ÖGB-Präsident Anton Benya an der Werkbank Manfred Klimek/ÖGB
Gewerkschaftsgeschichte

Der „Betriebsrat der Nation” – Anton Benya 

 Vom Arbeiterkind zum ÖGB-Präsidenten 

„Ich habe meine Arbeit immer mit Freude geleistet, ganz gleich, wo ich gestanden bin, an der Werkbank, als Betriebsrat, als Sekretär im ÖGB, als Vorsitzender der Metall- und Bergarbeiter, als Präsident des ÖGB oder als Präsident des Nationalrats,“ sagte Anton Benya anlässlich seiner Pensionierung im Jahr 1987. 

Er selbst hätte niemals erwartet, die Stellung des „Vertrauensmanns der Gewerkschaft“ und des „Betriebsrats der Nation“ so lange innezuhaben. Den Grundstein dafür legte er schon in den späten 1920er Jahren als Lehrlingsvertrauensmann.   

Von der Gasse an die Werkbank  

Anton Benya wurde am 8. Oktober 1912 in eine Wiener Arbeiterfamilie hineingeboren. Die fünfköpfige Familie lebte in einer kleinen Wohnung, Wasser gab es nur am Gang und das Geld war stets knapp. Auf der Gasse lernte er, zu überleben, in der Schule, was Solidarität bedeutet, und als Elektromechanikerlehrling in einem zu hundert Prozent gewerkschaftlich organisierten Betrieb gewerkschaftlichen Zusammenhalt.  

Er trat der Lehrlingssektion des Metallarbeiterverbandes bei und wurde Lehrlingsvertrauensmann im Betrieb. Nach seinem Lehrabschluss verlor er in der Wirtschafskrise der Zwischenkriegszeit seinen Arbeitsplatz. Nach einigen Monaten Arbeitslosigkeit fand er Beschäftigung in der Firma Ingelen, wo er am 21. Dezember 1933 zum Betriebsrat gewählt wurde.  Er war erst 21 Jahre alt.  

Austrofaschisten erschießen sozialdemokratische Kämpfer (Februar 1934) ÖGB

„Keine wilden Aktionen” im Februar 1934  

Seine Tätigkeit als Betriebsrat nahm der junge Benya in schwierigen Zeiten auf. Die Austrofaschisten hatten im März 1933 die Geschäftsordnungskrise ausgenutzt, um das Parlament auszuschalten. Knapp ein Jahr später, am 9. Februar 1934, nahm Benya an einer Betriebsräteversammlung teil, bei der die Vorgehensweise gegen die autoritäre Regierung besprochen wurde.

Der Beschluss lautete: „keine wilden Aktionen“. Streiks müssten zentral geführt werden und die Arbeit dürfe nur niedergelegt werden, wenn dezidiert dazu aufgerufen würde. Gekommen ist es ganz anders: Am 12. Februar 1934 griffen ArbeiterInnen zu den Waffen, die Regierung antwortete mit dem Bundesheer und mit gut bewaffneten Polizisten.   

Benya im Gefängnis   

Benya ging am 12. Februar 1934 zum Treffpunkt des sozialdemokratischen Wehrbundes, dem Republikanischen Schutzbund, und erfuhr, dass die Polizei die Waffenlager abgeriegelt hatte, somit war jegliche Gegenwehr unmöglich. Am 17. Februar 1934 endeten die Kämpfe. Die Gewinner, das faschistische Regime, griffen hart durch: Die freien Gewerkschaften wurden aufgelöst und deren Vermögen wurde konfisziert, 21 Anführer wurden hingerichtet und tausende verhaftet – auch Anton Benya.

Der Vorwurf lautete, als Mitglied des Republikanischen Schutzbundes hätte er an den Februarkämpfen teilgenommen. Er blieb bis 5. April 1934 in Haft. Da war schon die Verordnung in Kraft, die alle sozialdemokratischen BetriebsrätInnen ihrer Mandate enthob – so auch Benya.   

Wählt zu Betriebsvertrauensmännern nur solche Kollegen, die ihrer freigewerkschaftlichen Gesinnung treu geblieben sind und mit uns für die Freiheitsrechte der Arbeiter kämpfen.

Wahlspruch der illegalen freien Gewerkschaften (1934-1938)

Freiheitsrechte der ArbeiterInnen  

Kaum aus dem Gefängnis entlassen, schloss er sich der nun illegal agierenden freien Gewerkschaft und deren „unversöhnliche Kampf gegen den Faschismus“ an. Die Bewegung erreichte, dass im Jahr 1936 Betriebsratswahlen durchgeführt wurden. Es waren keine freien Wahlen, die KandidatInnen wurden im Einvernehmen mit der austrofaschistischen Partei „Vaterländische Front“ ausgewählt und mussten Mitglied in der ständestaatlich organisierten Einheitsgewerkschaft sein.   

