Josef Hindels: Unbeugsame Stimme gegen den Faschismus
Erinnerung, Bildung und Widerstand als gewerkschaftliche Verantwortung
Am 10. Jänner 2026 wäre Josef Hindels 110 Jahre alt geworden. Sein Todestag jährt sich am 10. Februar zum 26. Mal. Heuer wurde sein Wirken mittlerweile zum 30. Mal in einem Symposium unter dem Motto „Erinnerung und Auftrag“ beleuchtet - vor dem Hintergrund des beunruhigenden Aufstiegs rechtspopulistischer und rechtsextremer Bewegungen in immer mehr Ländern.
Geboren 1916, mitten in den Wirren des Ersten Weltkriegs, wuchs Hindels als Einzelkind in bescheidenen Verhältnissen auf. Sein Vater, im Textilhandel tätig, war oft arbeitslos, seine Mutter versuchte mit Gelegenheitsarbeiten etwas beizutragen. Er war bereits als Jugendlicher politisch interessiert und schloss sich als Mittelschüler der Vereinigung sozialistischer Mittelschüler an. Ein weiterführender Schulbesuch oder gar ein Studium blieben ihm verwehrt. Mit 14 Jahren begann er eine kaufmännische Lehre in einer Eisengroßhandlung – und wurde bald Gewerkschaftsfunktionär in der Lehrlingsabteilung des Zentralvereins der kaufmännischen Angestellten.
Hitlers Machtergreifung 1933 in Deutschland und die aus ihrer Sicht kampflose Kapitulation der Arbeiterparteien waren für ihn und seine Wegbegleiter ein schwerer Schlag und der Auslöser dafür, sich mit der Entstehung und mit den Gefahren des Faschismus intensiv auseinanderzusetzen.
Erste Haftstrafe mit 17 Jahren
In Österreich regierte Bundeskanzler Engelbert Dollfuß seit der Geschäftsordnungskrise im Parlament im März 1933 autoritär. Die Rechte der Gewerkschaften wurden eingeschränkt und dagegen wehrten sich die Gewerkschafter:innen, darunter auch der 17-jährige Josef Hindels.
Das Regime verbot die Feierlichkeiten zum 15-jährigen Bestehen der Republik im November 1933. Wiener:innen steckten sich rote Nelken ins Revers und bummelten durch die Stadt – was nicht illegal war. Trotzdem wurden Hunderte festgenommen, darunter auch Josef Hindels, weil er als Jugendfunktionär eine Rede gehalten hatte. Seine Warnung vor einem faschistischen Staatsstreich auch in Österreich brachte ihm eine 21-tägige Haftstrafe ein.
Auch das vom Regime Dollfuß schnell und konsequent vollzogene Verbot aller Organisationen und Einrichtungen der freigewerkschaftlichen Arbeiter:innenbewegung nach den Februarkämpfen 1934 sah er voraus. Die Hinrichtung von Februarkämpfer:innen und Widerstandsaktivist:innenen, von denen er einige persönlich kannte, verstärkten Hindels Kampfgeist.
Untergrundarbeit
Hindels war überzeugt davon, die politische Arbeit auch in der Illegalität weiterzuführen. Er engagierte sich bei den illegalen Revolutionären Sozialisten (RS) und vor allem in der ebenfalls illegalen Angestelltengewerkschaft. Schon bald legte er sich den Decknamen „Bruno“ zu, der ihn bei seinen antifaschistischen Freund:innen bis zum Lebensende begleitete.
Ende 1936 wurde Hindels wegen „Beteiligung an einer staatsfeindlichen Verbindung“ sowie der „Verbreitung gesetzeswidriger Druckwerke und Geheimbündelei“ erneut verhaftet und für drei Monate in Untersuchungshaft im Wiener Landesgericht festgehalten. Diese Zeit nutzte er zum Lesen und Schreiben, es gelang ihm auch, Notizen aus der Haft zu schmuggeln, in denen er vor der wachsenden NS-Gefahr in Österreich warnte.
Einer weiteren Verhaftung 1936 konnte Hindels dank einer Warnung entkommen und tauchte in der Nähe Wiens unter. Angesichts der absehbaren NS-Machtübernahme in Österreich und seiner zweifachen Bedrohung - zum politischen Engagement kam die jüdische Herkunft - floh er Mitte 1937 schließlich in die Tschechoslowakei.
