ÖGJ
Gewerkschaftsgeschichte

Jüdische GewerkschafterInnen

Eine bisher ungeschriebene Geschichte

Das Institut für historische Sozialforschung (IHSF) beschäftigt sich seit einiger Zeit mit der bisher ungeschriebenen Geschichte der jüdischen Gewerkschaftsmitglieder. Dies nahm das ÖGB-Archiv zum Anlass, gemeinsam mit dem Historiker und Autor Dieter J. Hecht von der Akademie der Wissenschaft in den ÖGB-Beständen nach jüdischen GewerkschafterInnen zu suchen: nach mutigen und standhaften Menschen, von denen viele Opfer der unmenschlichen Rassenpolitik der Nationalsozialisten wurden. Unzählige wurden verhaftet, in Konzentrationslager deportiert und ermordet. Viele mussten oder konnten flüchten. Andere schlossen sich den Partisanen an. Ein erster Überblick.  

Jüdische Frauen in der ArbeiterInnenbewegung

Jüdische Frauen waren in der ArbeiterInnenbewegung aktiv – als Gewerkschaftsmitglieder, als Funktionärinnen oder als Frauenrechtskämpferinnen. Bisher hat nur kaum jemand deren Biografien nachgezeichnet. Bekannt sind dennoch einige: etwa die der Frauenrechtskämpferin Therese Schlesinger und der Gründerin der AK-Frauensektion, Käthe Leichter.  

Vom Mitglied des Vorstands der AK-Frauensektion, der Versicherungsangestellten und Gewerkschafterin Mathilde Eisler, ist hingegen wenig bekannt. Dabei setzte sie sich 1910 für den Verein der Heimarbeiterinnen ein, initiierte 1913 in der Gewerkschaft „Verein der Versicherungsangestellten Österreichs“ eine Sektion für Frauen und Mädchen und war Mitglied im Frauenreichskomitee, dass das Frauenwahlrecht forderte. Bis zu ihrer Pensionierung engagierte sie sich in Frauenorganisationen und schrieb zahlreiche Artikel für die Arbeiterinnenzeitung und ähnlichen Publikationen. 

Käthe Leichter wurde im Jahr 1942 in der NS-Tötungsanstalt Bernburg ermordet, Mathilde Eislers Todesdatum ist nicht bekannt, aber sie starb im Ghetto in Łódź (Polen), und Therese Schlesinger gelang die Flucht nach Frankreich. Sie verschied im Jahr 1940 in einem Sanatorium in Blois.  

Jüdische Gewerkschafter 

Die Biografien der jüdischen Männern in der Gewerkschaft sind besser erforscht. Sie geben Einblick in ihre Gewerkschaftstätigkeit vor und – falls sie den Naziterror überlebten – nach Kriegsende im Jahr 1945.  

Walter Stern erlebte die ersten Jahre der NS-Zeit in Wien. Seine Jugend war voller Demütigungen und Angst. Nationalsozialisten wollten nicht mehr mit ihm Fußball spielen, er musste die Schule verlassen und in eine „Judenschule“ wechseln, er hörte von FreundInnen, die in Konzentrationslager deportiert wurden. Die Hitler-Jugend machte Jagd auf ihn und verprügelte ihn. Seine Eltern schickten ihn nach Palästina, um ihn in Sicherheit zu wissen. Er kehrte nach Kriegsende zurück nach Wien und wurde Betriebsratsobmann. 

Seine Geschichte ist jetzt im Podcast „Widerstand leisten!“ nachzuhören.

Im Korridor gestorben – Karl Pick 

Wohl eines der ersten Opfer der Nationalsozialisten war der Obmann des Vereins kaufmännischer Angestellter (heute Gewerkschaft gpa), Karl Pick. Der geschickte Redner organisierte Versammlungen, Demonstrationen, Massenspaziergänge und ließ hunderttausende Streuzettel verteilen, um den Forderungen nach der Sonntagsruhe und einem Ladenschlussgesetz Nachdruck zu verleihen und schließlich auch durchzusetzen.  

Als Nationalrat in der Ersten Republik setzte er sich für die Verabschiedung des Angestelltengesetzes (1921) und des Angestelltenversicherungsgesetzes (1926) ein sowie für die Errichtung eines Sanatoriums, einer Frauenklinik und einer Lungenheilstätte.  

Nach dem sogenannten „Anschluss“ im März 1938 zog sich Pick einen Hüftbruch zu und wurde in das von ihm mitbegründete Kaufmännische Spital eingeliefert – allerdings stand ihm als Jude kein Zimmer zu – er verstarb am Gang.  

In Konzentrationslagern ermordete jüdische Gewerkschafter

Die Liste der von Nationalsozialisten ermordeten GewerkschafterInnen ist lang. Darunter waren etwa der Vorkämpfer für das Angestelltenrecht und den Mieterschutz, Julius Bermann. Der Mitbegründer der Union der Metallarbeiter und Sekretär sowie Obmann der Metallarbeitergewerkschaft, Heinrich Beer. Er hatte sich vor allem für die Abschaffung des Arbeitsbuchs und für eine Arbeitszeitverkürzung eingesetzt.  

