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Die Grand Dame der Arbeiter:innengeschichte Brigitte Pellar, 2023 Roland de Roo, ÖGB

Geschichte

In memoriam Dr. Brigitte Pellar: Die Hüterin des sozialen Gewissens

Historikerin, langjährige Leiterin des Instituts für Gewerkschafts- und AK-Geschichte und glühende Verteidigerin der sozialen Demokratie

Mit dem Tod von Brigitte Pellar verliert die österreichische Geschichtswissenschaft eine ihrer profiliertesten Stimmen und die Arbeiterbewegung eine unermüdliche Wegbegleiterin. Als Historikerin, langjährige Leiterin des Instituts für Gewerkschafts- und AK-Geschichte und als glühende Verteidigerin der sozialen Demokratie hat sie ein Erbe hinterlassen, das weit über die Archivmauern hinausreicht.

Mit Brigitte Pellar verlieren wir eine Frau, die Geschichte nicht als bloße Aneinanderreihung von Daten verstand, sondern als ein Werkzeug der Gerechtigkeit. Als langjährige Leiterin des Instituts für Gewerkschafts- und AK-Geschichte in der Arbeiterkammer Wien (bis 2007) und als unermüdliche freischaffende Historikerin hat sie das Schicksal der arbeitenden Menschen ins Zentrum des öffentlichen Bewusstseins gerückt.

Brigitte Pellar, 2025 Roland de Roo, ÖGB

Eine Stimme für die „Geschichte von unten“

Für Brigitte Pellar war Geschichte nie ein staubiger Rückblick, sondern ein lebendiges Fundament der Gegenwart. In ihren Standardwerken „Eine andere Geschichte Österreichs“, „Die österreichische Gewerkschaftsbewegung“ gab sie jenen eine Stimme, die in den offiziellen Chroniken oft fehlten: den arbeitenden Menschen, den Gewerkschafter:innen, den Kämpfer:innen. Sie lehrte uns, dass Wohlstand und soziale Sicherheit keine Geschenke der Mächtigen sind, sondern das Resultat generationenübergreifender Solidarität.

Die Geschichte der Gewerkschaften ist kein abgeschlossenes Kapitel, sondern das Fundament unserer heutigen sozialen Sicherheit. Ohne dieses Bewusstsein riskieren wir, Errungenschaften als selbstverständlich zu betrachten, die hart erkämpft wurden.
Brigitte Pellar
Brigitte Pellar, 2023 Roland de Roo, ÖGB

Wachsamkeit gegenüber der Macht

Ein zentraler Pfeiler ihrer Arbeit war die Aufarbeitung der dunkelsten Jahre Österreichs. Akribisch analysierte sie die Zerschlagung der Demokratie im Jahr 1934 und den mutigen, oft lebensgefährlichen Widerstand im Untergrund. Für sie war die Erinnerung an den Austrofaschismus eine stete Mahnung zur Wachsamkeit im Hier und Jetzt.

Die Zerschlagung der freien Gewerkschaften im Februar 1934 war die Amputation des demokratischen Gewissens Österreichs. Wer Arbeitnehmern ihr Recht auf kollektive Vertretung nimmt, bereitet den Boden für die Diktatur.
Brigitte Pellar
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Das Erbe von Käthe Leichter fortführen

Brigitte Pellar sah sich in der Tradition von Pionierinnen wie Käthe Leichter. Wie ihr Vorbild verstand sie Sozialforschung immer auch als Gesellschaftskritik. Sie kämpfte leidenschaftlich dafür, dass die Leistungen von Frauen in der Arbeitswelt sichtbar gemacht werden – denn eine Geschichte der Arbeit ohne die Geschichte der Frauen blieb für sie „nur die halbe Wahrheit“.

Ihr Vermächtnis an uns

Brigitte Pellar hinterlässt uns ein beeindruckendes Lebenswerk, darunter:

  • „Gewerkschaft – Macht – Geschichte“: Eine Analyse von 200 Jahren Interessenvertretung.
  • „Rechtlos, aber nicht wehrlos“: Ihr Zeugnis über den gewerkschaftlichen Widerstand.
  • Unzählige Analysen zur Sozialpartnerschaft, in denen sie warnte: „Soziale Rechte sind keine Naturgesetze. Man kann sie schneller verlieren, als man sie sich erkämpft hat.“
Brigitte Pellar, 2025 Roland de Roo, ÖGB

Abschied von einer Mentorin

Wir verlieren eine Freundin und ein Vorbild, deren scharfer Verstand und tiefe Empathie uns fehlen werden. Brigitte Pellar hat uns gelehrt, dass die historische Analyse unser wichtigstes Werkzeug ist, um politische Mechanismen zu entlarven und für eine gerechtere Welt einzustehen.

Ihr Werk bleibt uns als Auftrag erhalten. In ihren Büchern und in unserem Handeln lebt ihr Geist weiter. Wir führen die „Mission Gerechtigkeit“, der sie ihr Leben widmete, in ihrem Sinne fort.

Ruhe in Frieden, Brigitte Pellar. Danke für den Weg, den du uns geebnet hast.