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Künstliche Intelligenz vernichtet nicht zwangsläufig massenhaft Arbeitsplätze, verändert aber unser Verständnis von Arbeit grundlegend. Andrey Popov - stock.adobe.com

KI am Arbeitsplatz

Welche Jobs verändern sich durch KI?

KI verändert die Arbeit, Tätigkeiten wandeln sich - ÖGB-Experte Sebastian Klocker hält Massenarbeitslosigkeit aber nicht für das wahrscheinlichste Szenario

Künstliche Intelligenz vernichtet nicht zwangsläufig massenhaft Arbeitsplätze, verändert aber unser Verständnis von Arbeit grundlegend. Sebastian Klocker, Experte für Digitalisierung im ÖGB, erklärt, warum generative KI vor allem Büro- und Wissensberufe trifft, wieso die Automatisierung von Routineaufgaben zur Gefahr für Berufseinsteiger:innen werden kann und warum KI-Einsatz immer eine betriebswirtschaftliche Entscheidung bleibt.

Das Wichtigste in Kürze

  • KI führt vor allem zu veränderten Tätigkeiten, nicht zum Verschwinden ganzer Berufe
  • Besonders betroffen sind Büro-, Verwaltungs- und Wissensberufe
  • Menschliche Fähigkeiten wie Verantwortung, soziale Kompetenz und Urteilsvermögen gewinnen an Bedeutung
  • Berufseinsteiger:innen könnten wichtige Lern- und Erfahrungsräume verlieren

Wie wird KI unsere Arbeitswelt in zehn Jahren verändert haben?

Sebastian Klocker: Ich glaube, in zehn Jahren werden wir über KI ähnlich sprechen wie heute über das Internet: nicht mehr als eine einzelne Technologie, sondern als Infrastruktur, die in sehr vielen Arbeitsprozessen steckt. Das heißt aber nicht, dass überall Roboter oder Chatbots Menschen ersetzt haben werden. Viel wahrscheinlicher ist, dass sich in sehr vielen Berufen das Bündel an Tätigkeiten verändert.

Das erleben wir bereits heute. KI schreibt Zusammenfassungen, übersetzt, unterstützt bei Programmierung und Recherche, erstellt Dienstpläne oder hilft bei der Bearbeitung von Kund:innenanfragen.

Gleichzeitig sehen wir eine zweite Entwicklung, die aus Arbeitnehmer:innensicht mindestens genauso wichtig ist: Algorithmen verteilen Arbeit, messen Leistungen und geben Arbeitstempo oder Ziele vor. Das ist sogenanntes algorithmisches Management. Die Frage ist also nicht nur, was KI kann, sondern auch: Wer kontrolliert wen mithilfe von KI?

Wir werden deshalb wahrscheinlich nicht in einer Welt ohne Arbeit leben, aber wir können in einer Welt mit deutlich anderer Arbeit leben.

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Vernichtet KI Arbeitsplätze oder verändert sie vor allem Tätigkeiten? 

Dass bestimmte Tätigkeiten und auch einzelne Arbeitsplätze verschwinden werden, ist realistisch. Eine flächendeckende technologische Massenarbeitslosigkeit halte ich auf Basis dessen, was wir heute wissen, aber nicht für das wahrscheinlichste Szenario.

Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) kommt in ihrer aktuellen Untersuchung zu dem Ergebnis, dass weltweit ungefähr jeder vierte Arbeitsplatz in irgendeinem Ausmaß von generativer KI (z. B. Texte schreiben, Bilder erstellen, Ideen entwickeln, ...) betroffen sein kann. Transformation ist wesentlich wahrscheinlicher als vollständiger Ersatz. Laut dieser Studie sind besonders Büro-, Verwaltungs- und andere stark digitalisierte Tätigkeiten exponiert.