Die Parole der illegalen Gewerkschaften lautete: „Wählt zu Betriebsvertrauensmännern nur solche Kollegen, die ihrer freigewerkschaftlichen Gesinnung treu geblieben sind und mit uns für die Freiheitsrechte der Arbeiter kämpfen.“ Einer der gewählten Betriebsräte war Anton Benya. Er konnte den ArbeiterInnen bei Ingelen allerdings nur wenige Wochen zur Seite stehen, denn am 9. Februar 1937 wurde er abermals verhaftet.

Die Anklage lautete diesmal auf Hochverrat. Der Tatbestand war, dass er Mitgliedsbeiträge für die illegalen freien Gewerkschaften eingesammelt hatte. Das Verfahren wurde drei Wochen vor Hiltlers Einmarsch in Österreich eingestellt. Benya kam am 18. Februar 1938 frei.   

Widerstand  

Anfang April 1938 musste Benya zusehen, wie viele Gewerkschafter abermals verhaftet und von den Nationalsozialisten in Konzentrationslager deportiert wurden. Er fand wieder Arbeit bei Ingelen und wurde als unabkömmlich eingestuft, er konnte also nicht in die Wehrmacht eingezogen werden.

Die Nationalsozialisten boten ihm die Belegschaftsvertretung im Betrieb an. Er weigerte sich, mit den Nazis zusammenzuarbeiten und war somit das erste Mal in seinem Erwerbsleben kein Betriebsrat.  

Anton Benya an der Werkbank der Fa. Ingelen (Kriegsjahre) ÖGB

Kriegsende  

Während des Krieges wurden Teile der Firma nach Tirol verlegt und Benya musste seinen Wohnort wechseln. Nach Kriegsende schlug er sich mit einigen Kollegen über die Zonengrenzen bis nach Wien durch: Die Firma Ingelen stand noch und die alten KollegInnen begrüßten Benya mit dem Satz: „Anton, mit der Betriebsratswahl haben wir auf deine Rückkehr gewartet.“ Er wurde abermals zum Betriebsratsobmann gewählt.   

ÖGB

Ich war damals ein forscher Betriebsrat, dem das Tempo, mit dem die gewerkschaftlichen Forderungen erfüllt wurden, natürlich viel zu langsam war.

Anton Benya

Der forsche Betriebsrat  

Die Zeiten waren hart, Strom und Gas fielen immer wieder aus, es gab kaum Lebensmittel, Kleidung oder Heizmaterial, und nur wer Geld oder Tauschwaren hatte, konnte am Schwarzmarkt einkaufen. „Ich war damals ein forscher Betriebsrat, dem das Tempo, mit dem die gewerkschaftlichen Forderungen erfüllt wurden, natürlich viel zu langsam war,“ schrieb Benya in seinem Buch „Mein Weg“.    

Zentralvorstand der Gewerkschaft Metall und Bergbau (1949) PRO-GE

Stein um Stein   

Der damalige Obmann der Metallarbeiter und Sozialminister Karl Maisel sagte zu Benya: „Wenn es dir zu langsam geht, dann gehe in den ÖGB und schaue, dass dort die Dinge richtig gemacht werden!“ Benya wechselte am 1. Mai 1948 hauptberuflich als Sekretär in den Gewerkschaftsbund.

Im Unterschied zu anderen nehme ich einmal da einen Stein aus der Mauer, einmal einen dort. Und wenn ich dann dagegen anrenne, dann fällt sie.

Anton Benya

Schnell erlebte er, dass es nicht leicht war, Gewerkschaftsforderungen durchzusetzen, aber er war ein guter Verhandler. Sein Geheimnis verriet er in einem Interview mit dem Kurier im Jahr 1987: „Im Unterschied zu anderen nehme ich einmal da einen Stein aus der Mauer, einmal einen dort. Und wenn ich dann dagegen anrenne, dann fällt sie.“    

Benya-Formel  

Diese Taktik wandte er in allen seinen Funktionen an, auch als Obmann der Gewerkschaft der Metall- und Bergarbeiter (1959-1977). Im Jahr 1962 stockten die Kollektivvertragsverhandlungen. Rund 210.000 ArbeiterInnen streikten für die Abschaffung der Frauenlöhne in den Kollektivverträgen und waren damit erfolgreich. Benya war aber trotzdem kein Freund von Streiks. Er verhandelte die Kollektivvertragslöhne lieber auf Basis der so genannten Benya-Formel aus:  

Lohnerhöhung = Inflation + (Produktionszuwachs: zwei)  

Anton Benya spricht bei Jugendkongress (1963) Kammler/ÖGB-Archiv

„Betriebsrat der Nation” 

Am 5. Gewerkschaftskongress 1963 wählten die Delegierten Benya zum ÖGB-Präsidenten. 24 Jahre lang stand er an der Spitze der Gewerkschaftsbewegung, zwischen 1971 und 1986 war er auch noch Erster Präsident des Nationalrats, jetzt war er der „Betriebsrat der Nation“ oder, wie eine Zeitschrift schrieb, der „Steuermann, der das Staatsschiff mit großer Erfahrung lenke“.  

