Zdravko Spajic
Gewerkschaftsgeschichte

„Warst du bei Spajić?"

41 Jahre lang war das eine Standard-Frage unter MigrantInnen. Gemeint war damit Zdravko Spajić – Dolmetscher, Berater und Fachkraft für eh alles im ÖGB.

Als der Berater für arbeits- und sozialrechtliche Fragen für MigrantInnen aus dem ehemaligen Jugoslawien in Pension ging, übergab er dem Wien Museum sechs Mappen voller Visitenkarten; dem Archiv der sozialen Bewegungen eine Schachtel mit Fotos, Briefen, Zeitungsausschnitten, Listen mit Schach- und Fußballergebnissen, Papieren und Urkunden. Mit oegb.at sprach er über seine Ankunft in Wien, seine Arbeit und den Schwarzhandel mit seinen Visitenkarten.

Gesammeltes aus der Karriere von Zdravko Spajic

Seit den ersten Tagen im 19. Jahrhundert war die Gewerkschaftsbewegung multikulturell. Gewerkschaftszeitungen erschienen in mehreren Sprachen, Reden zum Ersten Mai und zu Frauentagen wurden simultan übersetzt. Österreich war schon zu Zeiten der Monarchie ein Einwanderungsland, im Handel, in den Büros, der Verwaltung oder den Produktionsbetrieben wurden verschiedene Sprachen gesprochen. Der ÖGB erkannte dies und stellte bald muttersprachliche BeraterInnen ein.

Das Gastarbeiterleben

Einer der ZuwandererInnen war Zdravko Spajić aus Banja Luka im heutigen Bosnien und Herzegowina. Der ausgebildete Labortechniker kam im Jahr 1970 mit 1.000 Schilling und zwei Hemden in Wien an. Er fand Arbeit im Lager bei Semperit, schupfte täglich 1.500 Pakete voller Schuhsohlen für einen Stundenlohn von umgerechnet einem Euro und wurde Gewerkschaftsmitglied.

In den ersten Jahren teilte er sich ein Zimmer in einer Baracke – WC, Heizung, fließendes Wasser oder Küche gab es nicht. Im Jahr 1972 „machte er einen Riesenfortschritt“, wie er selbst sagt: Spajić zog in eine Einzimmerwohnung mit Klo am Gang. Zum Duschen ging er am Samstag ins Theresienbad. Am Sonntag fuhr er eineinhalb Stunden mit der Straßenbahn zur Oper, dort verkaufte ein Zeitungsstand jugoslawische Zeitungen.

Mit Hilfe der Bezirksvorstehung und der Arbeiterkammer gründeten er und seine Kollegen den Klub Mladost (Jugend). „Ich war Mädchen für alles“, erzählt Spajić. Im Klub gab es Disco-Abende, Tischtennis- und Schachturniere, Karate- und Deutschkurse und natürlich auch ein eigenes Fußballteam.

„Warst du bei Spajić?“

Im Jahr 1974 suchte der ÖGB einen mehrsprachigen Mitarbeiter für die Beratung von MigrantInnen aus dem damaligen Jugoslawien. Zdravko bekam den Job und arbeitete anfangs 20 Stunden bei Semperit und 20 Stunden beim ÖGB. Aber bald zog er im fünften Stock des damaligen Gewerkschaftssitzes in der Hohenstaufengasse als Vollzeitmitarbeiter in sein Büro ein. Zu Beginn war es nicht leicht. Die jugoslawische Botschaft warf ihm Staatsverrat vor, einige ÖGB-MitarbeiterInnen hingegen Spionage für den kommunistischen Staat.  

Das hielt jedoch die Ratsuchenden nicht davon ab, vor seiner Bürotür auf ihren Termin zu warten. Grob gerechnet beriet er in 41 Jahren rund 49.200 Personen zu Themen wie fehlender Lohn, fehlendes Weihnachts- und Urlaubsgeld, Abfertigung, Pension und vieles mehr. „Warst du bei Spajić?“, wurde bald zum geflügelten Wort, wenn jemand Hilfe brauchte – auch bei Problemen außerhalb von Arbeits- und Sozialrecht, wie etwa beim Ausfüllen von Formularen, bei Aufenthaltsgenehmigungen, bei der Familiennachholung oder der Wohnungssuche.  

Damit war es aber nicht getan. Zdravko unterrichtete zweimal die Woche Deutsch und leistete damit Pionierarbeit: Die meisten MigrantInnen hatten noch nie etwas von einem Kollektivvertrag gehört. Er brachte Klagen beim Arbeits- und Sozialgericht ein, übersetzte bei Sprechstunden in den Gewerkschaften, Seminaren und Betriebsversammlungen. Er übersetzte ÖGB-Skripten, Reden von Betriebsratsvorsitzenden, Betriebsvereinbarungen, Wahlplakate und sogar Betriebszeitungen. Nach dem Jugoslawienkrieg arbeitete er mit dem Internationalen Referat und der PRO-GE gemeinsam mit den neuen Gewerkschaften in den Teilstaaten am Aufbau ihrer Organisationen.  

 „Ich gehe zufrieden in Pension“, sagt Zdravko Spajić - und das kann er auch. War doch sein Ratschlag so gefragt, dass seine Visitenkarten für zehn Schilling verkauft wurden.  
 

Wichtige Links 

Muttersprachliche Beratung im ÖGB

UNDOK:  
Anlaufstelle zur gewerkschaftlichen Unterstützung undokumentiert Arbeitender