Sebastian Klocker, ÖGB Experte für Digitalisierung ÖGB Julia Berndl
Ein wesentlicher Teil der KI-Produktivitätsgewinne sollte in eine kollektive Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich fließen.
Sebastian Klocker, Experte für Digitalisierung im ÖGB

Wir müssen deshalb genauer über Tätigkeiten statt über Berufe reden. Belegerfassung kann automatisiert werden, ohne dass Buchhalter:innen verschwinden. Standardtexte können automatisiert werden, ohne dass Journalismus verschwindet. Teile von Kundenservice oder Sachbearbeitung können wegfallen, während gleichzeitig komplexere Fälle, Kontrolle und Kommunikation bei Menschen bleiben.

Ist Arbeitsplatzabbau eine technische oder wirtschaftliche Entscheidung? 

Wir müssen außerdem aufpassen, dass wir eine betriebswirtschaftliche Entscheidung nicht als technologische Notwendigkeit darstellen. Wenn ein Unternehmen KI nutzt, um mit weniger Beschäftigten denselben Output zu erzielen, dann hat nicht „die KI“ diese Arbeitsplätze vernichtet. Das Unternehmen hat entschieden, den Produktivitätsgewinn für Kostensenkung oder höhere Gewinne zu verwenden.

Genau hier ist die politische Frage. Technischer Fortschritt könnte genauso dazu genutzt werden, die vorhandene Arbeit auf mehr Menschen zu verteilen, Arbeitszeit zu reduzieren oder gesellschaftlich notwendige Arbeit besser zu finanzieren.

Dass Rationalisierung in unserer Wirtschaftsordnung häufig zuerst als Möglichkeit gesehen wird, Personalkosten zu reduzieren, ist keine Eigenschaft der Technologie, sondern Ergebnis der ökonomischen Anreize, unter denen Unternehmen handeln.

Welche Berufe werden sich besonders stark verändern? 

Deutlich verändern werden sich aus meiner Sicht viele Büro- und Wissensberufe: Sachbearbeitung, Buchhaltung, Übersetzung, Kundenservice, Teile der Programmierung, Marketing, Personalwesen, Rechtsberatung oder Journalismus.

Dort gibt es viele digital vorliegende Tätigkeiten, bei denen KI unterstützen oder einzelne Arbeitsschritte übernehmen kann.

Wo wird menschliche Arbeit wichtiger?

Menschliche Arbeit wird gleichzeitig dort besonders wertvoll, wo Kontext, Vertrauen, Verantwortung, körperliche Arbeit oder soziale Beziehungen wichtig sind. Pflege, Kinderbetreuung, Bildung, Handwerk, Soziale Arbeit aber auch Verhandlungen, Führung oder schwierige Einzelfallentscheidungen.

Und selbst in hochdigitalisierten Berufen braucht es Menschen, die beurteilen können, ob ein KI-Ergebnis überhaupt sinnvoll ist.

Gefährdet KI wichtige Lern- und Einstiegsaufgaben? 

Wenn KI gerade die einfachen Aufgaben eines Berufs übernimmt, kann das für erfahrene Beschäftigte angenehm sein, aber für Berufseinsteiger:innen zum Problem werden. Denn einfache Aufgaben waren bisher häufig die Lernzone, in der man Erfahrung gesammelt hat.

Wenn wir diese Einstiegsleiter wegautomatisieren, müssen Unternehmen neue Formen des Lernens schaffen.

Entstehen durch KI auch neue Berufe?

Neue Tätigkeiten entstehen rund um Integration, Kontrolle und Gestaltung von KI: Datenqualität, Audits, Datenschutz, KI-Compliance, Prozessgestaltung oder die fachliche Prüfung von Ergebnissen.

Bei Berufsbezeichnungen wäre ich vorsichtig. Der heute gern genannte „Prompt Engineer“ wird in ein paar Jahren schon wieder verschwunden sein. Wichtiger sind neue Kompetenzen innerhalb bestehender Berufe.

 

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