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Haus putzen, Geschenke besorgen, Essen kochen - für viele Frauen sind die Weihnachtsfeiertage Freizeit ohne Erholung. Paolese - stock.adobe.com
Gesellschaft

Weihnachten für Frauen: Besinnlich ins Burnout 

Weihnachten ist das Fest der Liebe – und das Fest der unsichtbaren Arbeit, des Stresses, des Kümmerns, auch Mental oder Emotional Load genannt. Eine Belastung, die besonders oft Frauen betrifft, vor allem in Familien mit Kindern.  

Weihnachtsdeko und einen Adventkranz besorgen, das Zuhause schmücken, den Adventkalender befüllen – damit fängt der „Weihnachtsfrieden“, der für viele Frauen der reinste Weihnachtsstress ist, bereits Ende November an. Wenige Tage später kommt der Nikolaus, dann müssen diverse Weihnachtsfeiern in der Arbeit, Kindergarten oder Schule absolviert werden und zuhause soll geputzt und gebacken – und wieder geputzt - werden.  

Wer in den kommenden Tagen Geschenke besorgt, auch für die Schwiegereltern, den Opa und die Tanten dritten Grades, ist klar - in wenigen Wochen wollen schließlich alle glücklich, umsorgt und gesehen sein. Dann, spätestens am 24., muss ein Christbaum aufgeputzt und ein Haufen Packerl darunter drapiert werden, der Duft von Weihnachtsgans alle Familienmitglieder besinnlich und freundlich stimmen – wer die Gans zuvor eingekauft und gekocht hat, das muss man nicht fragen. Am Ende bleibt noch zu hoffen, dass alle zufrieden sind mit ihren Geschenken, weder der Christbaum abbrennt noch die Sternspritzer Löcher in die neue Couch brennen. Und als kleine Zugabe wird am 25. und 26. Dezember noch einmal festlich aufgekocht und zu Punsch und Keksen geladen. Und dann gibt es auch für die Mama ein paar Tage Erholung - bis Silvester.  

Frauen erledigen häufig das Familienmanagement neben all den anderen Aufgaben, die Beruf und Freizeit mit sich bringen.

Korinna Schumann, ÖGB-Vizepräsidentin und Bundesfrauenvorsitzende

Weihnachten wird stillschweigend zur Frauensache erklärt 

Was ein wenig amüsant klingt, bereitet vielen Frauen schon Wochen vor Weihnachten schlaflose Nächte. Denn die Feiertage sind für sie eine Belastungsprobe und keine besinnliche Zeit.   „Diese Belastung wird oft als selbstverständlich betrachtet und bleibt unbeachtet“, sagt Korinna Schumann, Vizepräsidentin und Bundesfrauenvorsitzende des ÖGB und verweist auf den enormen Beitrag der Frauen zur Gesellschaft. Vieles, was in Partnerschaften zwischen Mann und Frau aufgeteilt werden sollte, wird gerade zu Weihnachten stillschweigend zur Frauensache erklärt. „Das Haus putzen, die Schwiegermutter vom Bahnhof abholen, das Weihnachtsessen besorgen, das Essen kochen, die Geschenke besorgen und dazu möglicherweise auch noch einen Job, bei dem am Heiligen Abend bis 14 Uhr gearbeitet wird – das ist nicht zu schaffen“, so Schumann, die kritisiert, dass diese Tätigkeiten – wie auch andere Care-Tätigkeiten – als selbstverständlich hingenommen werden. „Frauen erledigen häufig das Familienmanagement neben all den anderen Aufgaben, die Beruf und Freizeit mit sich bringen“, sagt die Gewerkschafterin.   