Keine Ho-ruck-Politik, keine Blitzsiege, keine Niederwerfung des Gegners, sondern langsame, systematische Anpassung, Schritt für Schritt.

Anton Benya

Die Richtung war klar: Arbeitszeitverkürzung, Vollbeschäftigung, Fachkräftequalifizierung, Humanisierung der Arbeitswelt, bessere Arbeitsbedingungen und mehr Mitspracherecht im Betrieb. Er selbst beschrieb seine Politik so: „Keine Ho-ruck-Politik, keine Blitzsiege, keine Niederwerfung des Gegners, sondern langsame, systematische Anpassung, Schritt für Schritt.“   

ÖGB-Präsident Anton Benya bei seiner Abschiedsrede am ÖGB-Bundeskongress (1987) ÖGB

Der Abschied  

Am 11. ÖGB-Bundeskongress 1987 trat Anton Benya als ÖGB-Präsident ab. In seiner Abschiedsrede sagte er: „Bleiben wir, wie wir sind, Menschen mit Fehlern, Menschen mit Vorzügen, alle miteinander Gewerkschafter, die im Dienst der Arbeiterbewegung stehen.“ Er blieb der Gewerkschaftsbewegung auch nach seiner Pensionierung verbunden, nahm an Sitzungen und Veranstaltungen teil.

Seine letzte Rede hielt er am 5. Juli 2001 am Wiener Heldenplatz bei einer ÖGB-Demonstration – als er nämlich sein Lebenswerk bedroht sah.   

Anton Benya spricht bei der Demonstration für Demokratie (2001) Ulrich/ÖGB

Wir kommen wieder! 

Rund 50.000 Menschen protestierten gegen die von der schwarz-blauen Regierung geplante Pensionsreform und gegen das Ende der Selbstbestimmung der Versicherten in den Krankenkassen. Benya erinnerte in seiner Rede: „Das, was jetzt getan wird, hat sich schon vor 70 Jahren ereignet (Anm.: Er bezog sich auf den Austrofaschismus). Es wurde Nacht über Österreich. Damals haben wir gesagt, wir kommen wieder. Und wir sind wieder gekommen. Heute gilt wie damals: Wir kommen wieder.“    

Sein letzter Weg 

Am 5. Dezember 2001 starb der „Betriebsrat der Nation“ Anton Benya. Er hat seine Wurzeln als Arbeiter und als Betriebsrat nie vergessen und während all seiner Funktionen Handschlagqualtität bewiesen. Anton Benyas Name ist auf immer mit der österreichischen Gewerkschaftsbewegung verbunden.   

Errungenschaften in der Ära Anton Benya (eine Auswahl)  

1964 Generalkollektivvertrag über Verlängerung des Mindesturlaubs von zwei auf drei Wochen  
1966 Neuordnung der Verstaatlichten Industrie  
1967 Bundespersonalvertretungsgesetz  
1968  Arbeitsmarktförderungsgesetz  
1969 Generalkollektivvertrag für eine schrittweise Einführung der 40-Stunden-Woche  
1969 Berufsausbildungsgesetz  
1971 Arbeiterurlaubsgesetz bringt teilweise Angleichung an Angestellte  
1971 Jugendvertrauensrätegesetz  
1972 Arbeitnehmerschutzgesetz  
1974Arbeitsverfassungsgesetz, Entgeltfortzahlungsgesetz für ArbeiterInnen  
1975 Einbeziehung der teilzeitbeschäftigten ArbeitnehmerInnen in den Schutz           des   Angestelltengesetzes  
1976 Vereinheitlichung des Urlaubsrechts, Einführung der Pflegefreistellung   
1977 Verlängerung des Mindesturlaubs auf vier Wochen  
1977 Insolvenz-Entgeltsicherungsgesetz  
1979 Arbeiterabfertigungsgesetz und Gleichbehandlungsgesetz   
1981 Nachtschichtschwerarbeitsgesetz  
1983 Etappenweise Verlängerung des Mindesturlaubs von vier auf fünf     
         Wochen  
1984 Arbeitsruhegesetz  
1985 1. Kollektivvertrag zur 38-Stunden Woche  

Weiterführende Literatur:   

Pellar Brigitte, „Mein Weg“, Lebenserinnerungen eines Gewerkschafters und Demokraten  
Scherr Friederike, Sein Weg 100 Jahre Anton Benya (Download)   
Kienzl Heinz, Starke Herbert (Hg.), Anton Benya und der Austrosozialismus  
Douschan Liselotte, Anton Benya, Österreichischer Gewerkschafts- und Nationalratspräsident Namensgebungen zur Erinnerung an Anton Benya 

Anton-Benya-Park, 1040 Wien    
Anton-Benya-Straße in Vösendorf, in Ebergassing, in St. Pölten und in Brunn am Gebirge  
Anton-Benya-Stiftungsfonds zur Förderung der Facharbeit  
Anton Benya Haus (Geriatrisches Tageszentrum in Wien 12)  

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