Falsche Anklage – Julius Weiß 

Der Verbandsobmann der Gewerkschaft der chemischen Arbeiter, Julius Weiß, ging nach den Februarkämpfen 1934 in den Widerstand. Er wurde gemeinsam mit anderen Gewerkschaftern am 19. Oktober 1938 verhaftet. Ihnen wurde vorgeworfen, „im Interesse der RS (Anm.: Revolutionären Sozialisten) bzw. der marxistischen Gewerkschaften Nachrichten politischen bzw. gewerkschaftlichen Inhalts zwecks Weitergabe an ausländische Stellen durch Viktor Stein vermittelt zu haben.“ Dass der Jude Viktor Stein damals schon in Haft war, wurde nicht beachtet. Weiß starb am 29. Oktober 1939 im Konzentrationslager Buchenwald

Freigesprochen, verhaftet, ermordet – Viktor Stein

Viktor Stein war Redakteur der Wochenzeitung „Der Metallarbeiter“, Mitarbeiter bei der Zeitschrift „Arbeit & Wirtschaft“, beliebter Redner und Lehrer an der Arbeiterhochschule, Mitglied des Wiener Gemeinderats sowie des Nationalrats, wo er sich vor allem für Sozial- und Arbeitsrecht einsetzte.  

Im Jahr 1938 wurde er verhaftet und wegen Hochverrats angeklagt. Nach 15 Monaten Haft fand der Prozess statt und er wurde freigesprochen. Aber vor dem Landesgericht Wien wartete die Gestapo, die ihn festnahm. Im Dezember 1939 wurde er ins KZ Sachsenhausen deportiert und am 28. April 1940 ermordet

Jüdische Gewerkschafter auf der Flucht

Einigen jüdischen GewerkschafterInnen gelang die Flucht vor den Nationalsozialisten - wie dem Redakteur der Zeitung „Der Aufstieg“ der Gewerkschaft der Bekleidungsmacher und Mitbegründer der Gewerkschaftsschulen und Volksbildner, Richard Wagner. Er flüchtete 1938 nach Jugoslawien und schloss sich den Partisanen an. Nachdem er auf der Insel Rab ein Rettungsschiff für Alte, Kinder und Flüchtlinge organisiert hatte, „fiel er selbst im Kampf gegen die braunen Vandalen“. Eine Bombe sprengte ihn in die Luft.  

Die lange Flucht des Manfred Ackermann

Der Leiter der Jugendsektion im Zentralverein der kaufmännischen Angestellten Österreichs (heute Gewerkschaft gpa) und Redakteur der Gewerkschaftszeitung „Angestellten-Zeitung“, Manfred Ackermann, kämpfte bei den Februarkämpfen 1934 gegen die Austrofaschisten und dafür sperrten sie ihn in das Anhaltelager Wöllersdorf. Nach seiner Entlassung im März 1938 floh er über Italien und Brüssel nach Paris, wo er 1939 in ein Internierungslager kam. 

Im Jahr 1940 gelang ihm die Flucht über Spanien und Portugal in die USA. Er begann sein Leben neu aufzubauen, arbeitete als Hilfsarbeiter in der Bekleidungsbranche, wurde Betriebsrat und in der Gewerkschaft der Textilarbeiter aktiv. Nach seiner Pensionierung kehrte er 1964 nach Österreich zurück. 

Der Aufdecker – Berthold König

Der Zentralsekretär der Eisenbahnergewerkschaft, Berthold König, war bei den Faschisten besonders verhasst. Er hatte im Jahr 1933 die „Hirtenberger Waffenaffäre“ aufgedeckt. 40 Eisenbahnwagons voller Waffen trafen auf Geheiß des italienischen Diktators Benito Mussolini aus Italien bei der Hirtenberger Waffenfabrik ein. 84.000 Gewehre und 980 Maschinengewehre sollten modernisiert werden und dann weiter an das autoritär regierte Ungarn geliefert werden. Doch die Eisenbahner weigerten sich, die Waffen zu transportieren und auch der Bestechungsversuch – König wurden 150.000 Schilling (damals ein Vermögen) angeboten – misslang. 

König gelang die Flucht in die USA. Im Jahr 1950 kehrte er zur Teilnahme am Gewerkschaftstag der Eisenbahner zurück. Er sagte: „Kein Wort und keine Tat gehen verloren, noch nach Jahrzehnten gehen die Samenkörner auf, die unentwegte und ungebeugte Kämpfer der Arbeiterschaft in die Herzen ihrer Mitmenschen versenkt haben.“ 

Damals wie heute war und ist es wichtig, die Samenkörner der Solidarität, des Gewerkschaftsgedankens und des Antifaschismus auszusähen. 

Stärke den Kampf und das Sähen: Werde Gewerkschaftsmitglied, damit Faschisten niemals wieder an die Macht kommen können!