Alleinerziehend und armutsgefährdet 

Weihnachten bedeutet aber nicht nur emotionalen, sondern auch finanziellen Stress. Die aktuelle Teuerung trifft Frauen doppelt hart, immerhin sind die Einkommen in von Frauen dominierten Branchen deutlich niedriger. „Das heißt, es ist nicht nur die Arbeit bis kurz vor der Bescherung – wie zum Beispiel im Handel - sondern auch das Gehalt ein großes Thema“, erklärt Schumann und verweist darauf, dass Frauen dementsprechend auch mit finanziellem Druck konfrontiert sind, fallen Geschenke für die Kinder doch kleiner aus, wenn weniger Geld vorhanden ist. „Kinderarmut wird also zum Frauenproblem“, so Schumann. Und Kinder von Alleinerzieherinnen trifft es mit doppelter Härte. Tatsächlich ist fehlender Kindesunterhalt einer der Hauptgründe für Kinderarmut: 36 Prozent der Kinder bekommen nichts, die Mehrheit weniger als den Regelbedarf (Durchschnittsbedarf eines Kindes einer bestimmten Altersstufe). Frauen werden in die Armut gedrängt und damit von der Politik alleingelassen. „Da nützt es auch nichts, wenn man die Kinder zu Weihnachten zum billigen Fast-Food-Burger essen schickt. Hier wären endlich echte Lösungen – nicht Zynismus gegen Frauen und Kinder – gefragt", so Schumann und verweist auf die ÖGB-Forderungen einer gratis Kinderbetreuung, ganztägige Schulformen und eine Unterhaltsgarantie, damit Kinder abgesichert sind, die keinen oder einen sehr geringen Unterhalt bekommen.  

 Von besinnlichen und ruhigen Feiertagen können viele Frauen nur träumen. Für manche klingt das sogar zynisch – denn für sie ist Weihnachten emotionaler und finanzieller Stress pur

Korinna Schumann, ÖGB-Vizepräsidentin und Bundesfrauenvorsitzende

Mama muss mitdenken bis zum Burnout 

Für viele Frauen sind die Weihnachtsfeiertage Freizeit ohne Erholung. Fehlende Erholungsphasen verstärken die Gefahr von psychischem Stress und Überlastung und damit auch von psychischen Erkrankungen bis hin zum Burnout. „Von besinnlichen und ruhigen Feiertagen können viele Frauen nur träumen. Für manche klingt das sogar zynisch – denn für sie ist Weihnachten emotionaler und finanzieller Stress pur“, betont Schumann. Der Begriff Mental Load bedeutet nämlich nicht nur das Übernehmen von Tätigkeiten, sondern auch das ständige Mitdenken, was zu tun ist und das Tragen von Verantwortung – sich also ständig mit organisatorischen Fragen beschäftigen zu müssen. Frauen leisten vier Mal so viel unbezahlte Arbeit wie Männer, darunter Care-Arbeit. Daran ändert sich auch nichts, wenn Mütter ein höheres Gehalt haben als Väter.  

Derzeit sind Eltern gemeinsam rund 60 Stunden in der Woche erwerbstätig, wobei die Aufteilung der bezahlten Arbeitszeit noch nicht zu gleichen Teilen erfolgt. Um eine gleichmäßigere Verteilung zwischen den Elternteilen zu erreichen und den Einkommensverlust insgesamt möglichst gering zu halten, fordern der ÖGB die Umsetzung des Familienarbeitszeitmodells. Das ÖGB-AK-Familienarbeitszeitmodell sieht vor, dass wenn beide Elternteile nach der Karenz ihre Arbeitszeit auf 28 bis 32 Wochenstunden reduzieren bzw. erhöhen und diese „Teilzeit“ mindestens vier Monate andauert, 250 Euro pro Elternteil jeden Monat steuerfrei bis maximal zum 4. Geburtstag ausbezahlt werden. Damit niemand benachteiligt wird, braucht es diese Pauschale auch für Alleinerziehende.   

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Über Mental Load sprechen 

„Es ist dringend notwendig, über die Rollenverteilung und den Mental Load zu sprechen. Kleine Maßnahmen können im Alltag helfen, aber es bedarf auch gesellschaftlicher und vor allem politischer Veränderungen“, so Schumann und fordert einen Rechtsanspruch auf Kinderbetreuung ab dem ersten Geburtstag des Kindes und die Überwindung des Gender Pay Gaps. „Nur dann haben Frauen endlich Wahlfreiheit und die Zeit, um wirklich durchatmen zu können“, sagt ÖGB-Vizepräsidentin Schumann. „Frauen leisten einen enormen Beitrag zur Gesellschaft, der angemessen gewürdigt und endlich neu gedacht und aufgeteilt werden muss – nicht nur zu Weihnachten, sondern das ganze Jahr über.“