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Arbeiterkammer-Ausweis von Käthe Leichter, 1933 IHSF-Archiv
Frauengeschichte

Die wunderbare Käthe Leichter

Käthe Leichter war vieles und sie wäre noch mehr geworden, hätten die Nationalsozialisten sie nicht ermordet

Sie war Doktorin der Staatswissenschaften, Mitarbeiterin in der Sozialisierungskommission, Leiterin des Frauenreferats der Arbeiterkammer, Begründerin der Frauenforschung, Widerstandskämpferin: Käthe Leichter. Am 20. August 1895 wurde Käthe Leichter als Katharina Marianne Pick in eine großbürgerliche, jüdische Familie in Wien hineingeboren. Sie war eine gute Schülerin, las die Klassiker und bekam schlechte Betragensnoten. Die LehrerInnen sagten, an ihr wären zehn Buben verloren gegangen. Heute würde man sie Powerfrau nennen. 

Porträt von Käthe Leichter auf einem Kalenderblatt der Gewerkschaft Metall-Bergbau, 1922 PRO-GE

„Fräulein Katl“ und die sozialen Utopien 

Kurz nach Beginn des Ersten Weltkrieges im Jahr 1914 nahm sie ihr Studium der Staatswissenschaften auf, wohl wissend, dass sie ihr Doktorat nicht in Österreich machen kann. Frauen durften damals die nötigen Prüfungen in den Rechtswissenschaften noch nicht ablegen.  

Den Kriegsbeginn begrüßte sie. Sie glaubte, dass der Krieg ein großer Freiheitskampf werden würde, und bedauerte, dass sie nicht als Soldatin an die Front ziehen darf. Als sie aber das Elend, die überbelegten ArbeiterInnenwohnungen, Kälte, Hunger, Mangel an Kleidung und medizinischer Versorgung kennenlernte, änderte sich alles. Sie organisierte Spendensammlungen, ging mit Arbeiterinnenkindern wandern und begann, sich mit sozialen Utopien zu beschäftigen.   

Hochverratsanklage in Deutschland 

Im Jahr 1917 ging sie nach Heidelberg, um ihr Studium zu beenden. Dort schloss sie sich einer Lesegruppe von zehn Studierenden an. Sie verfassten einen Aufruf gegen den Krieg, der bald auf vielen Universitäten verlesen wurde. Die Staatsführung war darüber empört und klagte die Gruppe wegen Hochverrats an. Käthe musste Deutschland verlassen und durfte nur mit einer Sondergenehmigung wieder einreisen, um ihre letzte Prüfung beim Gründervater der Soziologie, Max Weber, abzulegen. Sie bestand mit Auszeichnung. Aber die Nationalsozialisten erkannten ihr den Doktortitel im Jahr 1939 ab.  

Ein Paradies, auch für Frauen  

Nach der Ausrufung der Ersten Republik arbeitete sie in diversen Gremien: In der Reichswirtschaftskommission der Arbeiterräte, der Sozialisierungskommission, im Finanzministerium und im Zentralverband für Gemeinwirtschaft, und war so am Entstehen zahlreicher richtungsweisender Gesetze beteiligt: dem Acht-Stunden-Tag-Gesetz, dem Betriebsrätegesetz, dem Kollektivvertragsgesetz, dem Krankenversicherungsgesetz und an vielen anderen Gesetzen, die aus ihrer sozialen Utopie langsam Realität werden ließen. Aber noch hatten meist nur Männer im von ihr erträumten Paradies Platz. Das wollte sie ändern, denn auch Frauen sollten daran teilhaben, und dafür bekam sie genau das richtige Jobangebot. 

Die Chemiegewerkschafterin Rosa Jochmann, o.J. ÖGB-Archiv

Was soll die Frau Doktor schon über uns wissen? 

Die erst fünf Jahre junge Wiener Arbeiterkammer plante, ein Frauenreferat einzurichten und Käthe Leichter wurde die Leiterin. Zu einer Zeit, als es keinerlei Unterlagen oder Studien zu Frauenarbeit gab, war bereits eine agile Gruppe von Gewerkschaftsfrauen aktiv. Sie wurde bald Teil des großen Netzwerks von Käthe Leichter.  

