Gute Fachkräfte brauchen eine gute Ausbildung - bei vielen Betrieben ist hier noch Luft nach oben Hero Images - stock.adobe.com
Umfrage

Nur zwei von drei Lehrlingen sind mit Bedingungen im Betrieb zufrieden

Fachkräfte von morgen müssen unbezahlte Überstunden und private Arbeiten für den Chef leisten

Eigenes Geld verdienen, als Lehrling einen Beruf erlernen – und dann nach der Ausbildung als Fachkraft durchstarten: Diese Hoffnung vieler Jugendlicher wird enttäuscht - und das bereits in der Ausbildung. Der vierte österreichische Lehrlingsmonitor von Arbeiterkammer, Gewerkschaftsbund und Gewerkschaftsjugend zeigt: Nur zwei von drei Lehrlingen sind mit ihrer Ausbildung im Betrieb zufrieden.

Nicht zwei von drei, sondern 100 Prozent der Lehrlinge 
müssen eine Top-Ausbildung bekommen.

Richard Tiefenbacher, gf. Vorsitzender der Österreichischen Gewerkschaftsjugend (ÖGJ)

„Man könnte sagen, dass ist ein guter Wert. Aber das ist kein Wert, mit dem wir zufrieden sind. Wir wollen, dass 100 Prozent der Lehrlinge eine Top-Ausbildung bekommen”, sagt Richard Tiefenbacher Vorsitzender der Österreichischen Gewerkschaftsjugend (ÖGJ), „denn wer ständig nach guten Fachkräften schreit, muss auch selber Fachkräfte ausbilden”.

6.000 Lehrlinge wurden befragt

Bei gut einem Drittel der Lehrlinge haben die Lehrbetriebe also noch immer Aufholbedarf. Und das Ergebnis hängt stark mit der Branche zusammen, in der die Ausbildung stattfindet. Besondere Unzufriedenheit herrscht bei den Lehrlingen in Tourismus- und Handels-Lehrberufen.

Für den vierten österreichischen Lehrlingsmonitor von Arbeiterkammer, Gewerkschaftsbund und Gewerkschaftsjugend wurden insgesamt 6.002 Lehrlinge quer durch alle Branchen in ganz Österreich befragt. Das Österreichische Institut für Berufsbildungsforschung (öibf) hat dafür die Angaben von gut 4.100 Lehrlingen im letzten Lehrjahr und von knapp 2.000 Lehrlingen in der Anfangsphase ausgewertet. Die Befragung lief von November 2020 bis Mai 2021, also mitten in der Corona-Krise.

Qualität in der Ausbildung ausbaufähig

„Anstreichen von Küchenmöbeln des Chefs, Gassi gehen oder private Autos putzen – sind keine Dinge, die zur Ausbildung egal welchen Berufes gehören sollten", sagt der ÖGJ-Vorsitzende. Trotzdem müssen 18 Prozent der Lehrlinge solche und ähnliche ausbildungsfremde Tätigkeiten verrichten. Von allen Befragten sagen außerdem drei Viertel, für sie gäbe es keine regelmäßige Dokumentation der Ausbildung und niemand reflektiert mit ihnen den Ausbildungsfortschritt. Um einheitlich gute Qualität in der Ausbildung für alle Lehrlinge zu erreichen, ist also noch viel Luft nach oben. 

Quelle: öibf – Österreichisches Institut für Berufsbildungsforschung

Anstreichen von Küchenmöbeln des Chefs, Gassi gehen oder private Autos putzen – sind keine Dinge, die zur Ausbildung egal welchen Berufes gehören sollten.

Richard Tiefenbacher, gf. Voristzender der ÖGJ

Ein Drittel der Lehrlinge muss Überstunden machen

Im Vergleich zum letzten Lehrlingsmonitor 2019 hat sich auch bei den Überstunden von Lehrlingen nichts geändert. Weiterhin muss fast ein Drittel (29 Prozent) Überstunden machen, wobei nur 73 Prozent diese abgegolten bekommen und teilweise werden Lehrlinge dazu gezwungen – für unter 16-Jährige sind Überstunden jedenfalls verboten, für unter 18-Jährige nur eingeschränkt erlaubt. Trotzdem zeigt der Lehrlingsmonitor, dass unter 18-Jährige im selben Ausmaß Überstunden leisten müssen, wie über 18-Jährige.

Ein Viertel der Lehrlinge würde sich nicht noch einmal für den gleichen Beruf entscheiden

Mehr als ein Drittel (36 Prozent) fühlt sich nicht ausreichend vorbereitet, um als Fachkraft in einem anderen Betrieb als dem Lehrbetrieb zu arbeiten. Überdurchschnittlich stark haben Lehrlinge dieses Gefühl in den Berufen Koch/Köchin, ElektrotechnikerIn, FriseurIn, Gastronomiefachfrau/mann und MalerIn/BeschichtungstechnikerIn.

Insgesamt würde sich ein Viertel der Lehrlinge (25 Prozent) nicht noch einmal für denselben Beruf entscheiden. Ein Drittel (33 Prozent) würde sich auch nicht wieder für denselben Betrieb entscheiden. Die Zustimmung zum Verbleib im erlernten Lehrberuf ist mit 76 Prozent höher als zum Verbleib im Betrieb (68 Prozent).

Bemerkenswert ist auch der Rückgang der Bereitschaft, sich noch einmal für dieselbe Ausbildung im selben Betrieb zu entscheiden, wobei die Bereitschaft mit Ende der Ausbildung noch einmal sinkt.

Quelle: öibf – Österreichisches Institut für Berufsbildungsforschung

Nicht einmal die Hälfte in Corona-Kurzarbeit vollständig ausgebildet

Knapp ein Fünftel der Lehrlinge war in Corona-Kurzarbeit – von ihnen sagte aber nicht einmal die Hälfte, dass sie in dieser Zeit vollständig ausgebildet wurden. Überproportional hoch ist dieser Anteil in den Lehrberufsgruppen Tourismus/Gastgewerbe/Hotellerie, Körperpflege/Schönheit und Büro/Handel/Finanzen.

Quelle: öibf – Österreichisches Institut für Berufsbildungsforschung

Lehrlinge haben einen Anspruch auf Ausbildung -
auch in der Corona-Kurzarbeit.

Richard Tiefenbacher, gf. Voristzender der ÖGJ

Drei Punkte für eine bessere Lehrausbildung

Für den ÖGB steht fest: Wer Fachkräfte will, muss Fachkräfte ausbilden. Gut vorbereitet auf die Lehrabschlussprüfung und ein Berufsleben als Fachkraft ist, wer als Lehrling umfassend praxisnah ausgebildet wurde. Weil aber ein Teil der Unternehmen säumig ist, fordern ÖGB, Arbeiterkammer und Gewerkschaftsjugend:

 

  • Verpflichtende Kompetenzchecks, um den Ausbildungsstand festzustellen, am besten zur Mitte der Lehrzeit. 
  • Gut qualifizierte AusbilderInnen, die immer wieder an verpflichtenden Weiterbildungen teilnehmen müssen. 
  • Eine Fachkräftemilliarde: Damit sollen Betriebe unterstützt werden, die Lehrlinge ausbilden; gleichzeitig sollen Betriebe, die nicht ausbilden wollen, Strafzahlungen leisten.

 

Mehr Information auch auf: www.lehrlingsmonitor.at und in der Podcastfolge "Lehrlinge im Jahr 2021: Ausgebeutet und frustriert" von Nachgehört / Vorgedacht.