 Marliese Mendel, ÖGB

„Der Stalin ist deppert geworden” – Alfred Heidens bewegtes Leben

Im Laufe der Jahre kamen immer neue ehrenamtliche Kolleg:innen dazu. Besonders lange engagierte sich Alfred Heiden, der gemeinsam mit Johann Darnhofer 20 Jahre lang Bücher verlieh. Seine Lebensgeschichte ist von politischen Umbrüchen geprägt. Alfreds Vater war in den 1930er-Jahren beim sozialdemokratischen Schutzbund und reiste gemeinsam mit dem Freiheitskämpfer Koloman Wallisch in die Dörfer rund um Bruck an der Mur.  

Nach den Februarkämpfen 1934 und der Machtübernahme der Austrofaschisten flüchteten Alfreds Eltern nach Russland und fanden dort Arbeit. Alfred kam 1935 auf die Welt. Die Familie zog mehrmals um und lebte schließlich in Moskau. „Mein Vater erzählte mir, dass im Jahr 1937 ‚Der Stalin deppert geworden ist‘, er verschickt Menschen in Arbeitslager in Sibirien. Das wollte er nicht riskieren. Wir gingen in die österreichische Botschaft. Dort wurde meine Mutter Köchin,“ erzählt Alfred im ÖGB-Interview im Jahr 2023.  

Die Eltern von Alfred Heiden
Die Eltern von Alfred Heiden Privat

Als bekannt wurde, dass die Austrofaschisten eine Amnestie für Schutzbündler, freie Gewerkschafter:innen und Sozialdemokrat:innen erließen, beschloss die Familie nach Österreich zurückzukehren. Sie überschritten die Grenze am 12. März 1938, am Tag des sogenannten „Anschlusses“ Österreichs an das Deutsche Reich.  

Alfreds Vater wurde einberufen und erhielt eine Spezialausbildung, wurde aber nie eingesetzt. Am 7. Mai 1945 schossen die Russen noch auf Alfreds Heimatort St. Ruprecht, am Tag darauf endete der Krieg und sie standen als Besatzer im Dorf. Alfreds Vater wurde Dolmetscher. Da besuchte Alfred schon die Hauptschule in Weiz. Im September 1949 begann er die Lehre zum Maschinenschlosser in der Elin-Union, wurde Gewerkschaftsmitglied, machte die Ausbildung zum Werksmeister und stieg bis zum Einkaufsleiter auf. 1994 ging er in Pension.  

Alfred Heiden in der Gewerkschaftsbibliothek in Weiz, mit einer Ausgabe der Solidarität aus dem Jahr 1949, dem Jahr, als er Gewerkschaftsmitglied wurde, 2023
Alfred Heiden in der Gewerkschaftsbibliothek in Weiz, mit einer Ausgabe der Solidarität aus dem Jahr 1949, dem Jahr, als er Gewerkschaftsmitglied wurde, 2023 Roland De Roo, ÖGB

Der letzte Leser holte „Hansl” mit dem Auto ab

„Natürlich kannte ich ‚den Darnhofer‘ und die Gewerkschaftsbücherei. Ich holte jeden Donnerstag Bücher für meine Mama. Sie war bis ins hohe Alter von 90 Jahren eine Vielleserin,“ erzählt Alfred. Im Februar 1998 rief Johann Darnhofer Alfred Heiden an und sagte: „Du hast jetzt ein bisserl mehr Zeit, möchtest du nicht zu uns kommen?“ Alfred sagte zu.  

In den späten 1990er Jahren war die Gewerkschaftsbücherei noch gut besucht. Eltern holten Bücher für ihre Kinder, Pensionist:innen kamen auf einen Plausch vorbei und nahmen Leihbücher mit. „Aber in den folgenden Jahren wurden die Besucher:innen immer weniger,“ erzählt Alfred. „Die Gründe dafür waren vielfältig. Leute schauen lieber in den Computer und auf das Handy und die älteren Menschen konnten wegen schlechten Sehvermögens nicht mehr lesen oder verstarben.“  

„Immer wieder passierte es, dass keine Besucher:innen in die Bibliothek kamen,“ sagt Darnhofer, „also stellten wir um. Die Leute sollten uns anrufen, wenn sie Bücher ausleihen wollten.“ „Hansl” ist jetzt 97 Jahre alt, fährt immer noch mit dem Fahrrad, ist aber nicht mehr gut zu Fuß. Also holte ihn einer der letzten Leser mit dem Auto von zu Hause ab, fuhr mit ihm in die Gewerkschaftsbücherei und brachte ihn wieder nach Hause.  

„Hansl” und Alfred wussten, dass die Ära der Gewerkschaftsbücherei zu Ende geht. Auch wenn sie die Gespräche mit den Leuten vermissen, blicken sie auf schöne Jahre zwischen Romanen, erotischen Büchern und Sachbüchern zurück.

Damit kein Buch verloren geht, organisierte die ÖGB-Regionalsekretärin Astrid Knapp Flohmärkte. Der Erlös aus den verkauften Büchern geht an eine karitative Organisation
Damit kein Buch verloren geht, organisierte die ÖGB-Regionalsekretärin Astrid Knapp Flohmärkte. Der Erlös aus den verkauften Büchern geht an eine karitative Organisation Roland De Roo, ÖGB

  2023 wird die Bücherei nun endgültig aufgelöst. Damit die Bücher nicht verloren gehen, organisierte die ÖGB-Regionalsekretärin Astrid Knapp Flohmärkte. Die Einnahmen werden einer karitativen Organisation zur Verfügung gestellt.