10 Jahre im Exil
Nach zwei Jahren, in denen er sich dort aktiv in sozialistische und gewerkschaftliche Kreise einbrachte, wollte er 1939 nach Mexiko weiterfliehen, wofür ihm aber die Einreiseerlaubnis verweigert wurde. Ende des Jahres gelang dem mittlerweile 23-Jährigen die Flucht über Polen nach Norwegen. In Oslo betätigte er sich im Sekretariat der „Internationalen Arbeiterfront gegen den Krieg“. Er warnte in zahlreichen Zeitungsartikeln vor einem Krieg, angezettelt von Nazi-Deutschland. Nach dem unerwarteten Überfall der deutschen Wehrmacht auf Dänemark und Norwegen fand er schließlich 1940 in Schweden Aufnahme. Ab 1944 war er in Stockholm im „Archiv der Arbeiterbewegung“ tätig.
„Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg“
Das Kriegsende überlebte Hindels in Schweden, im Gegensatz zu vielen Freund:innen und Mitstreiter:innen. Auch seine Eltern wurden wegen ihrer jüdischen Herkunft 1942 von den Nationalsozialisten ins Konzentrationslager Riga deportiert und ermordet. Es ist keine Schrift bekannt, in der er sich über diese persönlichen Verluste näher äußert, aber sie waren nach 1945 sicher Antrieb für seine zeitlebens kompromisslosen Mahnungen: „Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg! Wehret den Anfängen!“
Nach einigen Jahren in der Sozialistischen Jugend, in denen Hindels wegen seines extremen Linkskurses scharfe Auseinandersetzungen mit der Parteiführung erlebte, fand er sein Betätigungsfeld ab 1951 als Bildungssekretär sowie später als Zentralsekretär für Bildung und Presse in der Angestelltengewerkschaft im ÖGB, der späteren GPA. Auch hier fanden seine progressiven Positionen nicht immer Anklang, in seinen Erinnerungen hielt Hindels aber fest; „Die Gewerkschaft war für mich immer der Ort, an dem Werktätige die Bedeutung von Solidarität kennenlernen.“
Fokus auf Mitbestimmung
Neben der Schulungsarbeit für Betriebsräte mit Schwerpunkten wie der betrieblichen Mitbestimmung, Arbeitszeitverkürzung, den Auswirkungen der Automatisierung der Arbeitswelt oder der Auseinandersetzung mit Argumenten von Gewerkschaftsgegnern, waren ihm Öffentlichkeitsarbeit und Mitgliederwerbung wichtige Anliegen. In seiner Amtszeit stieg die Mitgliederzahl der GPA von 140.000 auf 260.000. Progressive Gesellschaftspolitik und Antifaschismus blieben auch dabei stets im Fokus.
Nach seinem Abschied aus der GPA war Hindels als freier Publizist im Verlag des ÖGB tätig und kämpfte als stellvertretender Vorsitzender der sozialistischen Freiheitskämpfer über 20 Jahre weiter im antifaschistischen Kampf. Sein Engagement gegen Antifaschismus machte ihn weiterhin zum gefragten Vortragenden, nicht nur, aber vor allem auch in Jugendorganisationen.
Lesekreis mit jungen Gewerkschafter:innen
ÖGB-Präsident Wolfgang Katzian, der 1977 als Jugendsekretär in der GPA zu arbeiten begann, berichtet von wöchentlichen Lesekreisen mit „Bruno“: Im sogenannten Hindels-Kreis klärte er darüber auf, wie er den Faschismus erlebt hatte. Das Besondere sei das gemeinsame Lesen gewesen, erinnert sich Katzian. Die Teilnehmer:innen bekamen Texte, die sie lesen sollten, um beim nächsten Treffen gemeinsam die Frage zu diskutieren, wie man sie in Bezug zum aktuellen politischen Geschehen setzen könne. „Das kann man in keiner Schule lernen, das lernt man, wenn man jemanden hat, der fördert und unterstützt. Das war Josef Hindels.“
Livestream des 30. Josef-Hindels-Symposiums 2026@Wiener Bildungsakademie
Keine freien Gewerkschaften ohne Demokratie
In seinen Grußworten für das 30. Josef-Hindels-Symposiums dankte der ÖGB-Präsident allen, die das Erinnern an Josef Hindels und an seine zentrale Auffassung hochhalten: „Freie Gewerkschaften können nicht ohne Demokratie existieren. Gewerkschaften müssen aus ureigenstem Interesse immer an vorderster Front dabei sein, um allen antidemokratischen Umtrieben und Tendenzen entschieden entgegenzutreten.“
Dieser Text ist ein Überblick des Buchs „Josef Hindels – unbeugsamer Linkssozialist und antifaschistischer Mahner“, erschienen 2025, herausgegeben vom VGA (Verein der Geschichte der Arbeiterbewegung). Autor Wolfgang Greif war Internationaler Sekretär und bis Dezember 2023 Leiter der Bildungsabteilung in der Gewerkschaft GPA. Von 2002 bis 2019 war er Mitglied im Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschuss (EWSA).