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Armut trifft die Mittelschicht
Die Teuerungen bei Energie, Lebensmitteln, Wohnen und Mobilität werden für viele Menschen in Österreich zum existenziellen Problem. Die Angst vor der Armut ist real. gelmold - stock.adobe.com
Teuerungswelle

Armut – die große Gefahr

Die explodierenden Kosten treffen uns mit voller Härte. Neun von zehn Personen schränken sich im Alltag ein, jeder 8. Haushalt kann die Fixkosten nicht mehr decken

An der Supermarktkasse und der Zapfsäule kann man nur mehr staunen, beim Öffnen der Stromrechnung wird einem ganz anders, von einer größeren Wohnung können die meisten nicht mal mehr träumen.

Genau hier, bei Lebensmitteln, Energie, Wohnen und Mobilität haben die Preise empfindlich angezogen. Für viele Menschen in Österreich wird das zum existenziellen Problem. Die Angst vor der Armut ist real.

1,5 Millionen Menschen sind armutsgefährdet

Laut einer Durchblicker-Umfrage aus dem April schränken sich neun von zehn Personen schon im Alltag ein. Bereits 2020, also noch vor der aktuellen Teuerungswelle, waren rund 1,5 Millionen Menschen in Österreich armuts- oder ausgrenzungsgefährdet. Das entspricht 17,5 Prozent der Gesamtbevölkerung. Diese Zahl steigt, und dahinter befinden sich Tausende Schicksale. Lösungen für die Krise gibt es zahlreiche.

Die Vorschläge des ÖGB liegen seit Monaten auf dem Tisch. Energiepreisdeckel, Streichung der Mehrwertsteuer auf Lebensmittel, Mietenstopp, längst überfällige Inflationsanpassungen bei Familienbeihilfe, Kinderbetreuungsgeld und Arbeitslosengeld sind nur einige Möglichkeiten, die auf Umsetzung warten.

Kinder und Frauen verlieren

2021 waren 368.000 Kinder und Jugendliche armuts- und ausgrenzungsgefährdet. Das sind 18.000 Kinder mehr als im Jahr davor. Die sozialen Auswirkungen der aktuellen Teuerung sind in diesen Zahlen noch nicht abgebildet.

Und auch für Frauen ist die Situation alles andere als rosig: In Österreich bekommen sie 42 Prozent weniger Pension als Männer. 48 Prozent der Frauen in Österreich sind aktuell unselbständig teilzeitbeschäftigt. Frauen arbeiten zudem oft in Branchen, in denen die Löhne und Gehälter gering sind und gar keine Vollzeitstellen angeboten werden. Damit sinkt langfristig auch ihre Pensionshöhe – gleichzeitig steigt die Altersarmut.

Maßnahmen wie die Anhebung des Mindestlohns auf 1.700 Euro oder die Streichung der Mehrwertsteuer auf Lebensmittel und Hygieneprodukte wären wichtige Schritte, um Frauen zu helfen.

Wie die Teuerungswelle das Leben dieser drei Frauen verändert hat, liest du HIER

Armutsfalle Arbeitslosigkeit

Laut einer Studie der Wirtschaftsuniversität Wien hat sich auch die Lage von arbeitssuchenden Personen deutlich verschlechtert. So sind bereits 17 Prozent der Menschen, die bis zu fünf Monate arbeitslos sind, von Armut gefährdet.

Ab einem Jahr Arbeitslosigkeit beziehen schon 57 Prozent der Arbeitslosen ein Ein-kommen unterhalb der Armutsgefährdungsschwelle. Bei einem 1-Personen-Haushalt lag diese im Jahr 2021 bei 1.371 Euro. Mit durchschnittlich 1.056 Euro liegt das Arbeitslosengeld (2021: Tagsatz von 35,20 Euro) deutlich darunter.

Das Arbeitslosengeld liegt unter der Armutsgefährdungsschwelle
ÖGB/Zerbes

Der Grund für die hohe Armutsgefährdung bei Arbeitslosen ist das in Österreich viel zu geringe Arbeitslosengeld. Der ÖGB fordert schon lange eine Erhöhung der Nettoersatzrate auf 70 Prozent. Gerade jetzt könnte das Existenzen retten.

Gefälle zwischen Stadt und Land

Ein Blick auf die Unterschiede zwischen Stadt und Land zeigt: Wer in ländlichen Regionen wohnt, hat besonders hohe Ausgaben für den Pkw-Verkehr. In Gemeinden mit bis zu 10.000 EinwohnerInnen kostet ein Auto laut Statistik Austria im Schnitt 545 Euro pro Monat – und das noch vor Einberechnung der erhöhten Spritpreise. Im Vergleich dazu: WienerInnen zahlten für ihren Pkw vor der Teuerung nur 271 Euro. Während StädterInnen auf gute öffentliche Verkehrsnetze zurückgreifen können, bleibt am Land oft keine andere Möglichkeit als die Fortbewegung mit dem Auto.

In der Stadt sind dafür mehr Menschen mit einem anderen Problem konfrontiert: Gasheizungen in Mietwohnungen. Die Preise sind auch hier empfindlich gestiegen, ohne dass MieterInnen das Heizsystem mit-bestimmen können. Eine Aufteilung der CO2-Bepreisung zwischen VermieterInnen und MieterInnen wäre dringend notwendig. Denn VermieterInnen haben kaum einen Anreiz, alte, umweltschädliche und teure Heizsysteme zu tauschen, wenn ohnehin die MieterInnen die ganzen Mehrkosten bezahlen müssen.

Das Geld ist da, Armut muss nicht sein

Wo auch immer man hinschaut, die Lage ist ernst: Der Großteil der Bevölkerung spürt den Preisdruck bereits jetzt von allen Seiten. Wenn nicht sofort etwas passiert, werden spätestens im kommenden Winter viele Menschen, allen voran Frauen, Kinder und armutsgefährdete Personen, in ungeheizten Wohnungen sitzen und sich kaum mehr das Nötigste zum Leben leisten können. Eine Situation, die in einem reichen Land wie Österreich inakzeptabel ist. Die Preise müssen runter, in allen Bereichen. Das Geld dafür ist vorhanden, es ist höchste Zeit, dass es zielgerichtet an die betroffenen Menschen geht.

„Uns reicht’s!” sagte ÖGB-Präsident Wolfgang Katzian am Wiener Karlsplatz vor 20.000 Menschen. Österreichweit gingen mehr als 32.600 DemonstrantInnen auf die Straße, um den explodierenden Kosten und der Untätigkeit der Politik den Kampf anzusagen.

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