Dabei begegneten manche ihr anfangs mit Skepsis: So etwa die Chemiearbeiterin Rosa Jochmann. Sie und ihre Kolleginnen erhielten eine Einladung zu einer Versammlung, ihre Begeisterung darüber hielt sich allerdings in Grenzen: Was sollte die Frau Doktor schon von ihren gesundheitsschädlichen Arbeitsbedingungen wissen, oder über den geringen Verdienst bei langen Arbeitszeiten? Sie wusste alles. „Von diesem Moment an ist Käthe nicht mehr aus meinem Leben verschwunden“, erinnerte sich Jochmann im Jahr 1980 bei einem ORF-Interview. 

Eröffnung des Hausgehilfinnenheims, 1902, zweite Reihe, zweite von links Anna Boschek, vierte von links Therese Schlesinger ÖGB-Archiv

Frauen eine Stimme geben 

Gemeinsam mit der Leiterin des Frauenreferats der Freien Gewerkschaften, Anna Boschek, und der Frauensekretärin Wilhelmine Moik begannen sie, Frauenarbeit systematisch zu erforschen und die Ergebnisse in zahlreichen Publikationen zu veröffentlichen.  

Dabei ging Leichter einen neuen Weg. Statt auf ihr Forschungsprojekt (Arbeiterinnen und Angestellte) von oben zu schauen, gab sie den Frauen eine Stimme. Bei Massenumfragen erfuhr sie von den grausamen Arbeits- und Lebensbedingungen der Frauen. Im Jahr 1927 erschien „Frauenarbeit und Arbeiterinnenschutz“, 1928 die (noch nicht gegenderte) „Erhebung über die Arbeits- und Lebensbedingungen von 1.000 Wiener Heimarbeitern“, 1933 „So leben wir. 1320 Industriearbeiterinnen berichten über ihr Leben“ und 1930 gab sie das „Handbuch der Frauenarbeit“ heraus. Darin berichten Arbeiterinnen und Funktionärinnen vom Arbeitsleben in ihren Branchen.  

Die Ziele ihrer wissenschaftlichen Arbeit glichen jenen der Gewerkschaftsfrauen: Das ganze System der Lohnarbeit und, der Haushaltsführung abzuändern, eine höhere Würdigung der gesellschaftlichen Funktion der Frau als Mutter und Hausfrau, Schutz gegen Überbordung der Frauen durch doppelte Arbeit in Erwerb und Haushalt sowie gleicher Lohn für gleiche Arbeit.  

All diese Forderungen konnten nun auch in Rubriken der AK- und Gewerkschaftszeitungen nachgelesen werden oder in der „Radiostunde für die arbeitende Frau“ gehört und im halbdokumentarischen Film „Frauenleben-Frauenlos“ gesehen werden. Das Drehbuch dazu hatten die beiden Gewerkschafterinnen Anna Boschek und Wilhelmine Moik geschrieben. Die Intention war einerseits Gewerkschaftsmitglieder zu gewinnen und andererseits Frauen und ihren Geschichten endlich einen Platz zu geben. 

Wie leben die Arbeiterinnen? 

Die Publikationen dienten auch als Unterbau für Forderungen nach Gesetzesänderungen. Die Gewerkschafterinnen hatten nach langen Kämpfen das Hausgehilfengesetz im Jahr 1920 erstritten. Mit dem Zahlenmaterial der Studie „Wie leben die Wiener Hausgehilfinnen?“ konnte Nationalrätin Anna Boschek und Genossinnen einen Gesetzesentwurf über die Stellenlosenversicherung für HausgehilfInnen einbringen. Ähnliches geschah nach der Veröffentlichung „Wie leben die Wiener Heimarbeiter?“. Die gewerkschaftlichen Forderungen nach der Ausweitung des Heimarbeitsgesetz aus dem Jahr 1918, wie die Einbeziehung der HeimarbeiterInnen in die Sozialversicherung oder die Angleichung der Löhne an jene in den Betrieben, konnten in den kommenden Jahrzehnten umgesetzt werden. 

