Untersuchung nach einem Leichenfund im Kanal unterhalb des Stadtparks (Wien, 1925) Untersuchung nach einem Leichenfund im Kanal unterhalb des Stadtparks (Wien, 1925)

Unter dem Pflaster der Großstadt

Die Kanalräumer von Wien

Die wahrscheinlich berühmteste Kanalszene ist jene im Film „Der dritte Mann“ (1949), in der Penicillin-Schmuggler Harry Lime (Orson Welles) im Wiener Kanalsystem vor seinen Verfolgern flieht. Weniger berühmt, aber mindestens genauso aufregend, ist die Geschichte der Kanalräumer und deren gewerkschaftlicher Organisation.

Kanalräumer gab es in Wien schon immer. Bis ins Jahr 1923 waren sie bei privaten Firmen beschäftigt, die im Auftrag der Stadt die 1.500 Kilometer Kanäle instand hielten und reinigten, danach wurden sie „kommunalisiert“. 

Bankräuber und Helden

In die Medien schafften es Kanalräumer meist nur, wenn sie zerstückelte Leichen fanden oder den Kriminalinspektoren meldeten, wo wieder einmal Verbrecher vom Kanal aus Ziegelwände durchbrochen hatten, um so in Banken oder Fabriken einzusteigen. Daneben gab es noch Berichte über Kanalräumer, die an Vergiftungen durch Sickgasse starben oder in den Kanälen ertranken, oder über die seltenen Heldengeschichten, in denen Kanalräumer bei der Rettung ihrer Kollegen selbst das Leben verloren.

Barfüßige Kroaten

In den Kanälen agierten aber nicht nur Verbrecher, „Kanalratzen“ genannt. Hier lebten während der Ersten Republik ganze Familien.  Und auch die „Kanalstrotter“ – also jene Menschen, die das Strandgut der Großstadt durchsuchten, nach weggeworfenem Diebesgut, Metallgegenständen, Knochen, nach allem, was sich zu Geld machen ließ.

Die Kanalräumer stiegen jede Nacht um 22 Uhr zu all diesen Menschen hinunter, lösten Verklausungen, putzten Hauskanäle, leerten Senkgruben. Dafür erhielten sie einen geringen Lohn, dazu mehrere Flaschen Rum und alle fünf Jahre ein neues Paar Stiefel – aber nur, wenn sie Österreicher waren. Die kroatischen Kollegen mussten barfuß arbeiten. 

Der Kanalräumerverband

Im Jahr 1904 schlossen sich rund 500 Arbeiter zusammen und organisierten einen Streik für bessere Arbeitsbedingungen. Allerdings zerfiel der Zusammenschluss schon bald und die Kanalräumer mussten sich neu organisieren. So entstand schon kurze Zeit später, im Jahr 1906, der Verband der Kanalräumer, der seine erste Herausforderung, einen Streik von 120 Mann wegen der Entlassung eines Vertrauensmannes einer Kanalreinigungsfirma, überlebte. Die Arbeitsniederlegung endet erfolgreich: Der Vertrauensmann wurde wieder aufgenommen und ein Kollektivvertrag samt Arbeitszeitverkürzung und Lohnerhöhung abgeschlossen. 

Annehmbarer Prozentsatz

Nach dem Ersten Weltkrieg dauerte es noch einige Jahre, bis am 1. Juli 1923 die Stadt Wien die Kanalräumarbeiten selbst übernahm. Die rund 408 bei den ehemaligen Vertragsfirmen Beschäftigten wurden in den Gemeindedienst übernommen. Schon ein Jahr später streiken sie wieder. Sie forderten eine Lohnerhöhung von bis zu 20 Prozent, da die Inflation ihre Einkommen auffraß. Die Stadt blieb anfangs hart, wollte den Mietparteien keine Gebührenerhöhung zumuten. Erst als sich der sozialdemokratische Bürgermeister Karl Seitz einschaltete, kam es zu einer Einigung, einem (nicht überlieferten) „annehmbaren Prozentsatz“.

Zwölf Schilling

Am 12. Februar 1934 begannen die Kämpfe der ArbeiterInnenbewegung gegen die Austrofaschisten. Auch die sozialdemokratischen Kanalräumer beteiligten sich daran, führten unter anderem die Kämpfer des militärischen Verbands der Sozialdemokraten (Schutzbündler) durch die Kanäle zu den Sammelplätzen.

Letztlich unterlagen die ArbeiterInnen damals aber der militärischen Übermacht der Austrofaschisten unter dem Kanzlerdiktator Engelbert Dollfuß, der die Sozialdemokratische Arbeiterpartei und die Freien Gewerkschaften verbot, deren Vermögen konfiszierte und deren FührerInnen verhaftete – darunter auch den Obmann und den Kassier des Kanalräumerverbandes, die beide wegen Veruntreuung angeklagt wurden.

Allerdings fanden die Austrofaschisten bei der Überprüfung der Verbandsbücher nur mehr zwölf Schilling, die restlichen 51.000 Schilling waren verschwunden. Wo das Geld der Kanalräumer geblieben ist, weiß niemand.