Käthe Leichter war aber auch noch mehr als die Leiterin des AK-Frauenreferats, sie war eine politische Akteurin. Ganz oben auf der Agenda stand Widerstand gegen den erstarkenden Faschismus und dessen Auswirkungen auf die Frauen. Sie sagte: „Zurückdrängung der Frau von der Berufsarbeit ins Haus, von der öffentlichen Betätigung zur Gebärtätigkeit, [ist die] Zurückschraubung der ganzen hoffnungsvollen Entwicklung der letzten Jahrzehnte.“ Das befürchteten auch die Gewerkschaftsfrauen – und sie sollten leider Recht behalten.

Demonstration der SDAP, Käthe Leichter zweite Reihe zweite von links, o.J. IHSF-Archiv

Diese Jüdin kommt nicht hinaus

Mit der Machtübernahme der Austrofaschisten und, der Ausschaltung der Arbeiterkammern im Dezember 1933 verlor Käthe Leichter ihren Arbeitsplatz und mit dem Verbot der Gewerkschaften auch die GewerkschafterInnen. Käthe Leichter flüchtete mit ihrem Ehemann und den beiden Söhnen in die Schweiz, kehrte aber bald wieder zurück, um im Untergrund Widerstand zu leisten. 

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten flohen ihre zwei Buben und ihr Mann erneut, Käthe Leichter organisierte den Transport der Möbel, Bücher und sogar des Klaviers nach Paris, blieb selbst aber in Österreich. Ihr ehemaliger Genosse Hans Pav verriet ihren Aufenthaltsort, am 30. Mai 1938 wurde sie verhaftet. Die Anklage lautete auf Nachrichtenschmuggel und Hochverrat. Im Oktober 1939 verurteilten die Nationalsozialisten sie zu sieben Monaten Kerker. Diese hatte sie bereits verbüßt und auf dem amerikanischen und englischen Konsulat warteten bereits Visa für sie. Aber die Nationalsozialisten verhafteten sie erneut mit der Begründung: „Diese Jüdin kommt nicht hinaus“. 

Die Seele im Konzentrationslager 

Ende Dezember 1939 wurde sie ins Frauenkonzentrationslager Ravensbrück deportiert. Dort traf sie viele Frauen aus ihren Netzwerken wieder. Darunter auch Rosa Jochmann. Ihr verdanken wir die Beschreibung der letzten Jahre von Käthe Leichter. Sie berichtet etwa, wie sie Jochmann anhielt, Blockälteste zu werden, dass sie hier keine Betriebsrätin mit eigener Meinung mehr sei, den Nationalsozialisten immer zuzustimmen habe, gleichzeitig aber maximalen Widerstand zu leisten habe. Oder, dass Leichter Theaterstücke schrieb, die auch aufgeführt wurden.

Jochmann schrieb: „Genossin Leichter war die Seele ihres Blockes und uns ‚Politischen‘ die Lehrerin, die sie draußen gewesen war. Die Juden waren alle auf einem Block untergebracht, 500 im Jahre 1940, niemand wurde so gequält wie sie … Viele wunderbare Gedichte hat Käthe Leichter geschrieben, wir mußten sie über ihren Wunsch alle vernichten, da sie immer sagte: ‚Ich habe sie ja im Kopf, und ich weiß, ich komme bestimmt nach Hause.‘ Leider sind nun alle bis auf ein einziges verlorengegangen.“

Im März 1942 fuhren offene Lastwägen in das Konzentrationslager. Rosa Jochmann und Käthe Leichter gingen Hand in Hand über die Lagerstraße. Leichter sagte zu ihr: „Rosa, grüße mir meine Buben und sage ihnen, sie waren mein größtes Glück.“ 

Am 17. März 1942 ermordeten die Nationalsozialisten die Frauenforscherin, Mitgestalterin der Ersten Republik, Leiterin der Frauenabteilung der Wiener Arbeiterkammer und Freundin vieler Arbeiterinnen, Funktionärinnen und Gewerkschafterinnen. Die wunderbare Käthe Leichter. 

 

 

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